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Schiffsballett am Nordpol

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:13

Die Arctic Coring Expedition (ACEX) gehört zu den ehrgeizigsten Tiefbohrprojekten im Rahmen des Internationalen Meerestiefbohrprogramms. Zum ersten Mal in der Geschichte holten Wissenschaftler Meeressediment vom Boden des Arktischen Ozeans, und das von einer Stelle, an der die Meeresoberfläche von meterdickem Eis bedeckt ist. Der 428 Meter lange Bohrkern verhilft der Wissenschaft zu zahlreichen, teilweise überraschenden Erkenntnissen.

Es war schon ein sehenswertes Ballett, das im arktischen Sommer 2004 mitten im dicksten Polareis nur 250 Kilometer vom Nordpol entfernt geboten wurde. Ein wie eine Wespe gelbschwarz gestreiftes Schiff verharrt nahezu regungslos an einer Stelle inmitten des Eises. Zwei wesentlich größere Schiffe umkreisen es permanent und drehen wie balzende Hähne ihre Pirouetten. Immer wieder schieben sich der russische Atomeisbrecher "Sowjetski Sojus", ein roter Riese von fast 150 Metern Länge, oder die um ein Drittel kürzere schwedische "Oden", einer der stärksten konventionell angetriebenen Eisbrecher der Welt, zwischen das andrängende Meereis und das gelbschwarze Schiff. Dadurch kann die "Vidar Viking", so der Name des Schiffes, ihre Position ohne Probleme halten.

Eisbrecherballett von der schwedischen "Oden" aus gesehen: die "Vidar Viking" und die "Sowjetski Sojus" 2004 über dem Lomonossow-Rücken. Foto: ECORD/IODP

"Die beiden haben das Eis zerbrochen wie für einen gigantischen Martini-Cocktail, so dass nur kleinere Stücke bei der Vidar Viking ankamen", erinnert sich Henk Brinkhuis, Professor für Geobiologie an der niederländischen Universität Utrecht, der die Expedition mitgemacht hat. Obwohl die "Vidar Viking" durchaus Eisbrecher-Qualitäten hat, kann sie mit den meterdicken Platten hier direkt am Nordpol nicht fertig werden. Ohne die Hilfe der beiden Kraftprotzen wäre das Spezialschiff noch nicht einmal an seine jetzige Position gelangt. Dabei ist seine Mission das eigentlich wichtige an dieser Expedition in die Nähe des Nordpols. Denn die "Vidar Viking" ist ein Bohrschiff, es soll durch hunderte Meter Wasser hindurch tief in den Meeresboden des arktischen Ozeans hineinbohren.

"Das ist, als ob wir auf den Mond gingen, an einen Ort, über den wir praktisch nichts wissen", schwärmt Brinkhuis. Tatsächlich ist der Arktische Ozean noch unbekannter als der Rest der Weltmeere, denn er ist zum größten Teil eisbedeckt - und das zumindest zurzeit noch rund ums Jahr. Die europäische ACEX-Expedition war daher der erste Versuch, harte Daten über die Entstehung des fünftgrößten Ozeans der Welt zu gewinnen. Rund 430 Meter Bodensediment hat die aufwendige Expedition mit drei Schiffen zurück nach Europa gebracht. Und die Erkenntnisse, die dieser einzelne Bohrkern über die Vergangenheit des arktischen Ozeans und unseres Systems der Weltmeere zu Tage brachte, sind in der Tat überraschend.

Ausgewählt haben sich die Wissenschaftler des ACEX-Konsortiums dabei eine besonders gut geeignete Stelle: den Lomonossow-Rücken. Das ist ein 1800 Kilometer langer untermeerischer Gebirgszug, der sich von den Neusibirischen Inseln vor der Küste der russischen Teilrepublik Jakutien quer durch den arktischen Ozean bis zur kanadischen Ellesmere-Insel zieht. Dabei erhebt er sich stellenweise bis zu 3700 Meter über den umgebenden Meeresboden. Für ihre Bohrung wählten die Wissenschaftler einen der höchsten Gipfel des Gebirgszuges. "Das Wasser ist dort nur 1400 Meter tief", meint Brinkhuis, "während es an den Abhängen des Rückens schnell bis in 5000 Meter Tiefe heruntergehen kann."

Warten auf die "Aurora Borealis"

Doch es gibt auch noch einen anderen Grund: "Eine Rücken ist unbeeinflusst von Schlammströmen, die man immer findet am Rand von Meersbecken", erklärt Hans Brumsack, Professor für Mikrobiogeochemie an der Universität Oldenburg, "und die stören natürlich die kontinuierliche Abfolge von Sedimenten." Und um diese Sedimentschichten geht es den Wissenschaftlern in erster Linie. Denn jeder Meter Sediment-Bohrkern, den sie an die Meeresoberfläche holen, gibt Auskunft über Tausende von Jahren Erdgeschichte - vorausgesetzt das Material konnte sich in aller Ruhe absetzen und blieb dann auch ungestört. "Das ist ein Türöffner für weitere Expeditionen", lässt sich Henk Brinkhuis von seiner Begeisterung hinreißen, "wir haben gezeigt, dass wir es können, und wir sollten weitere Bohrungen durchführen." Denn natürlich ist ein Bohrkern für die Erklärung eines Ozeans zu wenig, der mit 14 Millionen Quadratkilometern Fläche um ein Drittel größer ist als etwa der Kontinent Europa.

Wann die Nachfolgeexpedition des 10 Millionen Euro teuren ACEX-Projektes kommen wird, ist offen. Die Wissenschaftler hoffen auf das europäische Bohrschiff "Aurora Borealis", ein Mammutprojekt von 350 Millionen Euro. Es befindet sich auf der Liste der wissenschaftlichen Großprojekte, die die europäische Forschung als Wunschzettel zusammengestellt hat. Allerdings ist die Finanzierung dieses Schiffes weiterhin offen. Aber immerhin hat die Bundesregierung dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Mittel für die Planung des Schiffes bewilligt.