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Schlüsselfaktor Landwirtschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 08.04.2016 11:22

Von allen bewohnbaren Kontinenten der Erde besiedelte der Mensch Südamerika zuletzt. Über die Landbrücke Beringia zwischen Sibirien und Alaska sind die Vorfahren der indianischen Ureinwohner irgendwann im Zeitraum von vor 30.000 bis vor 15.000 Jahren in kleinen Gruppen auf den amerikanischen Doppelkontinent eingewandert. Biologinnen der Stanford University in Kalifornien haben jetzt in „Nature“ die Entwicklung der präkolumbianischen Bevölkerung in der Zeit von vor 15.500 Jahren bis zur Zeitenwende modelliert.

Die Bevölkerungsentwicklung in Südamerika vor der spanischen und portugiesischen Eroberung ist kaum bekannt. Nach sehr groben Schätzungen lebten bei Ankunft der Europäer zwischen 25 und 80 Millionen Menschen auf dem Kontinent, das Gros konzentriert in den Hochkulturen an der Westküste. Drei Biologinnen aus Stanford haben jetzt die Populationsdynamik in Südamerika modelliert, bevor dort die großen Reiche entstanden. Als Grundlage dienten ihnen 5464 mit Hilfe der Radiokarbonmethode datierte Fundstücke, die sie am Ende 2576 Siedlungen und Siedlungsschichten an 1147 archäologischen Stätten zuordneten.

In den steilen Tälern der Anden kann man Landwirtschaft nur mit aufwendigem Terrassenbau betreiben. (Bild: Stanford University)Die Wissenschaftlerinnen fanden, dass die Verteilung der archäologischen Funde am besten zu einem zweiphasigen Populationsmodell passt. Die längere erste Phase dauerte bis vor etwa 4350 Jahre. In ihr breiteten sich die Menschen sehr schnell über den Kontinent aus, blieben allerdings auf einzelne Orte beschränkt, so dass die Gesamtbevölkerungszahl sehr gering blieb. Zu den Merkmalen dieser Erschließungsphase gehörte es auch, dass Populationen an diesen einzelnen Orten sehr stark wuchsen, um in der Folge zusammenzubrechen. „Die Menschen haben sich genau wie alle anderen invasiven Arten entwickelt, unsere Studie zeigt, dass sie sogar in so großen Gebieten wie Kontinenten zu viel zu schnell verbrauchen können“, betont Hadly, Professorin für Umweltbiologie an der kalifornischen Stanford University.

Mit diesen Boom-and-Bust-Zyklen war erst in der anschließenden Phase Schluss, die bis zum Ende des Beobachtungszeitraums vor gut 2000 Jahren dauerte. In ihr wuchs die Bevölkerungszahl um geschätzt das Dreifache, blieb aber selbst dann relativ gering. Die Biologinnen kommen auf niedrige 600.000 bis eine Million - wie sie selbst schreiben, wenig für eine Agrargesellschaft. Interessant ist jedoch, dass das Bevölkerungswachstum nicht mit dem Beginn von Pflanzen- und Tierzucht einsetzte. „Wir sehen vielmehr, dass es einhergeht mit großen Siedlungen und dem Ackerbau“, sagt Amy Goldberg, Doktorandin in Stanford und Hauptautorin der Nature-Studie.

Die Kultivierung von Pflanzen und die Tierzucht sind in Südamerika wesentlich älter. Sie begann vermutlich vor 8200 Jahren im Nordwesten des Kontinents und breitete sich langsam über den gesamten Kontinent aus. „Anfangs handelte es sich nur um eine Handvoll Pflanzen und wenige Tiere, die die Nahrungssuche als Wildbeuter ergänzten“, schreiben Goldberg, Hadly und ihre Co-Autorin Alexis Michaijliw in „Nature“. Zu Beginn der zweiten Bevölkerungsphase hatten sich jedoch mehrere voneinander unabhängige Landwirtschaftszentren gebildet, von denen aus die Umgebung intensiver genutzt wurde.

Erst mit dieser relativ späten Sesshaftigkeit konnten die Menschen in Südamerika sich in einem gewissen Grad von ihrer Umgebung unabhängig machen, weil sie den Ertrag drastisch steigern konnten. „Obwohl die Menschen seit Jahrtausenden durch Werkzeuggebrauch und Tier- und Pflanzenzucht ihre Umgebung gestalteten“, schreiben die Autorinnen, „konnten sie erst durch Sesshaftigkeit und Landwirtschaft die Ertragskraft lokal und schließlich auch kontinentweit so sehr steigern, dass ein starkes Bevölkerungswachstum möglich wurde.“