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Verheerender Treffer

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.10.2009 16:48

Vor 65 Millionen Jahren ging die Welt der Dinosaurier mit einem Schlag unter - zumindest wenn man paläontologische Zeitmaßstäbe anlegt. Eine Kombination aus massiven Vulkanausbrüchen und einem Asteroideneinschlag gilt als wahrscheinliche Ursache. Doch der bisherige Einschlagskandidat auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan ist offenbar zu klein und kam zu früh. Auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft in Portland bringt ein Paläontologe jetzt einen anderen Kandidaten ins Spiel: Ein Riesenasteroid, der Westindien traf und dabei auch gleich noch Vulkanausbrüche so richtig anheizte.

Asteroideneinschlag Kreide-TertiärVon insgesamt fünf Massenaussterben im Lauf der rund vier Milliarden Jahre langen Geschichte des Lebens auf der Erde wissen die Paläontologen. Das Ende der Dinosaurier war bei weitem nicht das größte, doch es ist das bekannteste und spektakulärste. Das liegt zum einen an den immens populären Opfern, das liegt aber auch an dem ungemein suggestiven Szenario, das seit den 70er Jahren die Diskussion um die Wende von der Kreidezeit zum Tertiär beherrscht. Ein Asteroideneinschlag soll den Dinosaurier den Tod gebracht haben, und die Urheber dieser These, Vater und Sohn Alvarez,  präsentierten auch wenige Jahre später einen Einschlagskrater: Chicxulub, eine etwa 180 Kilometer messende Delle auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan.

Allerdings hat der mexikanische Krater auch sehr viel Kritik auf sich gezogen: Der Einschlag habe nicht genug Energie entfaltet, um ein globales Desaster auszulösen, und außerdem sei er 300.000 Jahre vor dem tatsächlichen Ende der Dinosaurier geschehen, so die beiden Haupteinwände. Die Kritik ist so massiv, dass sie auch die ganze Asteroiden-These in Misskredit gebracht hat. Doch vielleicht hat man nur auf den falschen Einschlag gesehen? Auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft in Portland, bringt Sankar Chatterjee, indischstämmiger Paläontologe an der Texas Tech University, einen anderen Kandidaten ins Spiel: den Shiva-Krater vor der indischen Westküste. „Dieser Krater hat einen Durchmesser von 500 Kilometer“, meint er, „es ist der größte auf der Erde, auch wenn es auf Mond oder Mars noch größere gibt.“ Chatterjee beschäftigt sich bereits seit fast 20 Jahren mit dem Shiva-Krater und dem möglichen Zusammenhang mit dem Ende der Dinosaurier. Überzeugt hat er seine Kollegen bislang nicht, was aber auch an der problematischen Lage des Kraters liegt. Er befindet sich unter vielen Hundert Metern Wasser begraben am Tiefseeabhang des indischen Subkontinents und ist überdies zu großen Teilen von Lava bedeckt, die durch die Dekkan-Trapps ausgestoßen wurde. Bislang haben Chatterjee und seine Kollegen daher nur geophysikalische Indizien, aber keinen geologischen, fassbaren Beweis für ihre These.

Shiva-KraterDoch die hat einiges für sich. Wenn ein Asteroid für den Shiva-Krater verantwortlich ist, dann hat der einen Durchmesser von rund 40 Kilometern gehabt, viermal mehr als der von Chicxulub. Entsprechend groß war die Energie, die entfaltet wurde. „Der Einschlag war so stark, dass er den gesamten Westteil Indiens erschütterte“, so Chatterjee. Im Klartext heißt das, dass dort die gesamte Erdkruste buchstäblich weggeblasen wurde, acht Kilometer dickes Gestein verschwand und zurück blieb der nackte Erdmantel. Der Kontinentalplattenblock aus Indien, den Seychellen und Somalia, der damals noch zusammenhing, wurde nach Ansicht der Geologen um Chatterjee durch den Einschlag auseinander gerissen.

„Die Seychellen, die bis dahin mit Indien verbunden waren, wurden von dem Subkontinent losgerissen und drifteten in Richtung Madagaskar“, erklärt der Forscher, „Indien dagegen bewegte sich nach Norden.“ Chatterjee und seine Kollegen vermuten, dass der Einschlag vor 65 Millionen Jahren den Subkontinent beschleunigte. Denn in den Millionen Jahren danach sprintete Indien wie ein kontinentales Schnellboot mit sagenhaften 30 Zentimetern pro Jahr nach Norden. Dort rammte es vor 40 bis 50 Millionen Jahren Asien. Die Knautschzone dieses Zusammenstoßes nennen wir heute Himalaya.

Kein Asteroid als Dinosaurier-KillerEin solcher Einschlag war sicherlich gewaltig und dürfte auf dem Subkontinent alles Leben  schwer in Mitleidenschaft gezogen haben, ein globales Aussterben der Dinosaurier aber hätte auch er nicht bewerkstelligen können. Doch da war noch etwas anderes, die berühmten Dekkan-Trapps nämlich. Das waren Vulkanausbrüche, die in die Kategorie Megavulkan gehören, keiner der heutzutage denkbaren Supervulkane kommt auch nur in Ansätzen mit ihrer Ausdehnung mit. Am Ende der nur wenige Zehntausend Jahre dauernden Dekkan-Trapp-Episode war fast die Hälfte Indiens mit einer drei Kilometer dicken Basaltschicht bedeckt.  Und dieser katastrophale Vulkanausbruch könnte durch den Shiva-Einschlag maßgeblich hervorgerufen worden sein. Chatterjee: „Der Vulkan selbst war schon vorher da, aber es war ein ziemlich kleiner. Durch den Einschlag ist er förmlich explodiert und hat letztendlich den größten Teil Indiens mit Lava bedeckt. Der Einschlag hat den Trapp-Vulkanismus wohl nicht ausgelöst aber er hat ihm zu seinen katastrophalen Ausmaßen verholfen.“ Dieser Vulkanismus wiederum hat wohl das Potential zur globalen Katastrophe gehabt, denn seine Gas- und Aschewolke dürften das Erdklima zum Absturz gebracht haben.

Die Forscher um Chatterjee müssen jetzt allerdings noch viele Belege für ihre suggestive These liefern. Die Erfahrung mit Chicxulub zeigt, dass selbst jahrzehntelange und mit viel Geld ausgestattete Forschung viele Fragen offen läßt. Was der Paläontologe zurzeit nur vorweisen kann, sind geophysikalische Messdaten und eine kraterförmige Vertiefung im indischen Kontinentalschelf, in deren Mitte sich ein fünf Kilometer hoher Berg erhebt. Eine solche Struktur entsteht, wenn der Planet an der Einschlagsstelle sozusagen zurückfedert und geschmolzenes Material von Impaktor und Erdkruste emporgeschleudert werden. „Es ist kein anderer Prozess bekannt, der so eine Formation hervorbringt“, so Chatterjee.

Die wichtigen Informationen über das Gestein vor Ort fehlen zurzeit noch. Der Shiva-Krater ist das Zentrum der indischen Offshore-Ölförderung, und die Ölfirmen haben ihre Bohrkerne aus Angst vor Betriebsspionage eifersüchtig gehütet - bis jetzt zumindest. Im Dezember fliegen Chatterjee und seine Kollegen nach Indien und erhalten Zutritt zu den Bohrkernarchiven.

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