Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Stärkung der eigenen Rohstoffbasis

Stärkung der eigenen Rohstoffbasis

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.08.2011 08:50

Rohstoffe bilden das Fundament jeder Volkswirtschaft. Gerade die hochentwickelten Industrieländer in Europa haben sich daran gewöhnt, sich ihre Rohstoffe zum allergrößten Teil auf dem Weltmarkt, sprich, auf anderen Kontinenten zu holen. Die Konkurrenz der aufstrebenden Schwellenländer macht das zu einem wachsenden Risiko. Bergbauexperten forderten daher auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union ein Umdenken und mehr Exploration der eigenen Rohstoffe.

Kontrollraum Kupferbergwerk Aitik"Wissen Sie, welches die neue Bergarbeiterkrankheit ist? Erhöhte Cholesterinwerte." Patrice Christmann, Abteilungsleiter für mineralische Rohstoffe beim französischen Geologischen Dienst BRGM muss selbst schmunzeln, aber es ist kein Witz. "Früher war es Staublunge, eine furchtbare Sache. Aber in den modernen vielfach fernbedienten Bergwerken sitzen die Leute vor Bildschirmen und Joysticks und stopfen zu viel Sandwiches und Cola in sich hinein." Die Eisenmine im schwedischen Kiruna ist ein Beispiel für so ein Bergwerk: Bis in 1045 Meter Tiefe wird dort Eisenerz weitgehend fernbedient abgebaut, rund 25 Millionen Tonnen im Jahr - und das mit nur 500 Beschäftigten. Die Vertiefung des schon jetzt größten Erzbergwerks der Welt auf mehr als 1350 Meter ist in Planung. Kiruna zeigt, dass auch in Europa Bodenschätze mit großem Gewinn abgebaut werden können.

Dennoch spielt der Kontinent, der rund ein Fünftel der Weltwirtschaft repräsentiert, als Rohstoffproduzent eine immer geringere Rolle. "Europa ist reich an mineralischen Rohstoffen und hat eine sehr lange Bergbautradition, aber in jüngster Zeit ist die Produktion immer stärker zurückgegangen", kritisiert Patrick Redmond, Explorationsmanager für Europa und Afrika beim kanadischen Rohstoffgiganten Teck Resources. Nach Ansicht des Iren liegt das nicht daran, dass jahrtausendelanger Bergbau die Ressourcen des Alten Kontinents erschöpft habe. Es gibt bedeutende Lagerstätten für Kupfer, Zink und Nickel, und selbst die lange sieche Kohleförderung könnte in manchen Zechen profitabel betrieben werden. "Die Explorationsfirmen zögern mit Investitionen, weil sie glauben, dass Genehmigungen hier schwieriger zu bekommen sind, und weil sie die Opposition der Leute vor Ort fürchten", meint Redmond, der das Verhalten der Europäer erratisch findet. "Sie wollen die Bergwerksprodukte, aber sie wollen die Bergwerke nicht in ihrer Umgebung."

Profitable MineGut möglich, dass sich das ändern wird und die Industriestaaten in Europa und Amerika ihre eigenen Rohstoffe wieder schätzen lernen. Denn die Experten erwarten schon allein wegen Bevölkerungswachstums und Wohlstandsmehrung eine wachsende Konkurrenz um die Rohstoffe. "Die Nachfrage wird dramatisch steigen", schätzt Patrice Christmann, "in den vergangenen zehn Jahren wuchs die Eisenerzproduktion jährlich um 7,7 Prozent." Eisenerz als Rohstoff für Stahl gilt als Indikator für Wirtschaftswachstum, das die Nachfrage nach anderen Rohstoffen treibt. Nach einer Delle in der jüngsten Wirtschaftskrise zeigt die Bedarfskurve wieder steil nach oben. Dass dann auch Bergbau unter Beachtung hoher Umweltstandards möglich ist, zeigt der Kupfertagebau Aitik in Schwedisch-Lappland, knapp 100 Kilometer südlich von Kiruna. Das hier abgebaute Erz enthält mit weniger als 0,4 Prozent Kupferanteil extrem wenig von dem Edelmetall. Und die Begleitmetalle Gold, Silber und Molybdän können mit Gehalten von 0,14, 1,7 und 29 Gramm pro Tonne noch nicht einmal in Promille erfasst werden.  "Trotzdem ist die Mine ausgesprochen profitabel", unterstreicht Patrice Christmann, "unter strikten Umweltschutzauflagen und im Hochlohnland Schweden."

Für manche Bergwerke bedeutet das eine neue Chance auf dem Markt, aus dem sie preiswerte Wettbewerber in den vergangenen Jahren vertrieben hatten. "Das klassische Beispiel ist die Mountain-Pass-Mine in den USA", erklärt Lluis Fontbonté, Lagerstättenkundler an der Universität Genf, "die schließen musste, weil es billiger war, in China zu kaufen und die mit dem Abbau verbundenen Umweltproblemen den Chinesen zu überlassen." In Mountain Pass wurden bis 2002 Seltene Erden gewonnen. Das sind Metalle, die für zahlreiche Zukunftstechnologien zentral sind, von Windenergieturbinen bis zur Hightech-Kommunikationstechnik. Das Bergwerk förderte einmal den Großteil dieser Elemente und musste schließen, weil die Konkurrenz aus China und die kalifornischen Umweltauflagen den Betrieb unrentabel gemacht hatten. Der Preissprung für Seltene Erden und die Diskussion um das chinesische Quasimonopol führten zu einem Umschwung, die Mine soll noch in diesem Jahr wieder öffnen.

Kupfermine Aitik, Schwedisch-LapplandAuch in Europa scheint sich der Himmel für die Rohstoffindustrie wieder aufzuhellen. In Serbien wurde eine Lithium-Lagerstätte entdeckt, "eines", so Richard Herrington, Rohstoffexperte am Naturkundemuseum in London, "der größten Lithiumprimärvorkommen der Welt". Zurzeit wird Lithium hauptsächlich aus Salzen, sogenannten Sekundärvorkommen, gewonnen. Doch mit dem steigenden Bedarf unter für Akkus und Batterien rücken auch die Primärvorkommen des Alkalimetalls im Gestein in den Fokus. Auch alte, längst aufgegebene Standorte werden wieder interessant. "In Cornwall gibt es eine Lagerstätte für Wolfram, auch eins dieser Schlüsselelemente", erklärt Herrington, "ihre Ausbeutung scheint jetzt wirtschaftlich zu werden." Das Hemerdon-Vorkommen gilt als eine der größten Wolfram-Lagerstätten der Welt, in den Jahren 1919 und 1920 sowie von 1934 bis 1944 gab es hier schon einmal Bergbau.

"Ich glaube, dass auch andere strukturschwache Gegenden von einer Wiederbelebung des Bergbaus profitieren könnten", sagt Herrington, "der Kontinent hat noch sehr großes Potenzial bei tiefer liegenden Vorkommen." Ökonomisch interessant sind die meisten derzeit noch nicht, manche sind noch nicht einmal technisch erreichbar. "Wir sollten in dieser Beziehung jedoch langfristig denken", verlangt Patrick Redmond, "und diese Rohstoffe für künftige Generationen bewahren."

Verweise
Bild(er)