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Sehr weitläufige Verwandtschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 14:39

Seit auf der indonesischen Insel Flores Überreste von sehr kleinen Menschen gefunden wurden, tobt der Streit, ob es sich dabei um eine separate Menschenart handelt, die bis vor rund 12.000 Jahren neben uns herlebte, oder nur um krankhafte Angehörige unserer eigenen. Die Waagschale scheint sich zugunsten der eigenen Menschenart zu neigen - und die könnte sogar zu den urtümlichsten Mitgliedern der Gattung Mensch gehören, die wir kennen.

Hobbit mit Peter BrownDer Streit um den indonesischen Hobbit, wissenschaftlich homo floresiensis, neigt sich offenbar einem vorläufigen Ende zu. Zwei Aufsätze in der aktuellen „Nature“ führen zahlreiche Indizien ins Feld, dass der Winzling von der Insel Flores kein krankhaft veränderter moderner Mensch war, sondern eine andere Menschenart - obwohl seine jüngsten Überreste erst 12.000 bis 17.000 Jahre alt sind. „Man muss sich jetzt mit der Tatsache anfreunden“, so William Jungers, Anatomieprofessor an der Stony Brook Universität, „dass wir dort ein ungewöhnliches Individuum gefunden haben, das sich nicht als pathologisch wegerklären lässt.“

Sollte sich damit der Konflikt um eventuelle Mikrozephalie-Erkrankte auf der Insel erledigt haben, deutet sich schon der nächste an. Denn der renommierte Paläoanthropologe aus New York belässt es nicht bei dieser einen Kröte, sondern serviert flugs die nächste: „Ich würde sagen, dass das Fossil zumindest mit einer gewissen Chance von einem primitiveren menschlichen Ahnen als Homo erectus abstammt, der Afrika noch vor diesem verließ.“ Bislang wurde unser vor 1,8 Millionen Jahren aufgetretener unmittelbarer Vorfahre Homo erectus als Ahn des Hobbits präsentiert, jetzt bringen Jungers und seine Kollegen eine noch frühere Abspaltung vom menschlichen Stammbaum ins Spiel, etwa von dem ersten Vertreter unserer Gattung überhaupt, dem Homo habilis, oder sogar von Vormenschen der Gattung Australopithecus. Allerdings gibt es für deren Wanderlust bislang keine Beweise.

Hobbit-FußJungers hat sich für seinen jüngsten Aufsatz vor allem mit dem Hobbit-Fuß beschäftigt - und der hat ihn ziemlich überrascht. „Manches an diesem Fuß war geradezu schockierend primitiv, so dass wir sogar die Affenanatomie zum Vergleich heranziehen mussten.“ Schockierend primitiv heißt, dass selbst der frühe Homo erectus schon auf modernerem Fuß lebte. Schon er hatte kurze, gerade Zehen und ein Fußgewölbe und war damit für Dauerlauf in der Steppe gut ausgestattet. Anders dagegen der Hobbit-Fuß: Er hatte lange, gebogene Zehen und eben eine flache Sohle. „Manche Proportionen und Details sahen eher aus wie bei den drei Millionen Jahre alten Australopithecinen oder sogar bei den Schimpansen“, so Jungers. Doch anders als diese war Homo floresiensis ein lupenreiner Zweifüßer, der durchaus gut und ausdauernd zu Fuß war. Aber er war eben eher ein Wanderer als ein Dauerläufer oder Sprinter - vor allem jedoch war er kein Kletterer wie Affen und Australopithecinen mehr. „Homo floresiensis hatte nicht mehr den abgespreizten  großen Zeh, mit dem man greifen kann“, so Jungers, „das ist sicher.“

Hobbit mit modernem SchädelZusammen mit den schon bisher zusammengetragenen Indizien über das geschrumpfte, aber keineswegs krankhaft veränderte Gehirn stellt das für Jungers die enge Verwandtschaft mit uns modernen Menschen drastisch in Frage. „Es gibt so viele anatomische Merkmale, die primitiver sind als bei Homo erectus“, so der Anatomieprofessor, „wenn es sich also einfach um eine Inselzwergform handelt, haben wir nicht nur eine Verringerung der Körpergröße, sondern auch eine veritable Rückentwicklung - und dafür kenne ich keinen Parallelfall.“

Doch auch ohne die primitiven Füße könnte der Hobbit schwerlich als Zwergform des modernen Menschen durchgehen. Das belegt ein zweiter Aufsatz in „Nature“, in dem sich zwei Wissenschaftler des Londoner Naturkundemuseums mit Zwergflusspferden auf Madagaskar beschäftigen. Eleanor Weston und Adrian Lister untersuchten, in welchem Maß die Inselflusspferde gegenüber ihren normalgroßen Vorfahren auf dem Kontinent geschrumpft waren. „Und als wir uns die Gehirne der Tiere anschauten“, berichtet Weston, „da waren sie tatsächlich noch um 30 Prozent kleiner als zu erwarten war.“

Die Erklärung ist recht einfach: Inselverzwergung ist eine Möglichkeit, auf das geringere Nahrungsangebot einer Insel zu reagieren, denn kleinere Tiere verbrauchen weniger Nahrung als größere. Das Gehirn aber ist der größte Luxus, den sich Wirbeltiere überhaupt leisten können, denn es verbraucht überdurchschnittlich viel Energie. Der moderne Mensch etwa investiert zwischen 16 und 20 Prozent seines Grundumsatzes ins Gehirn, obwohl das nur zwei Prozent seiner Körpermasse ausmacht. Ein kleineres Gehirn bringt daher überdurchschnittliche Einsparung.

HobbitschädelAllerdings kann man auch mit dieser erhöhten Schrumpfungsrate aus dem Gehirn eines modernen Menschen nicht das von Homo floresiensis machen. Es war mit 417 Kubikzentimeter noch kleiner als das der berühmten Lucy, dem rund drei Millionen Jahre alten Australopithecus afarensis aus Äthiopien. Schon mit vielen Vertretern von Homo erectus hätte man da seine Schwierigkeiten. „Aber nicht alle hatten große Gehirne“, so Eleanor Weston, „wenn man die geeigneten schrumpft, könnte man durchaus auf den Hobbit kommen.“

Noch mehr Möglichkeiten böten sich der britischen Forscherin zufolge, wenn man auf die Inselverzwergung verzichten würde. „Dann kämen alle anderen Hominiden in Frage, von denen einige schon sehr klein sind“, so Weston. Belege für diese These gibt es freilich noch keine. Umso gespannter sind die Wissenschaftler auf weitere Expeditionen nach Flores. Mike Morwood, einer der Entdecker von Homo floresiensis hat nach Jungers Auskunft vorgeschlagen, einige Fundstätten von Steinwerkzeugen eingehend nach Hominiden-Knochen zu durchsuchen. Diese Stätten sind nachgewiesenermaßen rund eine Million Jahre alt. „Wenn wir da Fossilien finden, könnte uns das die Entscheidung zwischen Inselzwergen und einer primitiven Menschenart erleichtern“, so Jungers.

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