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Small is not always beautiful

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2013 16:50

Wasserkraft wird zu den erneuerbaren Energien gezählt. Doch die Staudämme und Wehre der Flusskraftwerke sind keineswegs umweltneutral, weshalb große Staudammprojekte international in Misskredit geraten sind. Ob allerdings die als Alternative angepriesene dezentrale Wasserkraft tatsächlich die bessere Wahl ist, wird schon seit längerem immer wieder bezweifelt. Eine Fallstudie über China, die jetzt in den "Geophysical Research Letters" erschien, unterstreicht die Zweifel erneut.

Der Nu Jiang/Saluen an der Grenze zwischen Tibet und Yünnan. (Bild: NSF/Kelly Kibler, OSU)Der Saluen ist ein ziemlich ungebärdiger Fluss. Von seiner tibetischen Quelle auf 5450 Metern Höhe rauscht er die meisten seiner rund 2900 Kilometer bis zur Mündung in die Andamanensee über Stromschnellen hinab: Vom Dach der Welt über den gebirgigen Teil der chinesischen Provinz Yünnan und das Shan-Hochland in Myanmar ist der Fluss reißend und nicht schiffbar, nur die letzten 120 Kilometer des Unterlaufs können von Schiffen befahren werden. Die starke Strömung disqualifizieren den Saluen und seine Nebenflüsse vielleicht als Transportwege, doch für die Energieerzeugung lässt sie sie umso geeigneter erscheinen. Kein Wunder, dass das energiehungrige China die Wasserkraft des Gebirgsflusses nach Kräften ausnutzen will: 13 große Staudämme sind am Oberlauf des Saluen selbst in Planung, der auf Chinesisch Nu Jiang heißt, was auch Wütender Fluss bedeutet. An den Nebenflüssen gibt es wohl bereits Hunderte Barrieren. Ein genauer Überblick fällt bei den kleineren Kraftwerken schwer, denn anders als bei den Großprojekten werden sie nicht unter zentraler Leitung gebaut. Vielmehr kann jede Provinz oder Präfektur sie in Eigenregie errichten. "Allein in der Präfektur Nujiang gibt es nach unseren Recherchen fast 100 dieser Dämme", erklärt Kelly Kibler, Hydrologin an der Oregon State University. Nujiang hat etwa die Größe Schleswig-Holsteins und die Einwohnerzahl Bremens.

Ausleitungskraftwerke leiten die Zuflüsse des Nu Jiang/Saluen um. (Bild: NSF/Kelly Kibler, OSU)Kibler und ihre Kollegin Desiree Tullos haben den Saluen und seine Nebenflüsse in Nujiang als Beispiel genommen, um die ökologischen Auswirkungen von großen und kleinen Staudämmen zu vergleichen. Bei den kleinen Projekten konnten sie ihre Daten zum großen Teil bei bereits installierte Anlagen erheben, bei den Großprojekten, die alle noch in Planung sind, mussten sich die beiden Wissenschaftlerinnen auf Simulationen verlassen. Üblicherweise werden gerade die Megaprojekte als besonders schädlich betrachtet, weshalb die dezentrale Stromerzeugung mit vielen kleinen Einheiten als vernünftige Alternative gilt. Die beiden Wasserbau-Ingenieurinnen kamen zu Ergebnissen, die größere Vorsicht beim Ausbau der dezentralen Wasserkraft  nahelegen. "Tatsächlich hatten die kleinen Dämme versteckte schädliche Effekte, insbesondere wenn mehrere Anlagen hintereinander gebaut wurden", erklärt Kelly Kibler. Bei neun von 14 Kriterien überstiegen die Folgen diejenigen der Großdämme, wenn man die Daten auf den einheitlichen Vergleichsmaßstab Megawatt installierter Leistung herunterbrach. Darunter befanden sich die Länge des beeinflussten Flussabschnitts, Vielfalt der beeinflussten Ökosysteme, Einfluss auf Hydrologie und Wasserqualität, Biodiversität und Naturschutz. Große Dämme dagegen hatten Nachteile bei den Punkten Landverbrauch, Sedimenttransport und seismische Risiken.

Liuku, der Hauptort der Präfektur Nujiang. (Bild: Wikimedia Commons)Die Studie ist nicht ohne Schwächen. Eine der größten ist zweifellos die unterschiedliche Datenqualität von Beobachtungs- und Simulationsdaten. Eine weitere kommt durch die Topographie der Präfektur Nujiang: Das Flusstal des Saluen ist tief eingeschnitten mit steilen, aber kurzen Seitentälern. Dadurch werden unterschiedliche Kraftwerkstypen eingesetzt, die schon durch ihre Funktionsweise unterschiedlich auf ihre Umwelt einwirken. Ausleitungskraftwerke an den Nebenflüssen stauen das Wasser weniger auf, sondern leiten es über einen Kanal zum eigentlichen Kraftwerk und dann wieder zurück in den Fluss. Im Hauptfluss dagegen werden klassische Staudämme mit Laufturbinen eingesetzt. Doch die grundsätzliche Schlussfolgerung der Untersuchung dürfte zutreffen: Der einfache Slogan "small is beautiful" ist auch in der Wasserkraft ein Kurzschluss. Bei der Planung von dezentralen Wasserkraftwerken muss ebenso wie bei Großprojekten der Blick auf die weitere Umgebung fallen, was eine zentrale Koordinierung unbedingt erfordert.

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