09. Mär. 2017

Steuerstempel aus dem Königreich Juda kurz nach der Zerstörung des Nordreiches Israel durch die Assyrer 721 vor Christus.

Das Erdmagnetfeld gehört zu den rätselhaftesten Phänomenen unseres Planeten. Von dem Mechanismus, der es hervorbringt, haben die Wissenschaftler zwar eine grobe Vorstellung, doch die Details sind so ungeklärt, dass viele Phänomene schlichtweg nicht nachvollzogen werden können. Archäologen und Geophysiker aus Israel und den USA berichten jetzt in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften von einer ungewöhnlich starken und raschen Erhöhung der Magnetfeldstärke in der Levante, die dank archäologischer Forschung auf wenige Jahre genau eingegrenzt werden kann.

Nicht viel mehr als ein Spielball der Großmächte waren die zwölf Stämme Israels im Altertum, denn in Palästina überschnitten sich die Einflusssphären von Assyrern und Ägyptern, Babyloniern und Persern, Seleukiden und zum Schluss Römern. Kleineren Staaten wie den jüdischen Königreichen Israel und Juda blieb da nur eine Schaukelpolitik zwischen den Großen, und oft genug kamen sie dabei unter die Räder. "Instabilität oder noch besser Kriege und Zerstörung sind für uns Archäologen am besten, denn sie hinterlassen deutliche Spuren", sagt Erez Ben-Yosef, Dozent für Archäologie an der Universität von Tel Aviv.

Das gilt vor allem für das interdisziplinäre Projekt von Archäologen und Geophysikern, das Ben-Yosef zusammen mit Kollegen aus Jerusalem und San Diego in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften vorstellte. Die Wissenschaftler legten eine außerordentlich genaue Magnetfeldchronik für die knapp 600 Jahre zwischen der Eroberung des Königreichs Israel durch die Assyrer 721 vor Christus und dem Beginn der Hasmonäer-Herrschaft 141 vor Christus, die den letzten halbwegs unabhängigen Staat der Juden im Altertum begründeten. In diese Zeit fällt eine Magnetfeld-Exkursion, ein extremer Anstieg der Feldstärke, in der Levante, die Ben-Yosef und seine Kollegen aufgrund der detaillierten Chronik auf das Ende des 8. Jahrhunderts datieren können. Danach fiel die Magnetfeldstärke innerhalb von nur 30 Jahren bis auf ein Drittel und ging bis zum Ende des 2. Jahrhunderts wieder auf Normalniveau zurück.

Detaillierte Magnetfeldchronik für die Levante

Die Chronik ist so detailliert, weil sie heftig bewegte Epochen der jüdischen Geschichte umfasst. Zahlreiche interne Machtwechsel und Palastrevolutionen prägten die letzten 150 Jahre des Südreichs Juda, bevor es die Babylonier unter Nebukadnezar 586 vor Christus zerschlugen, seine Hauptstadt Jerusalem und den salomonischen Tempel zerstörten und die Bevölkerung in die Babylonische Gefangenschaft führten. Unter der Herrschaft der persischen Achämeniden-Dynastie kehrten die Juden in ihr angestammtes Land zurück, bauten ihre Städte und den Tempel wieder auf und lebten als Untertanen fremder Herren. Deren Herrschaft konnte erträglich sein, wie meist unter den persischen Großkönigen, sie konnte aber auch in Unterdrückung münden. Besonders unter den hellenistischen Seleukiden kam es im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus immer wieder zur Konfrontationen, die schließlich Ende des 2. Jahrhunderts in den Makkabäer-Aufstand mündeten.

