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Vom Aufstieg einstiger Weltenherrscher

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.11.2007 15:00

Mit einem Paukenschlag traten vor rund 65 Millionen Jahren die Dinosaurier von der Bühne der Welt ab. Die Riesenechsen, die die Erde 135 Millionen Jahre lang beherrscht hatten, verschwanden sozusagen über Nacht. Genauso kometenhaft wie ihr Ende schien lange Zeit auch ihr Aufstieg gewesen zu sein. Geradezu abrupt schienen sie während der Trias vor über 200 Millionen Jahren die Weltherrschaft übernommen zu haben. Neue Ausgrabungen im US-Bundesstaat New Mexico widersprechen jetzt diesem Bild. In der aktuellen "Science" berichten die Paläontologen von ihren Funden.

Weiß und rot, grün, schwarz und sandfarben - die Felsen im Norden New Mexicos sind so farbenprächtig wie sonst nur selten auf der Welt. Das Land der Mesas, der von tief eingeschnittenen Schluchten begrenzten Tafelberge, ist deshalb nicht nur für Geologen ein Paradies. Die Malerin Georgia O'Keefe blieb wegen dieser farbenprächtigen Felsformationen in dem ansonsten wenig mondänen Winkel des Landes - und wie sie kommen jedes Jahr viele Touristen, um den Reiz des amerikanischen Südwesten kennenzulernen. Aber die Geologen sind nicht nur wegen der Farben fasziniert von dieser Landschaft. An manchen Stellen bergen die steil aufragenden Kliffs zahllose Fossilien - etwa in Ghost Ranch. Das ist ein besonders malerischer Teil nicht weit von O'Keefes ehemaligem Wohnort Abiquiu entfernt.

Farbenprächtig sind die Berge im Norden New Mexicos auch ohne Bewuchs. Foto: Science

Wo heute grauer Wacholder in einer rosa getönten Wüste wächst, flossen vor mehr als 210 Millionen Jahren Flüsse durch grünes Land. "In der Trias sah der ganze Südwesten von Nordamerika so ähnlich aus wie heute das Land am Mississippi. Es gab Flüsse, Sümpfe, offene Wälder. Hier lebten damals viele sehr ungewöhnliche Tiere", erklärt Randall Irmis von der University of California in Berkeley. Die feuchten und fruchtbaren Tage von Ghost Ranch sind schon lange vorüber, doch die Felsen haben zumindest die Knochen der damaligen Bewohner festgehalten. Als besonders ergiebig hat sich eine neu erschlossene Fundstelle erwiesen, der Hayden Steinbruch.

Innerhalb von nur fünf Wochen gruben die Paläontologen um Irmis im vergangenen Jahr mehr als 1300 Knochen aus. Viele davon gehörten Tieren, die man bereits von anderen Fundstellen her kannte. Doch einige waren unbekannt und andere waren vor allem noch nie zusammen gefunden worden. "Hier lebten tatsächlich einige frühe Dinosaurier zusammen mit ihren nächsten primitiven Reptilienverwandten, den Dinosauromorphen. Das ist wirklich sehr ungewöhnlich und wir haben nicht damit gerechnet: Bislang haben wir noch nie Knochen gefunden, die davon erzählen, dass die Dinosaurier und ihre Vorfahren zusammen gelebt haben", so Irmis. Deshalb besagte die Lehrmeinung auch, dass die Saurier - einmal entstanden - ihre Verwandten schnell verdrängt haben. Das fiel umso leichter, als zwischen dem jüngsten Dinosauromorphen und dem ältesten echten Dinosaurier eine Lücke von fünf Millionen Jahren klaffte. "Man dachte", so Mitautor Kevin Padian, Professor für Biologie in Berkeley, "dass ein plötzliches Ereignis wie ein Asteroideneinschlag die urtümlichen Sauriervorläufer getötet hat, oder dass die Saurier ihnen so haushoch überlegen waren, dass sie nicht standhalten konnten."

Die Funde von der Ghost Ranch zeigen jetzt aber etwas völlig anderes: Es hat zumindest einen Ort auf der Welt gegeben, wo beide Gruppen 15 bis 20 Millionen Jahre nebeneinander gelebt haben, und zwar in großer Zahl. Im Hayden Steinbruch tummelten sich gleich mehrere Arten primitiver Saurier, und auch bei ihren Vorläufern ist die Vielfalt groß. Wenn es hier so zuging, warum sollte es anderswo dramatischer abgelaufen sein? Die Fundstelle in New Mexico beweist klar, dass die Dinos und ihre Verwandten gut miteinander auskamen. Irmis: "Es sieht nicht so aus, als ob die Saurier ihre Verwandten schnell aus dem Feld geschlagen haben. Vielmehr haben sie lange Zeit nebeneinander gelebt. Die Dinosaurier haben nur langsam die Welt erobert."

Offenbar hat sich die Übergangszeit von den primitiveren Reptilien aus Perm und Trias zu den Dinosauriern länger hingezogen und für etliche Tiergruppen, von denen man annahm, dass sie schlagartig ausstarben, gab es noch eine Millionen Jahre dauernde Gnadenfrist. Dennoch lautet die große Frage jetzt natürlich: Warum zogen die Dinosauromorphen am Ende doch den Kürzeren? "Das ist eine gute Frage", lacht Irmis, "auf die haben wir noch keine Antwort." Vielleicht könnte die Ursache ein Klimawandel sein, darüber wird spekuliert. Aber was auch immer die frühen Verwandten der Saurier allmählich aus Weg geräumt hat, es machte den Weg für die Saurier frei, die sich anschickten, für 135 Millionen Jahre die Erde zu beherrschen.