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Verderben aus dem Salzsee?

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 10:56

Mehrfach ist das Leben auf der Erde in mehr oder weniger existenzbedrohende Krisen geraten. Fünf dieser Massenaussterben haben die Geowissenschaftler bislang in der paläontologischen Überlieferung identifizieren können - das größte an der Wende vom Erdaltertum zum Erdmittelalter. Es markiert vor rund 251 Millionen Jahren die Grenze zwischen den Zeitaltern Perm und Trias und löschte rund 95 Prozent aller Meeres- und 70 Prozent aller Landlebewesen aus. Der oder die Urheber des, so Nasa-Wissenschaftler 2002, „großen Sterbens“ bleiben freilich im dunkeln. Die Idee eines deutschen Umweltwissenschaftlers, riesige Salzseen hätten es ausgelöst, stößt jedenfalls auf Skepsis.

Salzsee in SüdrusslandIm Süden Russlands breitet sich in der kalmückischen Steppe die Wüste unaufhaltsam aus. In dem Gebiet zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer ist jahrzehntelang rücksichtslos Landwirtschaft betrieben worden, gewaltige Bewässerungssysteme haben das Wasser auf Baumwoll- und Getreidefelder umgeleitet, riesige Industriekombinate die Flüsse als Abwasserkanäle benutzt, Viehwirtschaft wurde ohne Rücksicht auf Böden oder Wasserreserven betrieben. „Doch wie sich herausstellte, waren es weniger diese Faktoren, die zur Ausbreitung der Wüsten führten“, so Dr. Ludwig Weißflog, Umwelttoxikologe am Helmholtzzentrum für Umweltforschung in Leipzig, „sondern es waren Salzseen mit ihren Emissionen.“ Salzseen wie diese sind keineswegs unbelebt, sondern werden von Unmengen von Einzellern, Bakterien und Archäen, bewohnt. Manche von ihnen produzieren flüchtige Kohlenwasserstoffverbindungen wie Chloroform oder Trichlorethen, die zusammen mit feinen Salzkristallen vom Wind über weite Gebiete verteilt werden. „In der Folge“, so Weißflog, „schädigen sie die Vegetation in Südrussland, so dass es teilweise zum Totalausfall kommt und damit zur Wüstenausbreitung.“


Bonneville SalzseenVon diesem Beispiel aus der Gegenwart zogen Weißflog und seine Kooperationspartner aus Russland Rückschlüsse auf die ferne Epochengrenze zwischen Erdaltertum und Erdmittelalter. „Es lag nahe, dass wir diese Ergebnisse auch auf größerflächige Salzseen wie zum Beispiel das Zechsteinmeer an der Grenze von Perm zu Trias übertragen haben“,  erklärt Weißflog. Das Zechsteinmeer war vor rund 250 Millionen Jahren ein flaches Randmeer von der Größe Frankreichs und bedeckte große Gebiete, die heute Mitteleuropa bilden. Damals hatten sich alle Landmassen zum Riesenkontinent Pangäa zusammengeballt, es herrschte ein ziemlich warmes und trockenes Klima. Im Inneren Pangäas dehnten sich ungeheure Wüsten aus, aber an den Küsten herrschten gute Bedingungen. Auch in den Ozeanen blühte das Leben. Flache Randmeere wie das Zechsteinmeer bildeten allerdings die Ausnahme, denn sie dampften immer stärker ein, weil der Wasseraustausch mit dem Rest der Weltmeere kaum noch stattfand. Damals entstanden die größten Salzlagerstätten der Erdgeschichte. Von diesen gigantischen Salzseen sollen wie von den südrussischen Seen halogenierte Kohlenwasserstoffe aufgestiegen sein, und das in gigantischen Mengen. Die sollen mithilfe der Winde über große Teile der damaligen Welt verteilt worden sein. „Wenn man sich die damalige Lage des Zechsteinmeers vorstellt, das damals auf dem Gebiet der heutigen Sahara lag, müssen wir mit einem Transport speziell auf die Nordhemisphäre rechnen und damit zu einem großflächigen Eintrag in die heißen Wüstengebiete des Urkontinents Pangäa“, so Weißflog. Dabei ließen sie nicht nur die Vegetation verdorren und die Wüsten voranschreiten, sondern zerstörten auch die Ozonschicht, die damals wie heute das Leben vor harter UV-Strahlung aus dem All schützte. All die direkten und indirekten Wirkungen der Salzseen sollen so zum „Großen Sterben“ geführt haben.


Namibischer SalzseeUnter Paläontologen erntet der Leipziger freilich nur wenig Zustimmung. „Ein interessanter Gedanke“, meint etwa Thierry Adatte. Der Geologieprofessor an der Universität Lausanne ist einer derjenigen, die sich intensiv mit den Massenaussterben im Lauf der Erdgeschichte befassen: „Aber auch das Sterben an der Wende vom Perm zur Trias war ein Prozess mit vielen Faktoren, mit einem langfristigen Klimawandel zu trockeneren Bedingungen, mit einer Versalzungskrise und am Ende mit dem finalen Todesstoß der sibirischen Traps.“ Das war die gewaltigsten Vulkanausbrüche, die wir aus der Erdgeschichte kennen. Zehntausende von Quadratkilometern wurden mit kilometerdicken Schichten aus Lava bedeckt - sogar die Vulkanausbrüche, die das Ende der Dinosaurier besiegelten, verblassen dagegen. Adattes Haupteinwand aber bezieht sich auf die Chronologie: „Die Salzseen und die Probleme, die sie erzeugten“, so Adatte, „gab es also schon sehr lange bevor die Krise begann.“ Das Zechsteinmeer dampfte rund zehn Millionen Jahre im Perm vor sich hin, bevor sich das Massenaussterben dann auch wirklich ereignete und innerhalb weniger Hunderttausend Jahre vollzog. Mehr als ein Stressfaktor von vielen zu sein, will der Schweizer daher den Salzseen nicht zubilligen.

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