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Stadt unter Maisfeldern

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.08.2009 09:40

Die Römer waren so begnadete Städtebauer, dass die Mehrzahl ihrer Städte das Ende des Römischen Reiches lange überstand und viele Städte Europas heute noch ihre römischen Wurzeln zeigen können. Allerdings finden die Archäologen selten Überreste römischer Siedlungen, ohne dass sie durch Mittelalter und Neuzeit verfälscht wurden. Ein solch seltener Fall ist Altinum, in der Antike ein bedeutender Hafen der oberen Adria, in der Völkerwanderungszeit aufgegeben und seitdem nie wieder besiedelt. Italienische Archäologen zeichneten jetzt den Stadtplan der Siedlung unweit des venezianischen Flughafens auf und berichten darüber in „Science“..

Falschfarbenbild von AltinumWer Venedigs Flughafen „Marco Polo“ anfliegt, wird vermutlich in Richtung Lagune schauen, in der Hoffnung, einen Blick auf die Kuppeln und Türme der Serenissima werfen zu können. Kaum ein Flugpassagier wird die Felder und Wiesen direkt am Flughafen bewusst wahrgenommen haben, dabei hätte man mit etwas Glück die Umrisse einer Vorläuferin der ehrwürdigen Lagunenstadt erkennen können. Denn nördlich des Flughafens zeichnen sich in den Mais- und Sojafeldern am Flüsschen Zero die Überreste der einst stolzen römischen Stadt Altinum ab. „Wir haben jetzt den Aufbau der Stadt entdeckt, ihren Plan“, berichtete Paolo Mozzi von der Universität Padua, „ihre Existenz war schon vorher bekannt.“

Ein halbkreisförmiges Amphitheater, das Forum mit möglicherweise zwei angrenzenden Tempeln, ein weiteres halbkreisförmiges Theater und eine große Basilika, ein hallenförmiges Gebäude, sind auf den Infrarotaufnahmen des paduanischen Geographenteams zu erkennen. Aber auch die  Stadtmauern der rund 20.000 Einwohner zählenden Stadt, mehrere Tore, Teile des schachbrettartigen Straßennetzes und ein großer Kanal, der mitten durch die Stadt führte und sie mit der Lagune und den Flüssen Venetien verband, zeichnen sich ab. Die Forscher glauben auch den antiken Hafen der Stadt gefunden zu haben. „Insgesamt hatte die Stadt eine Fläche von rund einem Quadratkilometer“, so Mozzi.  Die Geographen hatten die Felder im heißen und sehr trockenen Sommer 2007 in geringer Höhe überflogen. „Die Überreste zeichneten sich so deutlich ab“, erklärte Mozzi, „weil die Ackerpflanzen unter Trockenheitsstress standen, und sich deshalb Wachstumsunterschiede zeigten, je nachdem ob sie über Mauerresten wuchsen oder nicht.“

Stadtplan von AltinumSchon der antike Schriftsteller Strabon, der im ersten Jahrhundert vor Christus lebte, erwähnt im sechsten Buch seiner „Geographica“ die Stadt Altinum als vom Wasser umgebenen Siedlungsplatz der Veneter. Seine Blütezeit hatte der Platz aber wohl erst nach der Zeitenwende während der römischen Kaiserzeit. Unter Augustus wurde von Altinum aus die Via Claudia Augusta gebaut, die wichtigste Fernstraße zwischen Norditalien und den neueroberten Gebieten im Donauraum. Sie führte über Südtirol und den Reschenpass ins Inntal. Kaiser Claudius ließ die Via Claudia Augusta erneuern und bis zum Grenzkastell Submuntorium bei Donauwörth verlängern. Damals war Altinum offenbar ein bedeutender Hafen der oberen Adria und blieb dies auch während der gesamten römischen Zeit.

In der Endphase des weströmischen Reiches erlitt die Stadt dasselbe Schicksal wie viele andere auch: 452 wurde sie von den Hunnen unter Attila erobert, geplündert und weitgehend zerstört. Während der Kämpfe retteten sich einige Bewohner auf die vorgelagerten Inseln Torcello und Burano in der Lagune. Nach dem Hunnensturm kehrten die Einwohner zwar noch einmal nach Altinum zurück, doch die Zeiten von Größe und Wohlstand waren dahin. Als im 7. Jahrhundert die Langobarden Italien eroberten, gaben die Einwohner die Stadt endgültig auf und zogen sich auf die Inseln der Lagune zurück. Die Stadt zerfiel, ihre Bauwerke dienten als Steinbruch für das neue Zentrum der Gegend, Venedig.

Standort von AltinumDas Schicksal Altinums ist nicht ungewöhnlich für Venetien. Auch der Hauptort der Region und Sitz des Patriarchen und Erzbischofs, Aquileja, verwaiste in der Völkerwanderungszeit. Das Patriarchat wurde auf die  Insel Grado verlegt und zog später nach Venedig um. Doch anders als Aquileja wurde Altinum nie wieder besiedelt. Damit ist sie eine der wenigen römischen Städte, die nicht durch mittelalterliche und neuzeitliche Besiedlung überprägt worden sind. Weitere Beispiele sind etwa Pompeji und Herculaneum, die beide 79 nach Christus dem plinianischen Ausbruch des Vesuvs zum Opfer fielen und ebenfalls nie wieder besiedelt wurden.
Altinum verfiel lange Zeit und versank dann in den Fluten der Lagune, als der Wasserspiegel anstieg. Durch Entwässerungs- und Landgewinnungsmaßnahmen im 19. Jahrhundert verwandelte sich der Standort schließlich in wertvolles Ackerland und könnte jetzt ein überaus fruchtbares Feld für Archäologen werden. „Wir werden jetzt zusammen mit den Denkmalschutzbehörden überlegen, wie wir die Stadt weiter erkunden“, erklärte Mozzi weiter. Ansatzpunkte gibt es zahlreiche, schließlich liegt eine komplette Provinzstadt des Römischen Imperiums unter einer dünnen Schicht Mutterbodens begraben.

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