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Testlauf für Eisbohrungen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.10.2011 15:43

Seit rund 30 Millionen Jahren hat das Eis den antarktischen Kontinent im Griff. Zuerst war die Gletscherdecke nicht von Dauer, sondern wich gerade in der Westantarktis und auf der antarktischen Halbinsel immer wieder zurück. Inzwischen bedeckt aber eine immerwährende, kilometerdicke Eisdecke alle drei Teile, und das tut sie schon seit vielen Jahrhunderttausenden. Erstaunlicherweise liegen unter diesem Eispanzer zahlreiche Seen, die Zählung der Wissenschaftler ist inzwischen bei 357 angelangt. Für einige von ihnen neigt sich die lange Isolationszeit vom Rest der Erde dem Ende zu. Mindestens drei Bohrprojekte durch den Eispanzer hindurch in subantarktische Seen stehen auf dem Programm der Polarforscher.

Seen unter dem EisÜber dem Wostok-See, dem vermutlich größten See des Kontinents, wollen russische Forscher in diesem anbrechenden Antarktis-Sommer die wenigen verbliebenen Meter Eis überwinden, die sie im vergangenen Sommer nicht mehr schafften. Britische Ingenieure sind dagegen in die Westantarktis aufgebrochen, um ein Bohrprojekt in den dortigen Ellsworth-See vorzubereiten, das im kommenden antarktischen Sommer 2012/13 durchgeführt werden soll. Und 2013 will ein US-geführtes Unternehmen den Whillans-See anbohren, der ebenfalls in der Westantarktis liegt. 

Die antarktischen Seen sind isolierter als alles andere auf der Erde, selbst die Tiefsee hat mehr Verbindung zur Erdoberfläche. Die Glaziologen träumen schon seit Entdeckung des Wostok-Sees von den unbekannten Wundern unter den antarktischen Eisschilden, doch ein wirklich verlässliches Verfahren, in den See zu kommen, ohne ihn zu verunreinigen gab es nicht - bis jetzt. "Wir planen seit 15 Jahren, den Ellsworth See zu erschließen", erklärt Martin Siegert, Geologieprofessor an der Universität Edinburgh und Leiter des britisch-chilenisch-amerikanischen Projektes, "aber erst jetzt haben wir die Expertise und Technologie, das ohne Umwelteinwirkungen zu tun." 

Drill Camp Lake EllsworthDas Bohrprojekt in den Ellsworth-See ist vor allem ein Test für neue, hochmoderne Bohrtechnik. Denn die konventionelle Methode kommt nicht ohne "Schmiermittel" aus, damit sich der schnell drehende Bohrkopf nicht festfrisst. Diese Bohrflüssigkeit besteht weitgehend aus Kerosin und anderen Chemikalien, die ungeheure Schäden anrichten können, wenn sie ins Wasser gelangen. Ein Liter Öl kann bis zu zwei Millionen Liter Wasser verunreinigen, und die Strömungen in den subantarktischen Seen kennt niemand. So befinden sich im russischen Bohrloch über dem Wostok-See nach Angaben des US-Polarforschers John Priscu von der Montana State University rund 65 Tonnen Kerosin. "Es wäre eine Umweltkatastrophe, wenn das Kerosin in den See gelangte", so Priscu. Wie andere Treibstoffe auch ist Kerosin selbst in kleinster Verdünnung giftig, einmal im See würde es sich im ganzen Wasserkörper ausbreiten, und nichts könnte das mehr verhindern. 

Um so etwas künftig für Bohrvorhaben im Eis zu vermeiden, setzt das Ellsworth-Team auf heißes Wasser. Man will sich den Weg durch das immerhin 2000 Meter dicke Eis mit 90 Grad heißem Wasser durchschmelzen. Am Ende sollen Probengefäße aus reinem Titan durch das Loch im Eis in den See abgesenkt werden und Wasserproben aus unterschiedlichen Tiefen nehmen. Sogar etwas vom Seesediment will man abkratzen und nach oben bringen. 

Mit den Titaninstrumenten will das Konsortium eine weitere Gefahr für die subantarktischen Seen minimieren: die Einwanderung von Mikroben, die als blinde Passagiere auf den menschlichen Instrumenten reisen und sich dann in den Seen ausbreiten. Deshalb werden die Instrumente in Großbritannien sterilisiert und luftdicht verpackt. Erst an der Bohrstelle werden sie ausgepackt und sofort versenkt. Die Methode gilt als zukunftsweisend für andere Bohrprojekte in das arktische Eis und darüber hinaus. Schließlich hat die US-amerikanische Raumfahrtagentur Nasa ihre langfristigen Ambitionen noch nicht aufgegeben, den Jupiter-Eismond Europa zu besuchen. Der ist von einer dicken Schale Eis eingehüllt, unter der sich jedoch ein gewaltiger Ozean befinden soll. Dieser Ozean gilt momentan als heißester Kandidat für außerirdisches Leben im Sonnensystem.

 
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