25. Nov. 2016

Das Taktshang-Kloster am Steilhang über dem westbhutanischen Paro-Tal.

Erdbeben sind im Himalaja an der Tagesordnung, schließlich bohrt sich hier die indische in die eurasische Kontinentalplatte. Zwischen Pakistan im Westen und Myanmar im Osten sind auch schwerste Beben mit Magnituden von 7,5 und mehr möglich, nur in Bhutan klaffte bislang eine seismische Lücke, in der sich nur mittelschwere Beben ereigneten. Ein Bericht in den "Geophysical Research Letters" zeigt, dass es sich nur um eine Lücke in der Überlieferung handelt.

Das Himalaja-Königreich Bhutan galt bislang in geologischer Hinsicht als eine Art Insel der Ruhe im größten Gebirge der Erde. Das Land von der Größe der Schweiz liegt mitten in der der einzigen seismischen Lücke, die noch in der 3000 Kilometer langen Kollisionszone von indischer und eurasischer Kontinentalplatte besteht. Die Länder ringsum sind von schwersten Beben getroffen worden, zuletzt Nepal, wo im April 2015 bei einem 7,8-Beben 9000 Menschen starben. In Bhutan jedoch schienen sich nur mittelstarke Beben zu ereignen wie jenes, das am 21. September 2009 mit einer Magnitude von 6,1 den Osten des Landes erschütterte und elf Menschen das Leben kostete.

"Viele dachten daher, Bhutan sei ein ruhiger, friedlicher und sicherer Ort, aber tatsächlich ist die Bebengefahr hier so hoch wie in Nepal oder in Indien auch", erklärt György Hetenyi, Professor für Geowissenschaften an der Universität von Lausanne. Hetenyi und Kollegen der Universität im französischen Montpellier berichten in den "Geophysical Research Letters" von einem Megabeben der Magnitude 7,5 bis 8,5, das sich im Frühjahr 1714 im Südwesten des Binnenstaates ereignet hat. Die Zeugnisse für dieses Starkbeben fand der gebürtige Ungar in zwei Zeitzeugenberichten, die er in Geschichtsbüchern aufstöberte.

Seismische Aktivität entlang des Himalaja.
Bild: György Hetenyi/GRL
Die möglichen Bebenherde (rot) des Starkbebens von 1714.
Bild: György Hetenyi/GRL
Der Geologe György Hetenyi kontrolliert bei einer Feldkampagne in Bhutan eine Messstation.
Bild: György Hetenyi
Eine der temporären Messstationen, die das Team des Schweizer Erdbebendienstes in Bhutan aufbaute.
Bild: György Hetenyi

"Meine erste Quelle ist der Bericht eines später bedeutenden Mönches, der davon sprach, als Vierjähriger ein starkes Beben erlebt zu haben mit schweren Schäden und vielen Opfern", sagt Hetenyi. Shakya Rinchen wurde 1744 als neunter Je Khenpo eingesetzt, als Oberhaupt der bhutanischen Mönchsgemeinschaft. Der Historiker Karma Phuntso hatte seine Biographie aus dem klassischen Tibetisch ins Englische übersetzt. Hinzu kam in einem erst kürzlich veröffentlichten Werk die Biographie eines bedeutenden Tempelgründers, in der berichtet wurde, dass ein kurz zuvor fertiggestellter Tempel vollkommen zerstört worden sei. Weitere Berichte aus dem rund 400 Kilometer entfernten indischen Assam bezeugen zur selben Zeit Schäden an Gebäuden. "Alle Dokumente stimmen darin überein, dass sich das Beben im Frühjahr 1714 ereignete", so Hetenyi. Die Umrechnung der bhutanischen Kalenderangaben in ein Standarddatum ergab den 4. Mai 1714.

Hetenyis französische Kollegen ergänzten die historischen Dokumente durch paläoseismische Untersuchungen in der bhutanischen Duar, der schmalen Tiefebene zu Füßen des Himalajas. Die Wissenschaftler schachteten an zwei Stellen Gräben aus, um die Schichtung des Bodens zu untersuchen. Darin fanden sie bedeutende Versätze in den Bodenschichten, deren Stärke und Alter auf ein entsprechendes Beben deuten. In tieferen Schichten fanden sie gar Hinweise auf ein noch stärkeres Beben, das sich im Mittelalter ereignet haben muss.

Die "seismische" Lücke in Bhutan ist daher offenbar vor allem eine Gedächtnislücke und keineswegs Resultat einer glücklichen tektonischen Fügung. "Grundsätzlich kann der Himalaja auf ganzer Länge schwere Erdbeben hervorbringen", sagt Hetenyi, "und an buchstäblich keiner Stelle ist das Risiko geringer." In Bhutan hat man nur Glück gehabt und sollte sich auf starke Erdstöße einrichten. "Bislang ist das noch nicht ausreichend geschehen", berichtet Hetenyi, der das Land seit vielen Jahren kennt und bereist. Auf den Erdbebenkarten der Welt ist der Himalajastaat nur mehr ein weißer Fleck, weil es kaum geophysikalische Untersuchungen gibt. Die erste geologische Karte des verschlossenen Königreichs erstellte der Schweizer Augusto Gansser in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Zusammen mit bhutanischen Kollegen ergänzten sie György Hetenyi und sein Team vom Schweizerischen Erdbebendienst zwischen 2010 und 2013 um Schwerefelddaten und seismologische Karten. Das Seismometer-Netz, das sie dafür aufbauten, war jedoch nur temporär und wurde nach gut einem Vierteljahr wieder abgebaut.

Seither liefen Diskussionen, den Himalajastaat mit einem permanenten Seismometer-Netzwerk auszustatten. Es sollte nicht nur geophysikalische Grundlagendaten, sondern auch die Informationsgrundlage für ein modernes Erdbebenmonitoring liefern. Einen wirklichen Durchbruch haben Schweizer und Bhutaner hier jedoch noch nicht erzielt.