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Verlockend und riskant zugleich

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 21.02.2014 11:51

Aus den Weltmeeren bedienten sich schon die frühesten Vertreter der Gattung homo, doch der moderne Mensch verändert durch seine Nutzung die Ökosysteme in den Weltmeeren in außerordentlich großem Maße, und das nicht erst seit Beginn der Industriellen Revolution. Der steigende Rohstoffbedarf rückt jetzt die Bodenschätze der Ozeane in den Blickpunkt. In seinem dritten Meereszustandsbericht "World Ocean Review 3" behandelt der Kieler Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft" die Chancen und Risiken der Rohstoffsuche unter Wasser.

Der Rohstoffhunger der Menschheit ist ungebrochen. Spätestens seit der Jahrtausendwende treiben die Schwellenländer die Nachfrage auf neue Höhen. Kein Wunder, die Menschen dort wollen auch so etwas wie den Wohlstand des industrialisierten Westens. Für den Planeten, auf dem sich das abspielt, hat das allerdings Konsequenzen. "Rohstoffe auf einer Kugel sind endlich, und wenn man nicht in Recycling oder Substitution von Rohstoffen geht, dann wird das zu einem riesigen Problem werden", urteilt Christian Reichert, Leiter des Fachbereichs Marine Rohstofferkundung bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, BGR, in Hannover. 

 

 Erdgasförderung auf See: Das norwegische Sleipner-Feld. (Bild: Statoil-Hydro)Während die Gewinnung an Land immer schwieriger und teurer wird, richten sich die Blicke auf die rund 70 Prozent der Erdoberfläche, die von den Weltmeeren bedeckt sind. Diese Rohstoffgewinnung in den Meeren ist Gegenstand des dritten World Ocean Review, der heute vorgestellt wurde. Die Förderung von Öl und Gas aus flachen Randmeeren ist seit Jahrzehnten üblich, mit dem technologischen Fortschritt sind die Förderplattformen immer weiter hinaus und immer tiefer in Richtung Tiefsee gewandert. Inzwischen kommen rund 30 Prozent der Öl- und Gasförderung aus untermeerischen Quellen. "Ein Teil schon aus dem Tiefwasserbereich von mehr als 1500 Metern Wassertiefe", so Reichert. Inzwischen sind sogar Vorkommen unter 3000 Metern Wasser und noch einmal 2000 Metern Meeresboden technisch erreichbar. Allerdings hat der verheerende Unfall der Explorationsplattform "Deep Water Horizon" im Golf von Mexiko gezeigt, dass die Ausbeutung der Tiefsee nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technisch ein Risiko-Unternehmen ist. Dennoch wird die Menschheit nicht umhin kommen, dieses Risiko einzugehen, denn "insgesamt geht man davon aus", so Reichert, "dass der größere Teil der noch unerschlossenen Öl- und Gasressourcen mehr auf See denn an Land liegen werden". Insbesondere gilt das, wenn man die Methanhydrate ins Kalkül miteinbezieht. Diese mehr oder weniger fein verteilten Erdgas-Wassereis-Gemische ziehen sich in einem breiten Streifen an nahezu allen Kontinentalhängen entlang und bergen Methanvorräte, die alle konventionellen Lagerstätten im Vergleich auf Zwergengröße schrumpfen lassen. Im kanadischen Mackenzie-Delta und vor Japan haben die ersten beiden Förderversuche stattgefunden. "Japan verfolgt die wirtschaftliche Methanförderung aus Hydraten in einem groß angelegten Programm, das 2006 gestartet ist und bis 2016 gehen soll", erklärt Christian Reichert. Die Inselgruppe verfügt über einen der größten Methanhydratvorräte der Welt und könnte sich so ein Stück weit von Energieimporten unabhängig machen.

