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Umschwung in mehreren Schritten

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.10.2013 14:59

Die Geschichte der Menschheit kennt eine Reihe von einschneidenden Ereignissen, die die Entwicklung unserer Art in neue Bahnen lenkten. Die Etablierung des Ackerbaus gehört zweifellos zu diesen Epochen und wurde durch den Begriff "Neolithische Revolution" geadelt. Dieser Umschwung verlief jüngsten Studien zufolge allerdings nicht so glatt wie man bisher dachte.

Skelett der Schnurkeramik-Kultur aus einem Grab in Karsdorf. (Bild: Science/J. Liptàk)Revolutionen pflegen chaotisch abzulaufen, in der Regel ordnet erst die Nachwelt den Strudel der Ereignisse zu einem stringenten Verlauf. Das gilt offenbar auch für die Vor- und Frühgeschichte, wo sich gerade das bislang recht klare Bild einer Schlüsselperiode in viele Facetten zerlegt. Die sogenannte Neolithische Revolution brachte Europa vor rund 7500 Jahren den Übergang von Jäger-Sammler-Kulturen zum Ackerbau und legte so den Grundstein für die spätere Entwicklung. Bislang schien es so, als seien die Träger der Ackerbaukultur vor rund 7500 Jahren von Südosten her eingewandert und hätten sich innerhalb von nur 2000 Jahren auf dem gesamten Kontinent gegen die vorher ansässigen Jäger und Sammler durchgesetzt. Zwei Untersuchungen in "Science" zeichnen jetzt auf regionaler und lokaler Ebene ein differenzierteres Bild. Die erste Studie betrifft die Besiedelungsgeschichte der Region Mittelelbe-Saale. Die Börde zwischen Magdeburg und dem Harz war schon in der Jungsteinzeit ein wichtiges Transitland, Archäologen haben hier in Ausgrabungen mindestens neun verschiedene jungsteinzeitliche Kulturen identifiziert. Befunde aus dieser Gegend haben daher auch überregionale Bedeutung. Eine trinationale Arbeitsgruppe unter Leitung von Anthropologen der Universität Mainz hat jetzt genetisches Material von 364 Individuen aus 25 verschiedenen Fundorten analysiert und auf Basis des Erbguts so etwas wie eine Herkunftskarte der Menschen aufgestellt, die die Börde nacheinander im Zeitraum von vor 7500 bis vor 3500 Jahren bewohnten. Erbgutproben heutiger Europäer lieferten den Vergleichsmaßstab. "Unsere Arbeit zeigt, dass die Besiedlungsgeschichte wesentlich komplexer war, als eine simple Einwanderung der Ackerbauern mit anschließender Integration der ursprünglichen Jäger und Sammler", sagt Hauptautor Guido Brandt in einer Stellungnahme.  

 

Relikte aus verschiedenen Siedlungsperioden der Steinzeit findet man in der Blätterhöhle in Hagen. (Bild: Science/DFG-Projekt Blätterhöhle)Diese bislang umfangreichste Erbgutdatenbank für die Jungsteinzeit wird durch eine zweite Studie ergänzt, die ebenfalls von Forschern des Mainzer Instituts für Anthropologie geleitet wurde. Sie haben, wenn man so will, eine historische Detailstudie verfasst, die sich auf die sogenannte Blätterhöhle bei Hagen in Westfalen stützt. In dieser Felsenhöhle finden sich Spuren menschlicher Benutzung aus der Jäger- und Sammlerzeit sowie aus der anschließenden Ackerbauzeit. "Unsere Studie zeigt, dass die Nachfahren der Jäger und Sammler ihren Lebensstil beibehielten und so mindestens für 2000 Jahre neben den Ackerbauern lebten", berichtet Ruth Bollongino in einer Presseerklärung. Zumindest im Lennetal, in dem die Blätterhöhle liegt, gab es also eine Koexistenz beider Kulturen über einen sehr langen Zeitraum hinweg. 

 

 

Grab der Glockenbecher-Kultur in Rothenschirmbach. (Bild: Science/LDA Sachsen-Anhalt)Und auch für den größeren Bereich der Magdeburger Börde ergibt sich ein verwickeltes Bild. Die Forscher um Guido Brandt haben ihren Stammbaum aus der Mitochondrien-DNA der 364 Individuen aufgestellt. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen und werden mit den Eizellen nur von den Müttern auf die Kinder übertragen. Ihre Auswertung ergab, dass es seit der Ankunft des Ackerbaus mindestens vier größere Bevölkerungsschübe gab, und dass die Träger der "Neolithischen Revolution" nur noch in 30 Prozent der heutigen Europäer Spuren hinterlassen haben. Viel stärker haben sich zwei jüngere Schübe ausgewirkt, die vor rund 4800 und 4500 Jahren Ackerbauern aus dem Osten und von der Iberischen Halbinsel an die Saale führten. Ein vierter Bevölkerungszug begann, als vor rund 6000 Jahren Ackerbauern aus Mitteleuropa nach Skandinavien zogen und sich dort mit Jägern und Sammlern vermischten. Nachfahren dieser Mischkultur zogen vor rund 5000 Jahren zurück gen Süden und bevölkerten die nord- und mitteldeutschen Ebenen. Die Studie zeigt auch, dass die sukzessiven Einwanderer sich keineswegs problemlos festsetzen konnten. Vielmehr scheint es etliche drastische Rückschläge gegeben zu haben, bei denen die Populationen schwer dezimiert wurden. 

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