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Versunkene Berge

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 09:09

Endlos und eintönig, je nach Wetter blendend weiß, trist grau oder in tobende Schneestürme versunken - so erscheint die Antarktis, insbesondere ihr östlicher von einem gigantischen Eispanzer bedeckter Teil, heutzutage. Doch der bis zu fünf Kilometer dicke Gletscher verbirgt offenbar einen überraschend abwechslungsreichen Kontinent.

BasiscampSo erhebt sich auf halben Weg vom Südpol zur antarktischen Küste ein ziemlich schroffes Gebirge. „Nach unseren vorläufigen Ergebnissen können wir sagen, dass es den europäischen Alpen nicht unähnlich ist“, berichtet Detlef Damaske, Geophysiker bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. „Unsere Instrumente zeigten ein bemerkenswert zerklüftetes Terrain“, ergänzt Michael Studinger, Polarforscher beim Lamont-Doherty-Erdobservatorium der New Yorker Columbia-Universität, „mit tief eingeschnittenen Täler und sehr steil aufragenden Berggipfeln.“ Der Unterschied zu den Alpen ist freilich, dass dieses Gebirge, die Gamburtsev-Kette, bis weit über die höchsten Gipfel im Eis versunken ist.

AerogeophysikEntdeckt wurde die nach dem Seismologen Grigori Gamburtsev benannte Gebirgskette im internationalen Jahr der Geophysik 1957 durch eine sowjetische Expedition. Seitdem wusste man, dass unweit des Pols der Unzugänglichkeit hohe Berge unter dem antarktischen Eis begraben waren - mehr aber auch nicht. Im jüngst beendeten Internationalen Polarjahr haben Forscher aus den USA, Großbritannien und Deutschland einen genaueren Blick auf die versunkenen Berge geworfen. Mit zwei Flugzeugen hat das AGAP-Projekt das Gebiet der Gamburtsev-Berge geophysikalisch vermessen. „Wir haben das Eisdickenradar, gravimetrische und magnetometrische Instrumente eingesetzt“, so Damaske. Damit erhielten die Forscher Informationen über das Bodenprofil unterhalb des Gletschers und erste Anhaltspunkte über die Zusammensetzung des Gesteins. Die Flugzeuge überzogen während der vierwöchigen Kampagne das Gebiet mit einem 5-Kilometer-Raster aus Messlinien. „Das ist für antarktische Verhältnisse schon relativ genau“, betont der BGR-Geophysiker.

Kontinentalprofil OstantarktisSo deutet sich an, dass die Gamburtsev-Gipfel gar nicht so tief im Eis stecken. „Es sind sicherlich weniger als 1000 Meter, was schon recht wenig ist“, erklärt Damaske. Manche Daten scheinen sogar auf nur 500 oder sogar 300 Meter Eis hinzudeuten. Das wäre eine sehr gute Nachricht für die Bohrkampagne, die China in einigen Jahren starten will. „Das wäre die allererste Bohrung im Inneren der Antarktis, wo man echte anstehende Gesteinsproben herausholt“, so Damaske. Wenn dafür nur ein paar Hundert statt ein paar Tausend Meter Eis durchbohrt werden müssen, würde das das Unternehmen drastisch vereinfachen. „Aber jetzt müssen wir erst einmal gucken, wo ist das, und hat das mit den Daten zu tun, und wie ist die Aussage wirklich belegt“, betont der Geophysiker.

AGAP-ProjektAus den Messdaten tritt nicht  nur das Gebirge in all seiner Schroffheit zutage, sondern auch eine Reihe Seen am Fuße der Berge. „Da gibt es sogar noch einen großen See unter dem Eis, der vorher noch völlig unbekannt war“, berichtet der BGR-Wissenschaftler. Auf einem Messflug zeichnete das Eisradar die typischen Reflektionen für einen See auf. Daher weiß man, dass der See eine Länge von rund 20 Kilometern hat, also etwa so groß wie der Starnberger See ist. Genaueres wissen die AGAP-Forscher allerdings noch nicht. „Da könnte man sich vorstellen“, meint Damaske, „dass sich da etwas auch anschließen könnte.“ Dieses „Etwas“ wäre natürlich ein Nachfolgeprojekt, das den unbekannten See genauer unter die Lupe nähme.

