Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Überraschungen aus Kometenkörnchen

Überraschungen aus Kometenkörnchen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:08

Anfang 2006 landete ein Behälter in der Wüste von Utah. Er enthielt Partikel des Kometen "Wild 2", die die US-Sonde "Stardust" zwei Jahre zuvor eingesammelt hatte. Es sind die ersten, die Menschen je in die Finger bekamen, und sie haben bereits nach vorläufigen Analysen erhebliche Folgen für unser Bild von der Entstehung des Sonnensystems. Auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union und in der Wissenschaftszeitschrift "Science" stellten sie die Resultate vor.

Schmutzige Schneebälle aus Eis und Staub vom äußersten Rand des Sonnensystems, mehr sahen die Forscher bislang nicht in Kometen. Doch was Stardust an Staubkörnchen vom Kometen "Wild 2" zurückbrachte, befördert althergebrachte Theorien zur Geburt des Sonnensystems ins Archiv der Wissenschaftsgeschichte. Kometen sind doch viel stärker Kinder unseres Sonnensystems als man bisher geglaubt hat. "Die Mineralien, die im Sonnensystem entstanden sind, machen bei weitem den größten Teil des Kometenmaterials aus", berichtete Peter Hoppe, Leiter der Arbeitsgruppe Nano- und Mikropartikelforschung am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie und einer der wenigen deutschen Partner der Nasa-Mission "Stardust". Gering ist dagegen der Gehalt an "Sternenstaub" aus dem Weltall zwischen den Sonnensystemen, von dem man bisher dachte, dass er neben Eis die wichtigste Zutat für Kometen ist. "Aber der Gehalt nicht höher als in primitiven Meteoriten", so Hoppe, "oder in interplanetaren Staubteilchen."

So trafen sich nach Vorstellung eines Künstlers im Januar 2004 die Nasa-Sonde "Stardust" und der Komet "Wild 2". Foto: JPL/Nasa

Die Stardust-Mission sorgte damit schon nach einer ersten Analyse der Partikel vom Kometen "Wild 2" für eine handfeste Überraschung. Sie hatte sie im Januar 2004 bei einem Treffen mit dem Himmelskörper jenseits der Marsbahn aufgesammelt. Seit 1999 war die Sonde unterwegs zu ihrem ungewöhnlichen Ziel. Mehr als drei Milliarden Kilometer legte sie dabei zurück, denn sie musste mehrfach mit Schleifen um die Sonne Schwung für den Flug in Richtung "Wild 2" nehmen. Bei der Begegnung kamen sich Kometenkern und Sonde bis auf 240 Kilometer nahe, "Stardust" flog dabei mitten durch den dichten Kometenschweif, um die begehrten Staubpartikel aufzusammeln. Dank ausgeklügelter Schutzschilde hielt die Sonde dem intensiven Bombardement der Kometenteilchen stand und konnte ihren Heimflug planmäßig antreten. Nachdem sie den Probenbehälter abgeworfen hatte, wurde die Raumsonde in einen Schlafzustand versetzt. Die Nasa überlegt zurzeit, wohin die Sonde zukünftig geschickt werden könnte. Auf der Liste der Ziele ist der Komet "Tempel 1", der schon von der Raumsonde "deep impact" besucht wurde.

Im Aerogel der Sammelbehälter von "Stardust" zogen die Körnchen des Kometen "Wild 2" charakteristische Spuren. Foto: Science

Die Astronomen müssen derweil von einer weiteren Vorstellung Abschied nehmen. "Wir erwarteten, dass das Baumaterial für die Kometen vom Rand des Sonnensystems stammt, wo die Kometen heute fliegen", erklärte Michael Zolensky vom Johnson Space Center der US-Weltraumbehörde Nasa in Houston, Texas. Doch das tut es keineswegs. Unter den Körnchen, die von zahlreichen Labors in den USA, aber auch in Großbritannien, Japan, Italien und Deutschland analysiert wurden, befanden sich überraschend viele, die aus dem innersten Bereich der Gas- und Staubscheibe stammen, aus der schließlich unser Sonnensystem entstand. Etwa zehn Prozent der Minerale im Kometenstaub kristallisierten sogar bei Temperaturen von mehr als 1700 Grad Celsius, also ziemlich nahe am Zentrum der präsolaren Scheibe, aus der sich vor 4,56 Milliarden Jahren unser Sonnensystem formte. "Ehrlich gesagt, haben wir nie damit gerechnet, etwas aus dem Inneren dieser Scheibe zu finden", bekannte Don Brownlee, Chefwissenschaftler der Mission von der Universität von Washington in Seattle, bei der Vorstellung der Ergebnisse auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco.

Die Gas- und Staubscheibe, die am Beginn unseres Sonnensystems stand, war also einerseits wesentlich turbulenter und andererseits wesentlich weniger gegliedert als man bisher dachte. "Es hat also einen Prozess gegeben, der Material von ganz innen, sehr nahe an der Sonne bis ganz nach außen, also in die 30 bis 50fache Entfernung der Erde von der Sonne transportiert hat", meint Peter Hoppe. Wie dieser Mechanismus funktioniert und wie effektiv er gearbeitet hat, kann man natürlich aufgrund der paar Körnchen nicht sagen. Doch gar so fremd wie gedacht sind sich Kometen Asteroiden oder Meteoriten nicht. Und so einheitlich wie gedacht sind die Kometen auch nicht. Die Messergebnisse der Mission "deep impact" unterscheiden sich jedenfalls von denen der "Stardust"-Sonde. "Allerdings dürfen wir dabei nicht vergessen, dass unterschiedliche Meßmethoden angewandt wurden", warnt Hoppe. Zweierlei jedoch ist sicher: Unser Bild von der Herkunft der Kometen wird ein gutes Stück komplexer. Und die Kometen sind tatsächlich die Zeugen aus der Frühphase des Sonnensystems, als die man sie immer gesehen hat. Nur war diese Frühphase eben bewegter als man dachte.