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Städte im Dschungel

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 13:00

Die traditionelle Sicht, nach der das präkolumbianische Amerika in einen hoch entwickelten Westen und Norden und einen nahezu menschenleeren Dschungel im Osten zerfiel, gerät immer mehr ins Wanken. Archäologen aus den USA und Brasilien graben bereits seit Jahren die Überreste einer Hochkultur mitten im Amazonas-Dschungel aus. In der jüngsten „Science“ berichten sie über ihre Funde.

Als die iberischen Eroberer nach Peru und Mexiko auch den Rest Lateinamerikas nach goldreichen Zivilisationen durchkämmten, schwärmten sie ohne Erfolg aus. In  den unendlichen Dschungeln des Amazonas fanden sie kaum eine Menschenseele und schon gar keine edelmetallreiche Hochkultur. Süd- und Mittelamerika schien ein zweigeteilter Kontinent zu sein: Im Norden und Osten hochentwickelte Zivilisationen, im Westen vor allem Dschungel.

Xingu GrabenDiese traditionelle Sicht vom präkolumbianischen Amerika gerät zunehmend ins Wanken. Denn am Rio Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas, hat es bis zum Einmarsch der Europäer eine hochentwickelte Agrarzivilisation mit umwallten Städten gegeben, deren Blütezeit im 13. Jahrhundert begann und Mitte des 17. Jahrhunderts abrupt endete. „Ihre Städte waren etwa von der Größe einer durchschnittlichen mittelalterlichen oder auch antiken griechischen Stadt“, erklärt Mike Heckenberger von der Universität Florida.

Um diese Zentren herum gruppierten sich kleinere Ortschaften, doch ein übergeordnetes Reich wie bei den Inkas oder bei den Azteken gab es offenbar nicht, auch keine machtvollen Stadtstaaten wie bei den Mayas. Allerdings erreichten ihre von Erdwällen und Gräben umgebenen Zentren Ausdehnungen von 30 bis 50 Hektar und die von Heckenberger und seinen Kollegen näher untersuchten Gemeinwesen umfassten Gebiete von etwa 250 Quadratkilometer. Die größeren Zentren und kleineren Siedlungen in diesen Gebieten  waren miteinander durch befestigte Straßen verbunden.

Xingu HausDiese hochentwickelte Kultur hatte offenbar auch Wege gefunden, dem trotz aller tropischen Üppigkeit recht armen Amazonasboden genug Lebensmittel, in der Hauptsache offenbar Maniok, abzuringen. In künstlich angelegten Teichen dürften die Menschen zudem Fische, die zweite Nahrungsgrundlage, gezüchtet haben. Das Land wurde durch künstlich hergestellten Humus fruchtbar gehalten. Diese „terra preta“ gibt es sogar heute noch, Jahrhunderte nach dem Ende der einheimischen Kulturen. Dagegen haben heutige Bauern selbst mit modernem Dünger große Schwierigkeiten mit dem Boden.

Xingu Ausgrabung 2Masern und Windpocken, die die europäischen Invasoren einschleppten und denen die Einheimischen nichts entgegensetzen konnten, brachten den jahrhundertealten Kulturen allerdings innerhalb weniger Jahre den Untergang. „Siedlung auf Siedlung und schließlich ganze Regionen wurden in dem Maß aufgegeben, in dem sich die Bevölkerung verringerte“, berichtet Heckenberger. Das ging so schnell, dass der einzige Augenzeugenbericht über die Xingu-Kultur von Zeitgenossen als Fabel angesehen wurde.

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