Twin Otter am PolDoch zunächst einmal ist ein vergleichbar großes Projekt wie AGAP nicht in Sicht. Nach jahrelangen Vorbereitungen und beträchtlichen Ausgaben wollen die beteiligten Forscher erst einmal die gewonnenen Daten auswerten. An lohnenden Anknüpfungspunkten fehlte es gleichwohl nicht. „Es gibt in der Ostantarktis noch Flächen, wenn man sich die Karten anschaut, sehen also ziemlich glatt aus“, erklärt Polarexperte Damaske, „aber die sehen nicht glatt aus, weil sie glatt sind, sondern weil es schlicht und ergreifend keine Daten gibt.“ Gerade das Gebiet zwischen den Gamburtsev Mountains und der Küste ist ein solches Areal, und nach allem was man weiß ist es noch besonders interessant dazu. So soll hier die Vergletscherung der Antarktis ihren Ausgang genommen haben. Hoch genug wären die Berge durchaus gewesen, um die ersten Gletscher zu bilden. Doch das schroffe Profil, das sich aus den Eisradarbildern ergibt, stellt die Forscher vor ein Problem. „Wenn das Eis langsam gewachsen wäre“, so Fausto Ferraccioli vom British Antarctic Survey, „dann hätte es die Berge schön rund abgeschliffen. Die Gipfel und Täler legen aber nahe, dass die Vereisung sehr schnell gegangen ist.“


Das AGAP-TeamNeben ihrer Rolle bei der Vergletscherung des Südkontinents ist schon die schiere Existenz der Gamburtsev-Berge eine Herausforderung. Erste Hinweise erhoffen sich die AGAP-Forscher von der genauen Auswertung ihrer Magnetdaten. „Die Magnetik gibt Auskunft über die magnetischen Eigenschaften der Gesteine, also ob zum Beispiel Vulkanite oder Vulkane da sind“, erklärt Detlef Damaske, „das zeichnet sich vorläufig eigentlich weniger ab, aber da muss man auch vorsichtig sein.“ Ein anderer Prozess wäre die Kollision zweier Kontinentalplatten, also analog zu anderen Hochgebirgen der Erde wie den Alpen, dem Himalaya oder den Anden. Das aber machte das Gebiet um den Pol der Unzugänglichkeit noch interessanter. Dann wäre mitten auf dem ostantarktischen Schild eine Zone, die zumindest früher geologisch so aktiv war, dass sie ein großes Gebirge auffaltete. Das ist absolut nicht ausgeschlossen, denn „wir haben“, sagt Damaske, „nördlich davon den großen Lambert-Graben, ein Grabenbruchsystem, das sich auch noch am Rand der Gamburtsev Mountains entlangzuziehen scheint“. Die zahlreichen Seen, die in dem Gebiet unter dem Eis entdeckt wurden, scheinen dagegen nicht aufgrund tektonischer Aktivitäten flüssig zu bleiben. Das haben zumindest die eingehenden Untersuchungen des größten von ihnen, des Wostok-Sees, ergeben. Doch auch für die Zusammenhänge zwischen den Seen, den Bergen und eventuell dem Graben erhoffen sich die Forscher erste Aufschlüsse aus ihren Daten.

Noch stehen die Forscher ganz am Anfang der Auswertung. Auf einem Workshop beim British Antarctic Survey in Cambridge legten sie in der vergangenen Woche Marschrichtung und Zeitplan fest. „Die wesentlichen Ergebnisse werden wir hoffentlich im Sommer 2010 in Oslo präsentieren können“, so Damaske. Dort findet dann so etwas wie ein Bilanzierungstreffen des Internationalen Polarjahrs statt, „und bis dahin sollten wir an und für sich auch dort ein paar schöne Vorträge mit vernünftigen Ergebnissen herausbringen können“.

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