Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Unbekannte Verwandtschaft

Unbekannte Verwandtschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 08:35

Es war nur eine erste Stippvisite, die die Nasa-Sonde Messenger Anfang des Jahres bei Merkur, dem sonnennächsten Planeten unseres Systems, absolvierte. Weniger als eine halbe Stunde flitzte die Sonde an dem mit nur knappen 5000 Kilometer Durchmesser kleinsten Planeten des Systems vorbei, dann war sie schon wieder auf dem Weg Richtung Venus und Erde. Doch diese wenigen Minuten haben gereicht, um über 1200 Bilder und viele andere Messwerte zu sammeln - insgesamt rund 500 Megabit Daten. Die sind jetzt in einer ersten Runde ausgewertet worden und eine Serie von nicht weniger als elf Artikeln in der Wissenschaftszeitschrift „Science“ liefert das neue Porträt des Merkur.

Messenger und MerkurSeitdem die US-Sonde Mariner-10 dem Merkur 1974 und 1975 insgesamt drei Besuche abstattete, ist Messenger die erste irdische Raumsonde, die den Planeten erkundet. Entsprechend gering sind die Kenntnisse über den innersten und kleinsten der Planeten unseres Sonnensystems. Deshalb genügte schon der rasende Vorbeiflug im Januar, um einige Theorien über Merkur zu den Akten zu legen und einen gewaltigen Stapel neuer Fragen aufzutürmen. So ist jetzt tatsächlich klar, dass es auf dem Merkur Vulkanismus gab und möglicherweise immer noch gibt. „Wir haben klare Hinweise auf Lavaströme an der Planetenoberfläche“, erklärte James Head von der Brown Universität im US-Bundesstaat Rhode Island. Auf einem der Bilder ist sogar ein gewaltiger Schildvulkan zu erkennen,  der 95 Kilometer im Durchmesser misst.

Außer den jetzt erstmals entdeckten Vulkanen hat Merkurs Oberfläche noch etwas einmaliges zu bieten, das schon Mariner-10 fotografiert hatte. Die Oberfläche ist von einem Netz von steil abfallenden Kliffs überzogen. Sie sind die Überbleibsel von tief gehenden Rissen in den höheren Planetenschichten, die beim Abkühlen des Merkurkerns entstanden sind. Der Kern ist relativ gesehen der größte im Sonnensystem, rund 60 Prozent der Planetenmasse entfallen auf ihn. Als sich der heiße Kern zunehmend abkühlte und dabei schrumpfte, waren die Konsequenzen entsprechend. Lange und tiefe Risse bildeten sich an vielen Stellen der Oberfläche. Die Aufnahmen von Messenger zeigen jetzt, dass dieser Schrumpfungsprozess stärker war, als aufgrund der Mariner-10-Bilder angenommen.  Zwischen drei und fünf Kilometer seines Durchmessers, so schätzen die Planetologen, hat der Merkur beim Abkühlen verloren. „Das war schon ein ziemlich starkes Einschrumpfen“, betonte Chefwissenschaftler Sean Solomon von der Washingtoner Carnegie Stiftung.

Vulkane auf MerkurMessungen des Magnetfeldes haben zudem ergeben, dass der Merkur offenbar außer der der Erde der einzige innere Planet des Sonnensystems mit einem internen Magnetfeld ist. Auf dem Mars finden sich in Form magnetisierter Gesteine nur noch die Reste des einstigen Feldes. Doch die Messwerte vom Merkur deuten auf ein weitgehendes Dipol-Feld hin, so wie auf der Erde, das jedoch etwa 100 Mal schwächer ist. Ob das Feld allerdings von einem Dynamo im Inneren von Merkur erzeugt wird, wie das auf der Erde der Fall ist, ist unter den Wissenschaftlern umstritten. Als eine schwächere Version der Erde sieht Messenger-Chefwissenschaftler Sean Solomon den Merkur, während Kollegen wie etwa Jean-Luc Magot von der Cornell Universität dies noch nicht aus den vorliegenden Daten herauslesen wollen.                                                                                                                      

Gelegenheiten zum Datensammeln wird Messenger noch mehrfach erhalten. Die Visite vom Januar ist die erste von insgesamt drei Vorbeiflügen, bevor Messenger am 18. März 2011 in eine Umlaufbahn um den Merkur einschwenken und den Planeten ein Erdenjahr oder zwei Merkurtage lang gründlich untersuchen soll. Nach dem ersten Vorbeiflug am Merkur ist ein zweiter für den 6. Oktober dieses Jahres und ein dritter für den 29. September 2009 geplant.

Das Caloris-Becken auf MerkurDie Sonde ist seit dem 3. August 2004 unterwegs und wird bis zur endgültigen Ankunft am Merkur fast acht Milliarden Kilometer zurückgelegt haben. Zum Vergleich: Die kürzeste Distanz zwischen Erde und Merkur beträgt 77,3 Millionen Kilometer. Die kann die Sonde allerdings nicht direkt fliegen, weil sie dafür nicht genug Treibstoff hat. Messenger nutzt daher die Sonne und die inneren Planeten zum Schwungholen, ein für Raumsonden bewährtes und vielfach erprobtes Verfahren, um mit vergleichsweise wenig Treibstoff ferne Ziele anzupeilen und hohe Geschwindigkeiten zu erreichen. Messenger selbst wird dabei insgesamt 15 Mal die Sonne umkreisen und hat bereits einmal die Erde und zweimal die Venus zum Beschleunigen genutzt. Weil aber alle Vorbeiflüge auch für die Merkurerkundung genutzt werden, müssen die Wissenschaftler glücklicherweise nicht bis 2011 warten, um neues über den unbekanntesten der erdähnlichen Planeten zu erfahren.

Verweise
Bild(er)