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Tsunami wirft IODP-Planungen über den Haufen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.03.2011 16:24

Der Tsunami an der Nordostküste Honshus hat auch das Hauptinstrument des Internationalen Meeresbohrprogramms IODP beschädigt. Das Bohrschiff "Chikyu", der Stolz der japanischen Geowissenschaften, büßte beim Versuch, vor der Ankunft der Welle aus dem Hafen auszulaufen, eine seiner Antriebsgondeln ein. Jetzt muss das Schiff erst einmal repariert werden. Die anstehende IOPD-Expedition wurde abgesagt, alle weiteren Pläne liegen auf Eis.

Chikyu von oben"Chikyu" lag im Hafen von Hachinohe an der Nordspitze Honshus, rund 270 Kilometer nördlich von Sendai. Am 15. März sollte die IODP-Expedition 337 beginnen, sie hatte das Ozeanbecken vor der Halbinsel Shimokita im Norden Honshus zum Ziel, dort sollten untermeerische Kohleflöze untersucht werden. Am 11. März wurden die letzten Vorbereitungen für die Fahrt getroffen. Die Wissenschaftler waren noch nicht an Bord, dafür aber mehrere Kamerateams und eine Schulklasse mit 48 Kindern und vier Lehrern aus einer örtlichen Grundschule.

Um 14:46 Uhr Ortszeit ereignete sich das Beben, das auch in Hachinohe heftig zu spüren war. "Der Kapitän hat dann wohl nur noch das Kommando 'Leinen los' gegeben und ist mehr oder weniger mit voller Kraft aus dem Hafen herausgedampft", berichtete Jens Kallmeyer von der Universität Potsdam auf einem Workshop der Internationalen Tiefbohrprogramme IODP und ICDP in Münster. Bei diesem Manöver ist offenbar eine der Propellergondeln abgerissen, die das 210 Meter lange Riesenschiff antreiben. Allerdings blieb das der einzige Schaden, da das Schiff rechtzeitig den Hafen verlassen konnte und die Tsunamiwelle vor der Küste abritt. Weil der Hafen von Hachinohe jedoch beschädigt ist, liegt das Schiff seitdem auf Reede. Die Schulklasse und die Fernsehteams mussten nach einer unplanmäßigen Übernachtung an Bord mit dem Helikopter ausgeflogen werden.

Tsunami v. 11.03.11Die "Chikyu" ist weiterhin manövrierfähig, da sie insgesamt sechs Propellergondeln hat. Dieser sogenannte Podantrieb macht das Fahrzeug von der Größe eines kleinen Supertankers vergleichsweise wendig, da die Gondeln um 360 Grad drehbar sind. Auf dem Programm steht jetzt erst einmal die Fahrt ins Reparaturdock. Der Ausfall des gewaltigen Bohrschiffes ist ein herber Schlag für das IODP. "Momentan ist alles in Frage gestellt, was mit der 'Chikyu' geplant war", erklärte Jochen Erbacher, der Chef des deutschen IODP-Büros. Außer der unmittelbar geplanten Expedition 337 betrifft das eine Expedition in den Nankai-Trog vor Nagoya, eine der erdbebenträchtigsten Zonen vor der japanischen Ostküste. Dort wollte das Bohrschiff bis zu 3300 Meter tief in den Meeresboden hineinbohren. Die Expedition ist Teil des Projektes Nantroseize, mit dem man erstmals in den aktiven Teil einer untermeerischen Erdbebenzone vordringen will. "Wir werden in den nächsten Wochen erfahren, in welcher neuen Welt wir jetzt leben", sagte Nantroseize-Teilnehmer Jan Behrmann, Professor am Kieler IFM-Geomar, am Rande des Workshops.

Ehrgeizige Projekte wie Nantroseize kann derzeit nur die "Chikyu" durchführen, sie ist das größte, modernste und am besten ausgestattete wissenschaftliche Bohrschiff der Welt. Sie kann bis zu 10.000 Meter tief bohren und das in Wassertiefen von 2500 Metern . Allerdings ist sie auch das teuerste Fahrzeug, das der Wissenschaft momentan zur Verfügung steht. Nach offiziellen Angaben soll es 400 Millionen Euro gekostet haben, es wird aber auch die Summe von 1,5 Milliarden Euro kolportiert. Die Betriebskosten belaufen sich auf rund eine halbe Million Euro am Tag, die bislang zu einem großen Teil von Japan getragen wurden. 


Der Inselstaat scheute keine Kosten und Mühen, weil er zu den am stärksten von Erdbeben bedrohten Gebieten der Welt zählt. Mit Hilfe der "Chikyu" wollte man den Nankai-Trog genauestens untersuchen und dort ein permanentes Beobachtungsnetz errichten. Vom Nankai-Trog erwarten die Experten in den nächsten Jahrzehnten ein wahrhaft verheerendes Beben, das mit den Ballungsräumen Tokio, Osaka und Nagoya das Zentrum der japanischen Wirtschaft träfe. Man wird sehen, wie es jetzt mit dem Projekt weitergeht. Sicher ist, dass dadurch rund um den Erdball Planungen über den Haufen geworfen werden. "Aber", so IODP-Vertreter Erbacher, "wir warten aus Pietätsgründen ab."

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