27. Okt. 2017

Am Monte Vettore ist der Versatz nach dem Beben vom 30.10.16 deutlich zu sehen.

Seit dem 24. August 2016 läuft in den nördlichen Abruzzen die stärkste Erdbebensequenz, die in Mittelitalien in den vergangenen 100 Jahren verzeichnet wurde. Zwei starke Beben, die die Orte Amatrice und Norcia trafen, und etliche Nachbeben haben sich im Grenzgebiet der drei Regionen Umbrien, Abruzzen und Marche ereignet. Auf dem 5. Kolloquium für historische und Paläoseismizität in Hannover berichtete ein Geowissenschaftler des staatlichen Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie über die Stressverteilung in Mittelitalien.

Plötzlich war der Torbidone wieder da: Gut einen Kilometer südöstlich der Stadtgrenze von Norcia brach nach dem Amatrice-Beben vom 24. August 2016 Wasser aus dem Boden hervor und formte einen kleinen Fluss, der seither in Richtung der Stadt fließt. "Die Einwohner von Norcia waren nicht sehr glücklich darüber, denn sie bringen den Fluss mit Erdbeben in Verbindung", erzählt Stefano Gori, Geowissenschaftler beim staatlichen Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Rom. Gori hält das zwar für Aberglaube, aber die Wiederbelebung des seit 1979 verschwundenen Flusses ging tatsächlich einem starken Beben bei Norcia voraus. Am 30. Oktober wurde das Städtchen von einem Beben der Magnitude 6,5 getroffen, das unter anderem die Benedikts-Basilika zerstörte. "Glücklicherweise wurde niemand getötet, denn die Einwohner hatten sich schon in Sicherheit gebracht", so Gori.

Das Norcia-Beben war das stärkste der Erdbebenserie, die seit dem 24. August das Grenzgebiet der drei italienischen Regionen Abruzzen, Marken und Umbrien erschüttert. "Es ist die stärkste Bebensequenz, die wir in Mittelitalien in den vergangenen 100 Jahren aufgezeichnet haben, und sie ist noch nicht beendet", betonte Gori auf dem 5. Kolloquium über historische und Paläoseismizität in Hannover, wo er den aktuellen Wissensstand des INGV über die Stressverteilung im Untergrund referierte. Der Apennin zwischen L‘Aquila im Süden und den Sibillinischen Bergen im Norden ist von einem komplexen Bündel verschiedener Störungen durchzogen, die teils miteinander in Verbindung stehen, teils nur parallel von Nord nach Süd verlaufen.

Verlauf und Aktivierung der für die aktuelle Bebensequenz verantwortlichen Störungen.
Bild: INGV
Geländeschäden am Monte Vettore nach dem Erdbeben vom 24.08.16.
Bild: INGV Emergeo Team

Eine davon, die nach dem zehn Kilometer östlich von Norcia gelegenen Monte Vettore benannt wurde, ist für die meisten Beben seit Beginn der Sequenz bei Amatrice verantwortlich. Die rund 60 Kilometer lange Bruchzone wurde innerhalb von zwei Monaten komplett aktiviert, die Beben pflanzten sich von Süd nach Nord fort. "Zwei Nachbeben am 26. Oktober 2016 signalisierten, dass die Störung nach dem Erdstoß von Amatrice nicht zur Ruhe gekommen war", erklärt Gori, "beim Norcia-Beben riss dann der Rest der Störung." Am Monte Vettore konnten Geologen die Spuren dieses Bebens deutlich erkennen, dort betrug der sichtbare Versatz nahezu zwei Meter.

Im Umland von Norcia, das westlich der Störung liegt, hat das Beben den Untergrund stark verändert. Und das ist offenbar der Grund, warum der Torbidone wieder zum Leben erwachte und warum auch die Quellen der Umgebung doppelt oder drei Mal so stark sprudeln wie vorher. "Am tiefsten Teil der Störung wurde die Kruste zusammengedrückt, während sie an der Oberfläche bei Norcia aufgewölbt und daher gedehnt wurde", berichtet Stefano Gori. In der Tiefe werden die Grundwasservorkommen des Apennin unter Druck gesetzt, das Wasser sucht sich Wege nach oben und nutzt dabei Passagen, an denen die gedehnte Kruste in Oberflächennähe die Spannungen abbaut. Gori und seine Kollegen vom INGV nennen das passive Re-Aktivierung einer alten Bruchzone.

Denn in dem aufgewölbten Gebiet verläuft die Norcia-Störung, die am 14. Januar 1703 ein schweres Beben mit einer geschätzten Magnitude von 6,8 verursachte, dem bis zum 2. Februar zwei weitere Beben folgten. Damals wurde die gesamte Region zwischen L‘Aquila im Süden und Norcia im Norden verwüstet. Noch heute heißt dieses Beben das "Große Beben von L‘Aquila". "Die Störung läuft parallel in etwa 10 Kilometer Entfernung von der Monte-Vettore-Störung", beschreibt Stefano Gori. Die Norcia-Störung dürfte 1703 ihre gesamte Spannungsenergie freigesetzt und bis heute nur wenig neue aufgebaut haben. Mit großer Aktivität rechnet man daher nicht, das INGV geht für die Norcia-Störung von einer Wiederkehrzeit von 2000 bis 2500 Jahren aus. Wie lange der Torbidone fließen wird, bleibt abzuwarten.

planeterde berichtete bereits über die neuartigen Schutzkonzepte und ein neues Prognosesystem der INGV-Forscher im stark Erdbeben gefährdeten Italien.