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Station mit Aussicht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 09:57

Mit einem Festakt in Berlin samt Direktleitung in die Antarktis hat Deutschland seine neue Forschungsstation am Südpol Neumayer-III eingeweiht. Zum ersten Mal in fast 30 Jahren deutscher Präsenz im atlantischen Teil der Ostantarktisküste wird die Station dauerhaft sichtbar bleiben, denn sie steht auf Stelzen. Wenn Einweihungsgäste und Aufbau-Team abgezogen sind, steht allerdings Winterschlaf auf dem Programm. Nur die Überwinterungscrew wird den Neubau bis zum kommenden europäischen Herbst bewohnen. Bei technischen Kinderkrankheiten sind sie auf sich selbst und Fernwartung aus Europa angewiesen.

Ballonstart von Neumayer-IIIIn der Antarktis geht eine Epoche der Schuhschachteln und Maulwurfsgänge zu Ende. Nachdem sich ihre Vorgänger 28 Jahren lang unter dem Eis versteckten, kommt die neue deutsche Station Neumayer-III an die Oberfläche. Rund sechs Meter über der Eisfläche des Ekström-Schelfs reckt der Neubau seine rot-weiß-blaue Fassade in die kalte antarktische Luft.


Der erste Sturm ist bereits für das Wochenende angekündigt, doch hinter der Stahlfront laufen die letzten Abschlussarbeiten, damit der Überwinterungsmannschaft am 4. März eine vollständig einsatzbereite Station übergeben werden kann. Zurzeit ist die Station allerdings noch bis auf den letzten Platz belegt. „Obwohl bereits 30 Mann der Montagecrew abgereist sind, sind wir immer noch 90 Mann hier“, erklärt Saad El Naggar, technischer Leiter Forschungsplattformen beim Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi) per Telefon aus der Antarktis.

Neumayer-III von SüdwestenPünktlich zum Ende des Internationalen Polarjahres verfügt Deutschland damit über eine der modernsten Stationen in der Antarktis. Neumayer-III soll mindestens 25 Jahre betrieben werden und damit etwa so lange halten wie ihre beiden Vorgängerinnen zusammengenommen. Die neue Station soll erstmals alle Arbeits- und Lagerräume unter einem Dach bereithalten. Auch die Expeditionen im antarktischen Sommer, die manchmal mit 40 Personen und mehr  anrücken, sollen nicht mehr in den „Tomaten“ genannten roten Iglus auf der Eisoberfläche übernachten, sondern in einem eigenen Stationsteil. Er wird im Winter, wenn nur noch neun Personen die Station bewohnen, stillgelegt.

Obwohl hier am atlantischen Rand der Ostantarktis mindestens 75 Zentimeter Schnee pro Jahr fallen, wird die Station immer gleichen Abstand zur Eiskante bewahren, denn ihre Stelzen sind hydraulisch und werden in regelmäßigen Abständen eingezogen und auf höhere Fundamente gestellt. Die Hydraulik wird wesentlich zur verlängerten Lebensdauer der Station beitragen, die Technologie ist weitgehend erprobt, da die klimatischen Bedingungen am Rand der Antarktis nicht so harsch wie in ihrem Inneren sind.

Atka-BuchtDie strengen Umweltauflagen, die für die Antarktis gelten, verpflichten die Stationsbetreiber zu geringstmöglichen Eingriffen in die Umwelt. Daher wurde so weit wie möglich Material der alten Station Neumayer-II für den Neubau wiederverwendet. Die Energieversorgung soll zum Teil auf erneuerbaren Energien beruhen. „Wir können allerdings nicht auf die Dieselgeneratoren verzichten“, so El Naggar, „denn Neumayer-III wird rund ums Jahr betrieben.“ Das unterscheidet sie von der belgischen Prinzessin-Elisabeth-Station, die zu Monatsbeginn eingeweiht wurde und ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll. Neumayer-III braucht aber auch im antarktischen Winter Energie, wenn Polarnacht herrscht und heftige Winterstürme die Windanlagen lahm legen. Immerhin trägt bei Neumayer-III jetzt schon eine 30-KW-Windanlage zur Stromversorgung bei. „Vier weitere Anlagen werden folgen“, so El Naggar.

Insgesamt hat der Neubau 40 Millionen Euro gekostet und damit den ursprünglichen Rahmen von 26 Millionen deutlich überschritten. Preissteigerungen bei Material und Transport werden beim Awi als Gründe für die Kostenexplosion genannt. Selbst eine Verkürzung des Bauwerks von ursprünglich 82 auf 67 Meter konnte das nicht ausgleichen.  Die Mehrkosten werden vom Bundesforschungsministerium getragen.

Die alte Neumayer-II-Station liegt derweil rund 15 Meter unterhalb der Eiskante und wird wohl mit dem Ende der jetzigen Saison aufgegeben. Das Innere wird weitgehend demontiert und abtransportiert, die stählerne Hülle wie die erste Station versiegelt. Dann versinkt sie immer tiefer im Eis und driftet mit dem Rest des Ekström-Schelfs langsam in Richtung Meer. Irgendwann werden die beiden alten Stationen wie zerquetschte Konservendosen am Schelfrand angekommen sein und mit dem abbrechenden Eis in den Ozean kippen. Die älteste Station hat seit ihrem Bau 1981 rund 4,5 Kilometer zurückgelegt und ist noch knappe zehn Kilometer von der Schelfeiskante entfernt.

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