21. Feb. 2017

Blick in den Paris Canyon, Idaho. Dort wurde das früheste marine Ökosystem der Trias gefunden.

Die bisher schwerste Krise erlebte die belebte Natur an der Wende vom Perm zur Trias vor 251 Millionen Jahren, als mehr als drei Viertel aller bekannten Arten ausstarben. Nur langsam soll damals das Leben wieder Tritt gefasst haben, um dann umso erfolgreicher ins Dinosaurierzeitalter aufzubrechen. Ein Bericht in "Science Advances" zieht diese mühsame Erholung jetzt in Zweifel, denn er stellt ein blühendes Ökosystem mit urtümlichen und neuartigen Organismen vor. Die Funde sind knapp eine Million Jahre jünger als das Perm-Trias-Massensterben.

"Es gab alle möglichen Arten von Organismen in diesem Ökosystem, Algen, festsitzende Tiere wie Schwämme und Seeanemonen, bewegliche Bodenbewohner, etwa Krebstiere, und viele schwimmende Lebewesen wie Ammoniten, Kalmare, sogar Fische und Ichthyosaurier." Wenn der Paläontologe Arnaud Brayard von der Universität der französischen Region Burgund-Franche-Comté in Dijon von seinem derzeitigen Lieblingsfund erzählt, klingt es wie die Schilderung eines marinen Paradieses, das von Artenreichtum nur so platzt. Von insgesamt 750 verschiedenen Überresten, die mehr als 20 zoologische Ordnungen in sieben Stämmen des Tierreichs repräsentieren, sprechen er und seine Kollegen in "Science Advances".

Ungewöhnliche an dem Fund ist die Zeit, auf die er datiert wurde: auf das Spathium, eine vier Millionen Jahre dauernde Unterstufe der Untertrias, die knapp 700.000 Jahre nach dem Wechsel vom Perm zur Trias begann. Nach derzeitig vorherrschender Meinung war das eine triste Phase, in der sich das Leben mühsam von der schwersten Krise seiner gesamten Geschichte erholte. Beim Massensterben an der Grenze vom Perm zur Trias starben bis zu 96 Prozent aller marinen und rund 70 Prozent aller an Land lebenden Arten. Die Fossilien, die Arnaud Brayard und Kollegen aus Frankreich und den USA in einem Kliff im US-Bundesstaat Idaho gefunden haben, sprechen eine ganz andere Sprache. "Die Erholung war ziemlich schnell, und wir haben eine Mischung aus urtümlichen Organismen wie den Schwämmen und solchen wie den Kalmaren, die eigentlich erst sehr viel später auftauchen sollten", schwärmt der Franzose.

Marines Ökosystem aus der frühen Trias, gefunden im Paris Canyon, Idaho.
Bild: Science Advances/Jorge Gonzalez
Fundstelle frühtriassischer Fossilien bei Paris, Idaho.
Bild: Science Advances/Arnaud Brayard
Fundstelle der frühtriassischen Fossilien nahe Paris, Idaho.
Bild: Science Advances/Arnaud Brayard
Auswahl an Fossilien aus dem frühtriassischen Spathium.
Bild: Science Advances/Arnaud Brayard
Verortung des heutigen Paris Canyon, Idaho, auf einer Karte des triassischen Superkontinents Pangaea.
Bild: Science Advances/Arnaud Brayard
Fossil eines frühtriassischen Kalmars, gefunden nahe Paris, Idaho.
Bild: Science Advances/Arnaud Brayard

Die Fossilien stammen aus dem Paris Canyon, einem Tal in den grünen Hügeln von Idaho. "Die Fundstelle kannten nur die Einheimischen, und wir wurden durch ein Teammitglied auf sie aufmerksam gemacht, der in seiner Jugend hier schon Fossilien gesammelt hatte", erzählt Brayard. Am Rand einer unbefestigten Straße konnten die Paläontologen ohne große Mühe in den triassischen Sandsteinablagerungen graben und bargen zahllose Fossilien. Der Agrarstaat in den Rocky Mountains, der sich vor allem seiner guten Kartoffeln rühmt, war vor 250 Millionen Jahren Teil einer flachen Meeresbucht an einer tropischen Küste des Superkontinents Pangaea. "Es war ein sehr ruhiges Becken, fast wie eine Lagune", beschreibt Brayard die damalige Umgebung. Schwämme, Algen und Anemonen wiegten sich sacht in der Strömung, Brachiopoden Krebse bewegten sich gemächlich über den Meeresgrund, Ammoniten schwebten über sie hinweg. Große Schwärme von Kalmaren zogen durch das offene Wasser und wurden ab und zu durch Ichthyosaurier auf Raubzug aufgestört, die sich gern an den Tintenfischen bedienten. Schlagartig scheint es damals mit der Idylle vorbei gewesen zu sein, denn die im Sandstein konservierten Fossilien zeigen Anzeichen, dass die Tiere damals schnell von Sediment begraben wurden. "Die Todesursache kennen wir nicht, es gibt beispielsweise keine Hinweise auf Sauerstoffmangel", sagt Arnaud Brayard.

Der Fund zeigt das bislang früheste triassische Meeresökosystem und ist aufgrund einer bestimmten Ammoniten-Art ziemlich sicher datiert. Umso interessanter ist die Frage, wie dieses blühende Ökosystem zusammenpasst mit der herrschenden Meinung, dass sich das Leben nur langsam und mühsam vom Perm-Trias-Massenaussterben erholte? "Das kann ich leider nicht beantworten", sagt Brayard offen, "bislang wissen wir nur, dass die fossile Überlieferung aus dieser Zeit unvollständig ist und wir die gesamte Geschichte nicht kennen." Eine Möglichkeit wäre, dass die Meeresbucht aus dem heutigen Idaho so etwas wie ein von der Natur begünstigtes Refugium in einem ansonsten desolaten Ozean war. Allerdings müsste dieser Rückzugsraum ziemlich ausgedehnt gewesen sein, gehören Kalmare und Ichthyosaurier doch zu den Tieren, die weit herumziehen und daher einen ausgedehnten Lebensraum brauchen.

Wie die Nachwehen des größten Massensterbens der Erdgeschichte genau waren und wie lange das Leben brauchte, um wieder auf die Bahn zu gelangen, müssen weitere Ausgrabungen zeigen. Arnaud Brayard und seine Kollegen wollen demnächst in kanadischen Fundstätten aus der frühen Trias graben, um zu sehen, ob sich der Befund aus Idaho dort bestätigen lässt. Dann hätten sie zumindest belegt, dass es im triassischen Weltozean Panthalassa zumindest weite lebensfreundliche Regionen gab, in denen urtümliche Lebewesen aus dem Perm überdauerten und moderne Vertreter der Erdmittelalterfauna ihr Debüt gaben. Ein globales Bild allerdings kann erst dann entstehen, wenn auch Regionen an anderen Küsten Pangaeas einbezogen werden. Solche Fundstätten liegen etwa im heutigen Südchina oder in Europa.