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Vielfältige Folgen einer Ölpest

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.12.2011 13:41

Die Havarie der Tiefseebohrplattform Deep Water Horizon im Golf von Mexiko gehört zu den schlimmsten Unfällen der Ölindustrie. Fast fünf Millionen Barrel Rohöl gelangten in den Ozean. Aus dem freien Wasser verschwanden Öl und Methan überraschend schnell, schon im Herbst 2010, ein gutes halbes Jahr nach Beginn der Katastrophe, waren die Werte weitgehend wieder auf normalem Niveau. Eine andere Situation könnte jedoch an den Küsten herrschen. In den Marschen der US-Golfküste fängt sich das Öl besonders gut und dringt tief ins Sediment ein. Überdies produzieren die Gebiete östlich des Mississippi-Deltas große Mengen an Meeresfrüchten - was die Ölpest für die Nahrungskette dort bedeutet, wird erst langsam aufgeschlüsselt. Auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union wurden verschiedene Ergebnisse vorgestellt.

Die Situation an Land ist wesentlich komplexer als im homogenen Wasserkörper des Meeres. Der Ölteppich trifft nicht überall gleichmäßig auf die Küste und er wird auch nicht überall gleichmäßig verarbeitet. Deshalb warnte Melanie Beazley von der Universität von Alabama zu Beginn ihrer Ausführungen vor generellen Schlussfolgerungen aus ihren Ergebnissen. Sie hatte von Mitte Juni bis Oktober 2010 an der Halbinsel Point aux Pins in Alabama, 120 Kilometer östlich von New Orleans, jeden Monat Sedimentproben direkt aus der Marsch und 25 Meter von der Gezeitenzone entfernt genommen, seither alle zwei Monate. Das Öl ging hier erst am 3. Juli an Land, daher hat die Geowissenschaftlerin die komplette Ölkatastrophe an dieser für die Fischerei ihres Heimatstaates sehr wichtigen Stelle abgedeckt. "Point aux Pins ist die Meeresfrüchte-Hauptstadt Alabamas", meint sie, "hier werden viele Millionen Dollar erwirtschaftet.

Selbst an der schmalen, nur 160 Kilometer breiten Küste Alabamas fällt die Ölkontamination extrem unterschiedlich aus. Das fanden Beazley und ihre Kollegen auch auf dem eng begrenzten Untersuchungsgebiet in Point aux Pins bestätigt. "Die Kohlenwasserstoffgehalte schwankten sehr stark und absolut zufällig zwischen nicht nachweisbar und sehr stark kontaminiert", erklärt sie. Die Belastung erreichte an einzelnen Stellen Konzentrationen, die doppelt so hoch waren wie der vom Staat Alabama festgelegte Richtwert für eine gründliche Reinigung. Genauso überraschend war aber auch, dass sich seit Oktober nirgends mehr eine Belastung durch Kohlenwasserstoffe nachweisen lässt. Analysen legen nahe, dass das Öl von Mikroorganismen abgebaut worden ist. "Wir fanden in unseren Proben aus dem Marschland mehr als 14.000 verschiedene Mikroorganismen, und unter diesen waren sehr viele ölabbauende", so Beazley. Im Meer unmittelbar vor der Halbinsel waren zu diesem Zeitpunkt lediglich 950 verschiedene Mikroorganismen aktiv. Was sich bereits für den Wasserkörper gezeigt hat, erwies sich jetzt auch für die Gezeitenzone und sogar für das unmittelbare Hinterland: Die Mikroorganismen im Boden reagierten sehr schnell und radikal auf das Öl, weil sie offenbar den Kontakt mit Kohlenwasserstoffen bereits gewöhnt sind. Die Ölförderung im Golf hat eine lange Tradition, und auch ohne den menschlichen Eingriff tritt Öl an vielen Orten aus natürlichen Sickerstellen aus.

Eine zentrale Frage für die Wirtschaft an der Golfküste ist natürlich, ob sich die Ölpest langfristig auf die Produktion von Fisch und Meeresfrüchten auswirkt, ob also die Schadstoffe den Eingang in die Nahrungskette finden. Dieser Frage geht unter anderem Peter Roopnarine von der kalifornischen Akademie der Wissenschaften in San Francisco nach. Er untersuchte die Amerikanische Auster. "Die ist seit langem gut untersucht und ist kommerziell von großem Interesse." Und außerdem ist die Muschel eine Art Eintrittspforte in die höheren Stufen der Nahrungspyramide, denn sie ist nicht nur eine begehrte Nahrung für Menschen, sondern auch für Krebse und viele andere marine Lebewesen. 

Die Biologen fanden bei Vergleichen zwischen Muscheln, die vor und nach dem Kontakt mit der Ölpest gesammelt worden waren, Zellveränderungen in den besonders empfindlichen Kiemen. "Normalerweise besteht dieses Gewebe aus säulenförmigen Kiemenblättern, aber nach dem Kontakt mit dem Öl hat sich dieses Gewebe bei den Muscheln verändert und sieht wie geschichtet aus." Jetzt muss allerdings noch geklärt werden, ob diese Veränderungen tatsächlich mit der Ölpest zu tun haben oder Folge der allgemein hohen Belastung im Mississippi-Delta sind, in das sich die Abwässer aus dem gesamten Mittleren Westen bis hinauf zur kanadischen Grenze ergießen.

Besonders aufmerksam untersuchten Roopnarine und seine Kollegen den Schwermetallgehalt der Mollusken. Denn im Erdöl sind auch Schwermetalle enthalten, die mit der Ölpest unkontrolliert ins Wasser gerieten. Erstaunlicherweise reicherten die Muscheln in ihren Schalen und im Weichgewebe unterschiedliche Cocktails der Metalle an: In den Schalen waren es Vanadium, Kobalt und Chrom, im Weichgewebe dagegen war Chrom durch Blei ersetzt. Den Grund dafür kennen die Forscher ebenso wenig wie den für die Tatsache, dass die Metalle gleichmäßig in den Schalen angereichert waren und nicht erst in den Schichten vorkamen, die nach dem Kontakt mit dem Öl entstanden. 

Grundsätzlich lagen die Belastungen noch weit unter den Grenzwerten, allerdings stellt sich die Frage, ob sich die Metalle nicht mit jeder Stufe der Nahrungskette anreichern, nachdem sie einmal den Eintritt in einen Organismus geschafft haben. An dieser Frage arbeiten die Forscher gerade. Roopnarine und seine Kollegen in San Francisco arbeiten an einem Modell des Nahrungsnetzes im küstennahen Golf. So können sie die nächsten Kandidaten für eine Beprobung finden. Für weitere Muscheln dürfte es inzwischen zu spät sein, die nächste Generation sitzt bereits auf den Bänken.

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