 

 Detailaufnahme eines Black-Smoker-Kamins. (Bild: Holger Kroker) Als ausgemacht gilt darüber hinaus, dass auch die Erzgewinnung in Gang kommt - wenn die Preise für Nickel, Kobalt, Seltene Erden und Edelmetalle weiterhin auf Rekordhöhe bleiben. Die Metalle findet man als wertvolle Bestandteile der Manganknollen auf den Tiefseeebenen vor allem im Pazifischen Ozean oder der Kobaltkrusten auf den Tiefseebergen. Als dritte Kategorie kommen die sogenannten Massivsulfide ins Spiel, besser bekannt als Black Smoker. "Massivsulfide haben ein relativ geringes Rohstoffpotenzial, diese Vorkommen sind meist relativ klein, haben aber sehr hohe Wertmetallgehalte, während bei den Manganknollen und Kobaltkrusten die Konzentration der Metalle gering ist, aber die Flächen, die von Knollen und Krusten bedeckt sind, so groß sind, dass sie durchaus ein Potenzial für einen globalen Weltmetallmarkt haben", erklärt Sven Petersen, Lagerstättenkundler am Kieler Meeresforschungszentrum Geomar.  Zunehmend interessieren sich Privatunternehmen für den Meeresbergbau - nicht nur in den relativ flachen Gewässern in Küstennähe, sondern auch auf hoher See. Wissenschaftler wie Petersen erwarten, dass die Privatfirmen eine ganz neue Geschwindigkeit ins Spiel bringen. "Im Gegensatz zu den staatlichen Konsortien früherer Zeit, die vielleicht auf lange Sicht auf sichere Rohstoffversorgung gesetzt haben, sind hier offensichtlich Industriepartner dabei, die eher schnell Geld verdienen wollen", so Petersen, "also ich denke mal, der Antreiber ist damit jetzt ein ganz anderer." Das setzt auch die Internationale Meeresbodenbehörde unter Druck, das für die Gebiete außerhalb nationaler Einflusszonen zuständige UN-Organ. Sie muss schnell Regeln für den Bergbau auf hoher See finden. 2016 könnten die ersten Interessenten nach Abbaulizenzen fragen. 

 

Bergbau an Land:  Die Tagebau-Bergwerke im südafrikanischen Witwatersrand. (Bild: Holger Kroker) Die Meeresbodenbehörde mit Sitz in Kingston, Jamaika, stellt die Spielregeln auf, nach denen der Bergbau in internationalen Gewässern laufen wird - und wird so möglicherweise auch zum Vorbild für die Bergbauprojekte, die in nationalen Gewässern verschiedener Pazifik-Anrainerstaaten geplant sind. Denn der Abbau der Bodenschätze ist natürlich nicht kostenlos. "Niemand sollte meinen, dass man einen umweltfreundlichen Bergbau in der Tiefsee machen wird", sagt Sven Petersen schonungslos, "einen umweltfreundlichen Bergbau gibt es nicht." Allerdings gilt dies für jeglichen Gewinn von Bodenschätzen, auch für den an Land. Vor diesem Hintergrund tritt der Kieler Geowissenschaftler für eine offene Diskussion über die Ausbeutung der Meeresböden ein.  Petersen fragt bewußt zuspitzend: "Möchte ich den Regenwald in Australien oder in Brasilien roden, um an mein Eisenerz und mein Nickel zu kommen, oder möchte ich den gleichen Bergbau oder einen ähnlichen Bergbau in der Tiefsee machen, wo aber vielleicht durch die Internationale Meeresbodenbehörde oder durch deutsche Rechtsprechung höhere Umweltstandards durchgesetzt werden können?" Derzeit laufen am Sitz der Meeresbodenbehörde in Kingston, Jamaika, die Beratungen über die Umweltstandards für Bergbau auf Hoher See. Am Tisch sitzen nicht nur Unternehmen und Regierungen, denen Gewinne und Lizenzgebühren winken, sondern auch die Umweltbewegung in Gestalt von sogenannten Nichtregierungsorganisationen, den NGOs.