23. Aug. 2017

Pestgrab auf dem Londoner Pestfriedhof von East Smithfield.

Wie man sich von Verstorbenen verabschiedet, gehört zu den am tiefsten verwurzelten Traditionen einer Gesellschaft, doch Bestattungsformen können auch zu Umweltfaktoren werden. Ein EU-gefördertes Forschungsprojekt beschäftigt sich vor allem mit der kulturellen und sozialen Kraft der Bestattung in der europäischen Geschichte, doch es hat auch die ökologischen Folgen der hiesigen Beerdigungsformen aufgedeckt. Über diese Folgen berichteten beteiligte Wissenschaftler auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien.

391 Hektar, so viel wie 362 Fußballfelder ist der Friedhof im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf groß und damit der ausgedehnteste in Europa. 1873 als Parkfriedhof weit außerhalb der Stadt geplant, ist er heute ringsum von den Randbezirken der Hansestadt eingeschlossen, hat dabei aber seinen Parkcharakter behalten. So wie Hamburg besitzen zahlreiche westliche Städte ausgedehnte Friedhöfe, oft in mittlerweile begehrten Lagen. Der laut Guinness Buch der Rekorde größte Friedhof allerdings liegt bei Nadschaf im Irak, der heiligsten Stadt der Schiiten: Wadi-as-Salaam existiert seit dem 7. Jahrhundert und hat inzwischen eine Fläche von 917 Hektar. Experten schätzen, dass fünf Millionen Tote hier begraben wurden.

"Diese aus der Vorgeschichte herrührende Erdbestattung nimmt sehr viel Platz ein, das kann zu einem Problem werden", sagt Ladislav Smejda, Assistenzprofessor am Institut für Ökologie der Tschechischen Universität für Lebenswissenschaften in Prag. Der Archäologe gehört zum Leitungsteam des EU-Projektes Deepdead, das sich mit dem Umgang der Europäer mit ihren Toten beschäftigt. "Da gibt es in der modernen Gesellschaft eine Art Tabu, gerade in Europa", so Smejda, "aber wir glauben, dass wir eine offene Diskussion darüber führen sollten, denn die Bestattungsformen beeinflussen tatsächlich die Wohlfahrt der Gesellschaften." Das Projekt ist eine Kooperation von Literaturwissenschaftlern und Archäologen, die bis in die Bronzezeit zurückblicken wollen, um den kulturellen und sozialen Einfluss der Bestattungen auszumessen.

Europas größter Friedhof: Hamburg Ohlsdorf.
Bild: Oxfordian Kissuth/CC BY-SA 3.0

Auf der EGU-Jahrestagung stellte Smejda die naturwissenschaftlichen Aspekte des Projektes vor. Der offensichtliche Raumbedarf, den christliche, jüdische und muslimische Grabstätten entfalten, ist da nur ein Aspekt. "Gräber, die 1000 oder 1500 Jahre alt sind, beeinflussen auch heute noch die Vegetation", so Smejda, "wir können weiterhin Hinweise auf die Körper in der Bodenchemie entdecken, vor allem erhöhte Konzentrationen von Phosphor und Zink, manchmal auch andere Elemente." Smejda setzt dafür auf Luftbildarchäologie, denn auf den Bildern der alten Friedhöfe lassen sich auch heute noch die Grabstellen selbst aus der Luft erkennen. "Die Pflanzen wachsen besser, sie sind grüner und bilden einen starken Kontrast zur umgebenden Vegetation.". Das gilt nicht nur für die Friedhöfe mit Erdbestattung, sondern auch dort, wo die Asche der Verstorbenen verstreut wird. "Wir fanden in diesen Friedwäldern Phosphor-Gehalte von sechs bis zwölf Prozent, während der Boden der unbeeinflussten Kontrollflächen nur zwei Prozent Phosphorgehalt aufweist", so Smejda.

Die erhöhte Nährstoffzufuhr auf Friedhöfen stellt dabei in den seltensten Fällen ein Problem dar, sie beeinflusst eben nur die Umwelt. Wirklich heikel sind jedoch die Schwermetalle, die sich im Körper anreichern und die mit der Bestattung in die Umwelt gelangen. Vor allem das Quecksilber aus Zahnfüllungen ist eine echte Belastung, egal ob der Verstorbene begraben oder kremiert wird. Nach einer Untersuchung der britischen Regierung aus den 90er Jahren steuerten die Krematorien des Landes elf Prozent zur Quecksilberbelastung bei und waren damit nach der Aufbereitung von Nichteisenmetallen und der Energieerzeugung der drittgrößte Faktor. ""In Ländern wie der Tschechischen Republik, wo die Feuerbestattung sehr weit verbreitet ist, stellt Quecksilber weiterhin ein ernste Belastung dar", so Smejda. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn Amalgam als Plombenmaterial weitgehend ersetzt sein wird oder die Krematorien mit entsprechenden Filtern ausgestattet sind.