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Verkannter Klimafaktor mit Einfluß

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.08.2007 17:09

Wenn es um den Klimawandel geht, gehört der durch die globale Temperaturerhöhung tauende Permafrost zu den großen Unbekannten. Der Grund: In ihm sind Unmengen Methan gespeichert, und Methan ist ein sehr wirkungsvolles Treibhausgas, wenn es in die Luft kommt. Nun ist es Wissenschaftern gelungen abzuschätzen, welche Rolle eine tauende Landschaft spielen wird. Genauer: Es geht um das Methan, das in den wachsenden Seen der sibirischen Tundra aufsprudelt. Die Ergebnisse sind beunruhigend.

In Nordsibirien taut der Permafrost, und deshalb wachsen die Seen. Die neuen Uferzonen fressen sich jedoch in die Böden, die seit Tausenden von Jahren gefroren waren. Im Spätherbst, wenn die Seen wieder zufrieren, wird das ganze Ausmaß des Problems sichtbar: Das frische, dunkle Eis umschließt Schwärme von weißen Gasblasen - und die sind die Zeugen dafür, dass das im Untergrund gespeicherte Methan freigesetzt wird.

Aus dem getauten Seeboden sprudelndes Methan wird vom Eis gefangen. Quelle: Katey Walter/Nature

Bislang ließ sich ihr Ausmaß dieses Phänomens nicht abschätzen. Das hat die amerikanisch-russische Forschergruppe jetzt geschafft und in "Nature" veröffentlicht. Sie fingen beispielsweise mit regenschirmartigen Fallen in den Seen die die aus dem Boden aufsteigenden Blasen ein, oder zählten die im Eis eingefrorenen Blasen, um zu berechnen, wie viel Gas aus dem Boden ausbricht. Jeffrey Chanton von der Florida State University: "Methan löst sich ungern in Wasser. Es entsteht, wenn sich organische Substanz zersetzt, und zwar wenn - wie in den moorigen Böden Nordsibiriens - kaum Sauerstoff da ist. Wenn in diesen Böden der Gasdruck ansteigt, sprudeln Blasen auf, wie beim Öffnen einer Mineralwasserflasche. Es ist das Methan, das in den Sedimenten entsteht."

Ob sich dieses Methan gerade frisch aus Tier- und Pflanzenresten bildet, die sich jetzt nach dem Tauen zersetzen - oder ob das Methan selbst im Permafrostboden gefangen war und jetzt frei wird - das lässt sich nicht sagen. Die Kohlenstoff-14-Datierung beweist jedoch, dass der Kohlenstoff im Methan mindestens 40.000 Jahre alt ist. Er könnte sogar noch älter sein, aber nach dieser Zeitspanne ist aller radioaktiver Kohlenstoff, der zur Datierung eingesetzt wird, zerfallen und man kommt nicht weiter zurück. Dieser Kohlenstoff war im "Tiefkühlschrank" Permafrost gespeichert und aus dem System Erde heraus. "Jetzt, wo es in Sibirien wärmer wird, wird er als Methan freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre", warnt Chanton: "Dieser alte Kohlenstoff wirkt also ebenso wie das Verbrennen von Kohle, die ja auch Kohlenstoff freisetzt, der lange Zeit im Untergrund gefangen war." Und beides treibt den menschengemachten Klimawandel an.

Die Methanmengen, die durch die wachsenden Seen zusätzlich in Nordsibirien freigesetzt werden, sind beträchtlich: In den vergangenen Jahren hat sich die durch Seen bedeckte Fläche um 15 Prozent vergrößert. Das scheint nicht viel, aber diese nördlichen Feuchtgebiete setzen dadurch bis zu 60 Prozent mehr Methan in die Atmosphäre frei als vermutet. Das Klima reagiert, dadurch taut noch mehr Permafrost, die Seen wachsen, es wird noch mehr Methan freigesetzt, was wiederum den Treibhauseffekt anheizt. "Es ist ein Rückkopplungseffekt für die globale Erwärmung. Es ist wie ein Schneeball, der einen Hügel herunterrollt und dabei dicker und dicker und dicker wird", so Chanton. Die nördlichen Feuchtgebiete Sibiriens sind also längst nicht so weit vom Geschehen in der Welt entfernt, wie es scheint.