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Überraschende Müllschwemme

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 13.02.2015 13:48

Plastik ist so etwas wie das Kennzeichen der modernen Zivilisation. 270 Millionen Tonnen werden jedes Jahr produziert, viel davon wird weggeworfen und viel landet schließlich in den Weltmeeren. Ein interdisziplinäres Wissenschaftler-Team hat in "Science" eine Abschätzung der Plastikmüllflut veröffentlicht und kommt auf einen Durchschnittswert von jährlich acht Millionen Tonnen.

Jeder Europäer verbraucht im Durchschnitt 120 Kilo Plastik im Jahr, jeder Amerikaner sogar 130 Kilo. Die Kehrseite der Plastikwirtschaft ist allerdings auch eine gewaltige Menge sehr dauerhaften Mülls. Berichte über den großen Müllwirbel mitten auf dem Pazifischen Ozean, über Quietscheentchen in Arktis und Antarktis oder über Plastikbecher in der Tiefsee zeigen, dass der menschliche Plastikmüll inzwischen in den entlegensten Weltgegenden angekommen ist.

Müll vom Strand von Caleta de Famara, Lanzarote, gesammelt im November 2014. (Bild: Science/Malin Jacob)Wie viel Müll allerdings tatsächlich in den Weltmeeren landet, ist eine weitgehend unbeantwortete Frage. "Es gibt einige jüngere Studien, die eine Abschätzung versucht haben, aber mal war sie beschränkt auf den schwimmenden Plastikmüll, mal auf den am Meeresgrund, mal auf den im Meereis", sagt Jenna Jambeck, Professorin für Umweltingenieurwissenschaften an der Universität von Georgia in Athens. Jambeck und ihre Kollegen sind daher einen anderen Weg gegangen: Sie suchten die Quelle auf und versuchten von dort aus den Mülleintrag im Beispieljahr 2010 zu berechnen. Die Forscher mussten sich mangels belastbarer und weltweit einheitlich erhobener Zahlen mit etlichen Annahmen behelfen und verschiedene Szenarien durchrechnen. So kommen sie im Ergebnis auf eine erhebliche Bandbreite: Zwischen 4, 8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll wurden in die Weltmeere geschwemmt, im mittleren Szenario waren es acht Millionen Tonnen. "Natürlich sind diese Zahlen nicht zum Nennwert zu nehmen, aber sie zeigen uns die Größenordnung, um die es hier geht", kommentiert Nancy Wallace, zuständig für die marine Müllzählung bei der US-Ozeanographiebehörde NOAA, gegenüber der "New York Times".

Karte der größten Plastikmüllemittenten der Welt, Stand 2010. (Bild: Science/Jenna Jambeck)Hauptsächliche Verursacher dieser Plastikschwemme waren jedoch keineswegs die Industriestaaten mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch. Die EU und die USA rangieren unter den Hauptemittenten auf Platz 18 und 21, dafür liest sich die Liste wie ein Who-is-who der aufstrebenden Schwellenländer. Mit China an der Spitze finden sich viele der asiatischen Tigerstaaten, dazu Brasilien und eine Reihe aufstrebender Nationen Nordafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens. Nur Bangladesch, Burma und Nordkorea fallen aus diesem Muster heraus. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Ursachen der Müllflut. Die USA und EU-Europa haben relativ effektive Methoden entwickelt, ihren Plastikmüll zu entsorgen und von der Umwelt fernzuhalten. Allerdings produzieren sie so große Abfallmengen, dass dennoch viel in die Umwelt gelangt. In den Schwellenländern sieht es anders aus. Dort steigt die Plastikmüllproduktion parallel zum Lebensstandard steil an, aber weil die Müllentsorgung nicht Schritt halten kann, gelangen große Mengen in die Umwelt.

Eingesammelter Plastikmüll auf hoher See vor Lanzarote. (Bild: Science/Jenna Jambeck)Entsprechend unterschiedlich sind die Lösungsstrategien, die die Wissenschaftler empfehlen. Sie setzen vor allem auf Vermeidungsstrategien, denn das Herausfischen der Plastikteilchen aus den Weltmeeren ist ihrer Ansicht nach unmöglich. "Wie wollen Sie zum Beispiel die Plastikteile vom Meeresboden bergen, der im Durchschnitt mehr als 4000 Meter tief unter Wasser liegt", fragte Co-Autor Robert Geyer von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara auf der Pressekonferenz während der AAAS-Jahrestagung in San Jose. "Die USA und die EU sollten als große Müllproduzenten vor allem ihren Plastikkonsum reduzieren", so Jambeck, "die Schwellenländer müssen dagegen ihre Abfallwirtschaft verbessern." Wenn allein die 20 größten der insgesamt 192 betrachteten Verursacher ihre Abfälle kontrollierten, wäre viel gewonnen, denn sie verursachen rund 83 Prozent der Gesamtbelastung. Falls nichts geschieht, erwarten die Forscher, dass sich in den kommenden zehn Jahren die jährliche Müllmenge, die im Ozean landet, verdoppelt, so dass dann kumuliert 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren lagert. Die Weltbank schätzt, dass die Müllflut in die Ozeane bis zum Jahrhundertende weitergeht und erst dann abebbt.

Die große Frage für die Wissenschaft lautet jetzt, wo der ganze Plastikmüll bleibt. Denn schon jetzt gibt es eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Eintrag, den Jenna Jambeck und ihre Kollegen abgeschätzt haben und den bisher publizierten Müllmengen. "Der höchste Wert, den ich kenne, beträgt 245.000 Tonnen", erklärt die Umweltingenieurin, "da gibt es eine erhebliche Differenz." Ihre Co-Autorin Kara Lavender Law betont: "Durch diesen Ansatz erhalten wir eine Vorstellung, welche Mengen an Plastik uns bislang entgangen sind." Vermutlich sei sehr viel Plastik auf den Meeresboden gesunken oder an die Strände gespült worden. Jetzt müsse man unbedingt diese Lücke schließen.

 

Müll an einem Strand auf Haiti. (Bild: Science/Timothy Townsend)  Plastikmüll, der sich im Eriesee angesammelt hat. (Bild: Science/Jenna Jambeck)   Eine Mülldeponie in den USA, auf der viel Plastikmüll landet. (Bild: Science/Jenna Jambeck)