So bewegt diese Geschichte auch war, es gab Konstanten, die offenbar selbst die stärksten politischen Wirren überdauerten. Zu ihnen gehört das Steuerwesen, denn Ben-Yosef und seine Kollegen konnten die kompletten 600 Jahre mit 158 Steuerstempeln judäischer Herrscher abdecken. Die Stempel kennzeichneten Vorrats-Tonkrüge, die für die Speicher in der Hauptstadt Jerusalem bestimmt waren. "Wir profitieren in der Tat von einer effizienten Bürokratie", so Ben-Yosef. Die Überreste der Tonkrüge finden Archäologen überall im ehemaligen Gebiet des alten Juda, vor allem aber in Tel Sochoh, rund 25 Kilometer südwestlich von Jerusalem. "Hier befand sich eine Produktionsstätte für diese Art von Vorratsbehältern", schreiben die Autoren in PNAS. Mehr als ein Jahrhundert lang haben Archäologen die Steuerstempel studiert und können sie anhand ihrer stilistischen Eigenheiten präzise einzelnen Regierungsphasen in Juda zuordnen. Dadurch erreichen die archäologischen Artefakte eine Präzision in der Zeitangabe, von der naturwissenschaftliche Datierungsmethoden nach wie vor weit entfernt sind.

Aufsicht auf einen Vorratskrug aus dem Königreich Juda.
Bild: PNAS/Tel Aviv University/Oded Lipschits
Steuerstempel aus den letzten Jahrzehnten des Königreichs Juda vor der Eroberung durch die Babylonier 586 vor Christus.
Bild: PNAS/Tel Aviv University/Oded Lipschits

Magnetfeldexkursion zum Ende des 8. Jahrhunderts vor Christus

Die extrem genaue Chronologie der Tonscherben kann auf die Magnetfeldinformationen übertragen werden, die in den gebrannten Stücken steckt. Im Brennofen wurden die Ausrichtung und auch die Stärke des Magnetfeldes in den eisenhaltigen Partikeln des Tons dauerhaft fixiert. Die Richtungsinformation kann man nicht mehr nutzen, weil niemand weiß, in welcher Ausrichtung die Tonkrüge gebrannt wurden, doch die Stärke des Feldes kann immer noch abgelesen werden. Danach gab es zum Ende des 8. Jahrhunderts eine starke Exkursion der Feldstärke auf das Doppelte ihres Ausgangswertes, an den sich ein ebenso schneller Abfall um zwei Drittel anschloss. Ben-Yosef und seine Kollegen gehen davon aus, dass diese Magnetfeldspitze eine lokale oder regionale Anomalie in der Levante war, vergleichbar etwa der derzeitigen extremen Schwäche des Magnetfelds über dem Südatlantik.

Schon 2009 hatten Erez Ben-Yosef und seine Kollegen solche Magnetfeldanomalien für das Ende des 8. und für das 10. vorchristliche Jahrhundert in der Levante postuliert, waren damals aber auf ziemliche Kritik der Geophysiker gestoßen. Grund: Keins der gängigen Magnetfeldmodelle kann eine derart schnelle und starke Änderung produzieren. "Es ist für uns einfach extrem schwer zu erklären", sagte Philip Livermore, Geowissenschaftler an der Universität Leeds der "New York Times". Wenn jetzt allerdings die Magnetfeldmessungen an den Tonscherben bestätigt werden können und eine solche Exkursion tatsächlich vorliegt, scheint der Fehler eher in den Modellen zu liegen. "Uns fehlen nach wie vor flächendeckende Daten, so dass wir nicht sicher sein können, dass unsere Modelle richtig sind und das Vernünftige anzeigen", betont Monika Korte, Leiterin der Arbeitsgruppe "Langzeitvariationen des Erdmagnetfelds" beim Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam.

Ben-Yosef und seine Kollegen ziehen aus den Magnetfeld-Turbulenzen des Altertums beruhigende Schlüsse für das heutige Magnetfeld. Dessen Stärke fällt seit Beginn der instrumentellen Magnetfeldmessung vor rund 180 Jahren konstant. Gut möglich, dass das ein ebenso vorübergehendes Phänomen ist wie die Exkursionen im 10. und 8. Jahrhundert vor Christus. Damals beruhigte sich das Geschehen ab dem 7. Jahrhundert vor Christus wieder.