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Vom Monsun verweht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:49

Die Geschichte der Menschheit wird in der Regel als Schauspiel zahlreicher, aber immer menschlicher Akteure gesehen. Ihre Umwelt kommt mit Ausnahme von Naturkatastrophen weitgehend als pure Kulisse vor. Doch in jüngster Zeit kommt Bewegung in das tradierte Bild. Die Umwelt avanciert zum gewichtigen Faktor mit ab und an weltgeschichtlichem Einfluss. Jüngstes Beispiel dieses Ansatzes ist ein Bericht in „Science“ über Korrelationen zwischen der Monsunentwicklung und der chinesischen Geschichte.

Schnitt durch TropfsteinDer letzte Tag der Ming-Dynastie begann scheinbar ruhig. Im abgeschiedenen Palastbezirk der Hauptstadt Peking erwachte Chongzhen, der letzte Kaiser der Dynastie, und ließ sich wie gewohnt ankleiden. Doch als er nach seinen Ministern schickte, um sich Bericht über die schwierige Lage seines Reiches erstatten zu lassen, kam niemand. Ein Diener erklärt das Unerhörte: Der Feind hatte die Hauptstadt eingenommen, nur den selbst wie eine Festung ummauerten Palast, die Verbotene Stadt, hatte er noch nicht erreicht. Chongzhen wußte, dass er verloren war. Er sorgte noch dafür, dass seine Söhne fliehen konnten, dann beging er und der Rest der kaiserlichen Familie Selbstmord. An diesem 25. April 1644 endete die fast dreihundertjährige Herrschaft der Ming über China.


Folgt man einem amerikanisch-chinesische Team um Hai Cheng von der Universität von Minnesota, kämpfte der glücklose Kaiser nicht nur gegen Aufständische und äußere Feinde, die seine Herrschaft unterhöhlten, sondern hatte offenbar auch die Natur gegen sich. Die Rebellenarmee, die seine Hauptstadt eroberte, hatte vor allem wegen häufiger Hungersnöte großen Zulauf erhalten. Diese Hungersnöte aber traten offenbar auf, weil der Sommermonsun in den letzten Jahren der Ming besonders schwach und die Ernten deshalb gering waren. Ein Tropfstein in der zentralchinesischen Höhle von Wanxiang hat die Stärke der Winde, die China von Süden und Osten mit Regen versorgen, mit nahezu jahrgenauer Präzision protokolliert. Wie die Autoren in „Science“ schreiben, reicht der 1,18 Meter hohe Stalaktit 1810 Jahre zurück, also bis in die Regierungszeit der letzten Han-Kaiser.


Eingang zur Höhle von WanxiangDie Höhle liegt am nördlichen Rand des Monsungebiets, Schwankungen in dessen Ausdehnung machen sich daher im Tropfsteinwachstum bemerkbar. Im Prinzip sind in den Kalksintersäulen die gleichen Informationen über die klimatischen Umstände längst vergangener Zeiten gespeichert, wie etwa im ewigen Eis der Polkappen. Die verschiedenen Isotope, die im Gletschereis Temperaturinformationen aufbewahren, sickern mit dem Wasser natürlich auch in die unterirdischen Grotten. Das Umgebungsgestein der Höhle von Wanxiang steuert überdies eine besonders genaue Uhr bei, mit der sich die einzelnen Lagen des Tropfsteins hervorragend datieren lassen. Das Sickerwasser hat viel Uran und nur extrem wenig Thorium aus dem Gestein gelaugt, denn Uran ist wasserlöslich, Thorium aber nicht. Weil aber Thorium am Ende der Zerfallskette von radioaktivem Uran steht, kann man das Verhältnis beider Elemente zueinander als Uhr benutzen, denn das Thorium im Tropfstein kann nur als radioaktives Uran hineingekommen sein.


Die genaue Uran-Thorium-Uhr zusammen mit den Klimaisotopen des Sickerwassers macht das Besondere des Tropfsteins aus Wanxiang aus: Er ist so etwas wie die Monsungeschichte Chinas, die ziemlich nahe an die erste Reichseinigung unter dem legendären Shi-Huang-ti zurückreicht. Der Monsun ist in den Jahren bis 530 nach Christus mäßig stark, schwächt sich langsam bis 850 ab, als eine Phase drastischer Schwäche einsetzt. Im 10. und 11. Jahrhundert frischt das regenbringende Windsystem wieder auf, erleidet aber in der Mitte des 14. Jahrhunderts einen Schwächeanfall. Seit dieser Zeit ist der Monsun relativ schwach mit einer ausgeprägten Schwächezeit im frühen 17. Jahrhundert. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstarkt das System wieder.


Die Höhle von WanxiangDiese Monsungeschichte zeigt ziemlich genau, wie einflussreich der Akteur Klima in der Geschichte Chinas war. Außer beim Untergang der Sung im 13. Jahrhundert und beim Ende des Kaiserreiches im 20. Jahrhundert ging jedem Dynastieende eine drastische Monsunschwäche voraus. Die Ming selbst verdrängten ihre Vorgänger, die mongolischen Yüan, zu einer Zeit als der ohnehin schwache Monsun drastisch zurückging. Der Aufstieg der Sung im späten 10. Jahrhundert verlief dagegen parallel zu einer besonders kräftigen Monsunperiode. Und das Ende der T‘ang-Dynastie an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert gehört zu den klassischen Beispielen einer von Naturphänomenen bestimmten historischen Entwicklung.


Was die Variation des Monsuns ausmacht, können die Autoren mit einer Ausnahme nicht sagen. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts werde der Monsun zunehmend von menschlichen Klimaspielen beeinflusst. Davor dürften astronomische Faktoren wie Sonnenaktivität und die verschiedenen Parameter der Erdumlaufbahn wie Abstand zwischen Erde und Sonne oder Neigung der Erdachse eine wichtige Rolle spielen. Allerdings, so schreiben die Forscher, ist das nicht die ganze Wahrheit. So trat die Monsunschwäche zum Dynastiewechsel von den Yüan zu den Ming ein gutes halbes Jahrhundert nach entsprechenden Sonnenereignissen auf.


Je detaillierter unsere Kenntnisse über die Umweltentwicklung in vergangenen Epochen werden, desto interessanter werden die Versuche, sie mit der Geschichte der Menschheit zu verknüpfen. Das chinesische Beispiel ist nur eines. Das orientalische Großreich von Akkad soll infolge von Dürren zerfallen sein. Für den Untergang der Maya werden ebenfalls Klimafaktoren verantwortlich gemacht. Die mittelamerikanische Hochkultur fiel zur selben Zeit, zu der die T‘ang-Dynastie in China stürzte.

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