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Steinzeitliche Feinschmecker

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 12:39

Die Neandertalern standen den anatomisch modernen Menschen offenbar auch bei der Ernährung in nichts nach. Ihr Speiseplan war ebenso vielseitig wie der ihrer modernen Zeitgenossen - wenn sie denn die Möglichkeit dazu hatten. In zwei Höhlen in Gibraltar haben Wissenschaftler die ausgesprochen vielseitige Ernährung der letzten Neandertaler erkundet. Auf der in den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften publizierten Speisekarte standen neben dem üblichen Wild Muscheln, Seevögel, Delfine und Robben. Offenbar war es üblich, die Beute auch zu grillen, denn die Paläontologen entdeckten zahlreiche Knochen oder Panzer mit entsprechenden Spuren.

Gibraltar und Dschebel MusaDer Neandertaler gilt vielfach noch als ziemlich einfach gestrickter Verwandter des modernen Menschen, der zwar mit großer Muskelkraft ausgestattet war, dafür aber was Intelligenz und Erfindungsreichtum angeht, seinem moderneren Zeitgenossen nicht das Wasser reichen konnte. Dieses Bild gerät in immer mehr Facetten ins Wanken. Die jüngste Korrektur bezieht sich auf den Speiseplan: Bislang hieß es, das Neandertaler-Menü bestünde vornehmlich aus Fleisch, garniert mit ein paar Früchten oder Wurzeln.

Doch Ausgrabungen in den Höhlen Vanguard und Gorham in Gibraltar zeigen, dass der Neandertaler durchaus ein Genießer war, wenn es die Umstände ihm erlaubten. Dort fanden Paläoanthropologen um den Londoner Neandertaler-Experten Chris Stringer vom Naturkundlichen Museum und Yolanda Fernandez-Jalvo vom Spanischen Naturkundemuseum in Madrid die Überreste von zahlreichen Neandertaler-Mahlzeiten. Danach verspeisten die Urmenschen so ziemlich alles, was die damals wie heute angenehme Gegend um die britische Enklave auf der iberischen Halbinsel ihnen bot. Muscheln und Fisch fand sich ebenso wie Delfin- oder Robbe, sogar Seevögel oder Schildkröten bezogen die Neandertaler in ihren Speiseplan ein.

Neandertaler RekonstruktionDas geschah dabei offenbar keineswegs zufällig, vielmehr kannten die Urmenschen die Wandergewohnheiten ihrer marinen Beutetiere und wussten genau, wann sie den „Affenfelsen“ passierten. Die Überreste der Meeressäuger zum Beispiel sind viel zu häufig und gleichmäßig über die Fundschichten verteilt, als dass es sich um zufällige Jagden handeln könnte. Unser bisheriges Bild von den Neandertalern ist offenkundig verzerrt durch den Blick auf die in Mitteleuropa gefundenen Urmenschen. Diese waren vermutlich vor allem mangels Alternative nahezu reine Fleischkonsumenten.

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