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Überlegene Technik

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 09.09.2009 11:31

Die Landwirtschaft ist eine der bahnbrechenden Erfindungen der Menschheit, einer von einer Handvoll wirklich entscheidenden Wendepunkten in der jüngeren Geschichte unserer Art. Die Wiege dieser Kulturtechniken liegt im Nahen Osten, in Europa kam der Übergang von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern und Viehzüchtern vor rund 7500 Jahren. Wie das Geschehen ablief, ist in der Wissenschaft heftig umstritten. Eine in „Science“ vorgestellte Genanalyse liefert jetzt überraschende Ergebnisse.

Schädel unter UVSeit man diese auch „neolithische Revolution“ genannte Wende entdeckt hat, wogt der Streit darüber, wie sie genau ablief. Hat sich nur das Wissen um die neuen Kulturtechniken in der mittelsteinzeitliche Bevölkerung Europas verbreitet, oder ist es mit einer Einwandererwelle auf den Alten Kontinent gekommen, so lautet die große Frage. Haben also die umherstreifenden Ureuropäer die Bedeutung der neuen Techniken erkannt und sind selbst sesshaft geworden, oder sind Ackerbau und Viehzucht zusammen mit Einwanderern gekommen, die die alteingesessene Bevölkerung verdrängt haben?

Untersuchungen unter Leitung von Wissenschaftlern der Universität Mainz sprechen jetzt eher für eine Einwandererwelle, die die Jäger und Sammler überrollt hat. Die Archäologen hatten Erbgut aus Mitochondrien, den Zellkraftwerken, von 20 mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, 25 jungsteinzeitlichen Ackerbauern und 484 modernen Menschen miteinander verglichen. Diese sogenannte mt-DNA ist für das Anlegen von genetischen Stammbäumen wesentlich wertvoller als das Erbgut aus dem Zellkern, denn ihre Informationen ändern sich nicht durch Rekombination mit jeder Befruchtung, sondern nur durch Mutation.  Allerdings gibt sie nur die Stammbaumlinie der Mutter wieder, die ja schließlich die Eizelle für jedes Kind zur Verfügung stellt.

Als die Forschergruppe unter Leitung von Barbara Bramanti und Joachim Burger vom Institut für Anthropologie der Uni Mainz diese Erbgut-Stücke von nomadisierenden und sesshaften Steinzeitmenschen miteinander verglich, zeigte sich, dass sie zu unterschiedlich waren, um zu einer Gruppe zu gehören. Statt Technologietransfer hat offenbar eine ganz klassische Einwanderung mit Sack und Pack, Saatgut und Vieh stattgefunden. „Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten“, erklärte Burger gegenüber „Science“. Die Steinzeit-DNA ist zwischen 15.000 und 4300 Jahren alt und stammt zum größten Teil aus dem deutschsprachigen Raum, aus Polen und dem Baltikum.

Der Vergleich mit heutigen Europäern zeigte allerdings auch, dass dieses Eindringen der Ackerbauern aus Südost nicht die einzige Einwanderung gewesen sein kann. Die Gene der mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler spielten nur noch eine untergeordnete Rolle im heutigen Spektrum. Aber auch die der jungsteinzeitlichen Ackerbauern, die weitgehend mit der Bandkeramischen Kultur gleichzusetzen sind, waren zu weit von den heutigen Profilen entfernt, um als hauptsächliche Urahnen in Frage zu kommen. Es müssen also noch weitere Einwanderer auf den Alten Kontinent gekommen sein, von denen wir allerdings wiederum in der archäologischen Überlieferung nichts erkennen können.

Paläo-LaborAn diesem Punkt setzen auch Skeptiker an, die davor warnen, allzu große Theoriegebäude ausschließlich auf genetische Befunde zu gründen. „Viel vom genetischen Profil der Jäger und Sammler könnte bei späteren Einwanderungswellen ausgelöscht worden sein“, gibt Ron Pinhasi vom University College im irischen Cork zu bedenken. Auf diese Weise könnten spätere Einwanderer den wahren Ablauf der neolithischen Revolution verschleiern. Grundsätzlich steht die Analyse des Steinzeit-Erbguts ohnehin vor der Gefahr, unglaublich leicht durch modernes Erbgut verfälscht zu werden. Zwar gibt es mittlerweile Standards und Verhaltensempfehlungen, die verhindern sollen, dass während des Isolierungs- und Vervielfältigungsprozesses der alten DNA Erbgut der beteiligten Wissenschaftler in die Proben gerät. Doch ausgeschlossen werden kann so etwas nicht. Der dritte Einwand richtet sich gegen die geringe Zahl der Genproben. Allerdings steht die gesamte Paläontologie vor dieser Hürde, in statistisch befriedigender Fülle wird es Fossilien-DNA nie geben.

Dennoch wird die Genanalyse eine wachsende Rolle bei paläontologischen Problemen spielen. Bei der Verbreitung des Ackerbaus nehmen Barbara Bramanti und ihr Team bereits die nächste Frage in Angriff: Woher genau kamen die Menschen, die diese Kulturtechnik in Europa etablierten?

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