Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Vom Verschwinden der Gletscherseen

Vom Verschwinden der Gletscherseen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.06.2015 13:44

Jeden Sommer bilden sich auf dem grönländischen Eispanzer zahllose Schmelzwasserseen. Viele speisen die Bäche und Ströme, die über das Eis hinweg Richtung Meer fließen, manche gefrieren am Ende der Saison wieder zu Eis - und manche verschwinden einfach. Das Phänomen wurde 2008 zum ersten Mal beobachtet, jetzt liefern US-Eisforscher in "Nature" eine Erklärung.

Gletschersee. (Foto: Nature/Laura Stevens)"Es ist wunderschön dort oben, sehr flach mit unglaublich vielen kleinen Bächen und Strömen, fast wie in einer Marschlandschaft", schwärmt Laura Stevens von ihrem ersten Besuch auf dem grönländischen Inlandseis. Die Wissenschaftlerin beim gemeinsamen Polarforschungsprogramm von MIT und dem Meeresforschungszentrum Woods Hole war im Sommer 2013 auf den Eisschild im Westen der Insel geflogen, um dort die Schmelzwasserseen zu untersuchen, leuchtend blau glitzernde Linsen auf einer endlosen weissen Fläche. Doch die Idylle kann schnell einen Sprung bekommen. "Man glaubt auf einem kilometerdicken unzerstörbaren Eisblock zu sitzen", erinnert sich Sarah Das, Wissenschaftlerin bei Woods Hole und Laura Stevens Betreuerin, "und plötzlich bebt der Untergrund, kleine Risse schießen durch das Eis, Wasser rauscht hörbar in die Tiefe und Eisblöcke schießen empor." Nach wenigen Stunden ist von den glitzernden Wasserlinsen nichts mehr zu sehen.

Ausgelaufener See. (Foto: Nature/Ian Joughin)Tausende Schmelzwasserseen bilden sich jedes Jahr auf der Oberfläche, wenn die Sonne die oberen Schichten des Eises antaut. Ein großer Teil Grönlands ist dann von diesen nur wenige Meter tiefen Teichen bedeckt. Warum manche von ihnen über Nacht verschwinden, wurde erst 2008 entdeckt: Riesige Risse bilden sich im Eis darunter und wenn sie bis zur Oberfläche durchschlagen, verschwindet der See innerhalb kürzester Zeit im Eis. Stevens, Das und einige andere Wissenschaftler haben jetzt in "Nature" den Mechanismus erklärt, warum es überhaupt zu diesen Rissen kommt. "Die Mulden, in denen sich die Seen sammeln, sind nicht gerade ideale Stellen, dass sich dort Risse bilden", erklärt Laura Stevens. Denn die Vertiefungen bilden sich nur dort, wo das kriechende Eis zusammengepresst wird.

Gegen diese Kompression hilft nur entsprechend stärkerer Gegendruck, und der wird durch Wasser aufgebaut, das sich an der Basis des Inlandseises unmittelbar unterhalb ansammelt. Stevens und Das konnten das aus den Messdaten eines GPS-Netzes ablesen, das sie an einem der Schmelzwasserseen aufgebaut hatten. "Sechs bis zwölf Stunden vor der Auslaufen des Sees, zeigten die GPS-Geräte an, dass sich der Untergrund aufwölbte", so Stevens, "das kann nur durch Wasser geschehen, das sich unter dem Eis ansammelt." Irgendwann war die Spannung zu groß und Risse begannen durch den Gletscher zu laufen, dann dauerte es nicht mehr lange, bis der See auslief.

Gletschermühle. (Foto:  Nature/Ian Joughin)Doch wie gelangte das Wasser durch rund 1000 Meter dickes Eis hindurch? Auch auf dem riesigen Grönland-Schild gibt es offenbar Gletschermühlen, senkrechte Abflusskanäle, die durch das ganze Eis verlaufen. Befindet sich eine solche Gletschermühle in der Nähe des Sees, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er ausläuft, rasant an. Hat das Seewasser aber erst einmal eine Wegsamkeit nach unten gefunden, erweitertes den Riss dramatisch und das Auslaufen ist unaufhaltsam. "Man braucht aber beide Voraussetzungen, um so große Risse durch das ganze Eis zu erhalten, die Initialzündung durch die Aufwölbung und das Seewasser, das den Riss aufweitet", sagt Laura Stevens. Aus diesem Grund glauben die beiden Forscherinnen auch, dass sich das Phänomen auf die Randzone des grönländischen Eisschildes beschränken wird. "In den höheren Lagen ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel geringer, dass es zu Gletschermühlen und anderen Risssystemen kommt", sagt Laura Stevens, "die Gletscherseen dort werden also nur durch oberirdische Flüsse abfließen."

Das Geschehen interessiert die Glaziologen besonders, weil das Inlandeises dort, wo sich ein See plötzlich leert, schneller fließt. "Das Wasser wirkt wie ein Schmiermittel", so Sarah Das, "es kann die Fließgeschwindigkeit gegenüber dem Winter durchaus verdoppeln oder verdreifachen." Insofern ist es eine gute Nachricht, dass das Phänomen im Inneren der Insel wohl nicht auftreten wird.

Verweise
Bild(er)