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erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 14:52

Die Staats- und Regierungschefs und ihre Klimaexperten werden auf dem kommenden Klimagipfel in Bali viel zu besprechen haben. Nach dem aufrüttelnden vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates ergießt sich eine wahre Flut von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Prognosen zur Entwicklung des Klimas über die Welt. Tenor der Veröffentlichungen: eigentlich sieht es noch düsterer aus, als der IPCC in seinen Szenarien beschreibt. Der jüngste Kassandraruf ist jetzt in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften erschienen. Dort ziehen Wissenschaftler des Internationalen Kohlenstoffprojektes eine Emissionsbilanz der ersten sechs Jahre im 21. Jahrhundert und vergleichen sie mit den Jahren zuvor.

Dieser Vergleich fällt ausgesprochen negativ aus. „In den 90er Jahren stiegen die CO2-Emissionen um jährlich 1,3 Prozent, in den Jahren 2000 bis 2006 betrug die Rate 3,3 Prozent“, schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Die Menschheit hat also, Kyoto-Protokoll hin und andere Maßnahmen her, ihren Treibhausgas-Ausstoß noch angekurbelt. Von den im Protokoll angestrebten Senkungen fand sich in den Messdaten nicht die geringste Spur, ganz im Gegenteil. Für die Befürworter eines Kyoto-Nachfolgevertrages, der auch die Schwellenländer wie Indien, China oder Brasilien in die Pflicht nimmt, werden die Erkenntnisse der im ICP zusammengeschlossenen Wissenschaftler Wasser auf die Mühlen sein.

 Südozean, klein







Als Klimasenke schwächelt der Südozean derzeit.


Sie führen den Anstieg nämlich zu nahezu zwei Dritteln auf das galoppierende Weltwirtschaftswachstum zurück, das Schwungrad der Weltwirtschaft dreht sich derzeit jedoch in Fernost. Weitere 17 Prozent der Kohlendioxidzunahme entstehen durch verschlechterte Effizienz der weltweiten Produktion – auch das . Habe die Weltwirtschaft bis zum Jahr 2000 bei der Produktion eines Dollars Wertschöpfung immer weniger Kohlendioxid ausgestoßen, so habe sich seither der Trend gedreht. Von 1970 bis 2000 sank der Wert um durchschnittlich 1,3 Prozent pro Jahr von 350 Gramm auf 240 Gramm, seither ist er wieder gestiegen: jährlich um 0,3 Prozent auf 245 Gramm. In praktisch allen Klimaszenarien, die der IPCC habe rechnen lassen, sei allerdings, so warnen die Forscher in PNAS, eine kontinuierliche Verbesserung der CO2-Effizienz zugrunde gelegt worden. Wirtschaftswachstum und gleichzeitig sinkende CO2-Effizienz der Produktion aber verschärfen die Emissionsproblematik stärker als vom IPCC vorhergesagt.

Hinzu kommt noch ein dritter Effekt, der seit geraumer Zeit in der Wissenschaft diskutiert wird: Die Fähigkeit des Planeten freigesetztes Kohlendioxid zu binden, scheint sich zu verringern. Die so genannten Kohlenstoffsenken an Land und im Meer schwächeln, ohne dass man die Ursachen im Einzelnen kennt. Klar ist, dass insbesondere die Senken an Land sehr variabel sind – und das während eines Jahres und auch im Vergleich der Jahre untereinander. Allerdings haben die Forscher hier vor allem für die tropischen Gebiete in Asien eine drastische Steigerung der CO2-Emission aufgrund von Landnutzung festgestellt. Die regelmäßig wiederkehrende Brandrodung des Regenwaldes vor allem auf den indonesischen Inseln macht sich hier deutlich bemerkbar. Es deutet sich aber auch an, dass die wichtigsten Senken in den Weltmeeren Probleme haben. Der Südozean, der ringförmig um den antarktischen Kontinent strömt, kann per Saldo offenbar immer weniger Kohlendioxid speichern.

Forscher wie Nicolas Gruber an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich stellen fest, dass der viertgrößte Ozean der Welt zwar immer noch beträchtliche Mengen Kohlendioxid in seinem tieferen Wasser speichert, allerdings gibt er einen wachsenden Bruchteil dieses gespeicherten CO2 wieder an die Atmosphäre zurück, so dass sich sein Speicherpotential per Saldo verringert. Der Grund: die westlichen Winde, die den Ozean vorantreiben, sind heftiger geworden und sorgen für eine stärkere Ausgasung der Ozeanoberfläche sowie eine erhöhte Durchmischung der Wasserschichten. Kohlendioxidreiches Tiefenwasser dringt dadurch verstärkt an die Oberfläche und gibt seine CO2-Fracht an die Atmosphäre ab. Dadurch gleicht es einen Teil der CO2-Fracht aus, die der Ozean der Atmosphäre abnimmt. Alle drei Faktoren vereinen sich, so warnen die Forscher des Projektes, und führen zu einem stärkeren Klimaeffekt, der auch noch früher als erwartet eintreten wird.

Die Datenbasis, auf deren Grundlage die Prognosen erstellt werden, ist inzwischen recht solide. Das Globale Kohlenstoffprojekt sammelt Messdaten von zahlreichen Institutionen rund um den Globus und integriert sie in umfassenden Datenbanken. Unsicherheitsfaktoren ergeben sich vor allem aus Unsicherheiten über den Treibhauseffekt aufgrund von Landnutzungsänderungen. Dennoch sind die Wissenschaftler überzeugt, dass ihre Einschätzungen zutreffen. Auf die Teilnehmer des Klimagipfels auf Bali werden intensive und harte Diskussionen zukommen.

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