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Statist ins Rampenlicht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 04.09.2009 06:42

Von der Ozonschicht heißt es, dass sie sich bis 2050 von den Schäden erholt haben soll, die die menschgemachten FCKW verursacht haben. Doch kaum sind diese halogenierten Kohlenwasserstoffe dank des Montreal-Protokolls gebannt, taucht schon der nächste Bösewicht auf, der an der UV-Schutzschicht hoch in der Stratosphäre nagt. Lachgas ist unter allen klimarelevanten Gasen, die die Menschheit derzeit emittiert das ozonschädlichste - und es wird bei den Verminderungsbemühungen kaum beachtet.

ErdeDas Montreal-Protokoll ist eine Erfolgsgeschichte für den globalen Umweltschutz - die einzige bislang. 1987 wurde beschlossen, den Ausstoß an ozonschädigenden Substanzen über einen Zeitraum von rund 50 Jahren komplett einzustellen. Inzwischen stehen 96 Stoffe, hauptsächlich aus den Gruppen der halogenierten Kohlenwasserstoffe (FCKW) und der Halone, unter Überwachung; ihr Einsatz ist von 1,1 Millionen Tonnen im Jahr 1987 auf 35.000 Tonnen in 2006, dem Jahr der jüngsten Erhebung, gefallen. Experten erwarten daher, dass sich das Ozonloch bis 2050 wieder schließen wird. Dass es so lange dauert, liegt daran, dass die Ozonkiller in den hohen Atmosphärenschichten Jahre und Jahrzehnte überleben, manche von ihnen bis zu 1700 Jahre.

Doch der Erfolg an dieser Front deckt ein Problem an anderer Stelle auf: Lachgas, von dem jährlich rund zehn Millionen Tonnen in die Atmosphäre strömen, ist inzwischen die Nummer 1 unter den Ozonkillern in der Atmosphäre. „Das ist etwas, was bislang schlichtweg übersehen wurde“, betont die renommierte Atmosphärenchemikerin Susan Solomon vom Forschungszentrum des US-Wetterdienstes Noaa in Boulder, Colorado. Wissenschaftler aus derselben Behörde haben in „Science“ vorgestellt, wie groß der Einfluss des Spurengases auf die Ozonschicht ist und vor allem, wie er sich entwickeln wird, wenn es weiterhin sozusagen unterhalb des Radars von Atmosphärenchemikern und Politikern fliegt. „Pauschal erhöht sich der Lachgasgehalt in der Atmosphäre jährlich um ein Viertel Prozent“, berichtet Arbeitsgruppenleiter A.R. Ravishankara, „dieser Anstieg wird auf menschliche Aktivitäten zurückgeführt, allen voran die Landwirtschaft durch Düngereinsatz, Reisanbau oder tierische Fäkalien, aber auch durch das Verbrennen von Biomasse oder einige chemische Prozesse.“

Rekord-OzonlochWenn sich dieser Trend fortsetzt, wird Lachgas am Ende dieses Jahrhunderts ein um 60 Prozent größeres Schadenpotenzial als heute besitzen, das ist 30 Prozent mehr als es die gefürchteten FCKW jemals hatten. Allerdings wird sich seine Wirkung nicht so wie bei diesen auf relativ kleine Gebiete über den Polen konzentrieren, sondern gleichmäßig über die gesamte Oberfläche der irdischen UV-Schutzschicht verteilen. Daher ist der prozentuale Verlust weniger auffällig als beim Ozonloch. „Wir rechnen damit, dass die Ozonschicht bis 2100 global um zwei bis drei Prozent geschwächt werden wird“, berichtet Ravishankaras Kollege Robert Portmann vom Noaa-Zentrum in Boulder. Weil es aber über eine viel größere Fläche geschieht als beim Ozonloch, zerstört das Lachgas wesentlich mehr von dem schützenden Sauerstoffmolekül. Zum Vergleich: Das antarktische Ozonloch in seiner bislang größten Ausdehnung war im September 2006 27,5 Millionen Quadratkilometer groß, die Fläche der Stratosphäre, in der sich die Ozonschicht befindet, beträgt rund 512 Millionen Quadratkilometer.

Die Forscher dringen darauf, sich stärker mit dem Lachgas zu beschäftigen, zumal es auch noch ein starkes Treibhausgas ist. Lachgas wird nicht durch das Montreal-Protokoll kontrolliert, wohl aber als Klimagas durch das Kyoto-Protokoll. Allerdings spielt es hier ebenfalls eine Statistenrolle, weil sich alle Aufmerksamkeit auf Kohlendioxid und Methan konzentriert. Die Politik müsse Ravishankara zufolge den Nebendarstellern auf der Atmosphärenbühne mehr Aufmerksamkeit schenken und sie ins Rampenlicht zerren. Dies gilt umso mehr, als der Klimawandel nicht nur die Temperaturen hochtreiben, sondern auch die UV-Filterwirkung der Ozonschicht beeinflussen wird. Zwei Forscher der Universität Toronto haben in „Nature Geoscience“ entsprechende Modellrechnungen vorgestellt. Danach verstärkt der Klimawandel den Ozonkreislauf zwischen der hochliegenden Stratosphäre und dem untersten Atmosphärenstockwerk, der Troposphäre, wo das aus drei Sauerstoffatomen bestehende Molekül hauptsächlich entsteht. Ein gewaltiger Kreislauf sorgt dafür, dass am Äquator Ozon in das obere Stockwerk getragen wird, während es an den Polen wieder zurück in die erdnahen Schichten der Atmosphäre sinkt. Die Forscher haben jetzt modelliert, dass am Ende dieses Jahrhunderts dieser Kreislauf wesentlich schneller sein wird als zurzeit: Um rund 23 Prozent soll sich der Ozonstrom global verstärken.

Allerdings werden die Auswirkungen regional verschieden sein. Auf der Nordhalbkugel verstärken die großen Gebirgsketten den Fluss, so dass dort in den höheren Breiten neun Prozent weniger UV-Strahlung zum Erdboden gelangt. Auf der Südhalbkugel dagegen ist der Kreislauf schwächer, hier wird sich die UV-Strahlung am Boden zwischen vier Prozent in den Tropen und 20 Prozent in den höheren Breiten verstärken. Grund genug also, sich beim Kampf gegen Treibhauseffekt und Ozonschwund nicht nur auf die größten Schuldigen zu konzentrieren, sondern auch die Nebendarsteller zu berücksichtigen.
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