Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Vorboten des großen Bebens

Vorboten des großen Bebens

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 15.09.2010 16:37

Istanbul befindet sich in einer gefährlichen Lage. Keine 50 Kilometer südlich des Stadtzentrums verläuft die Nordanatolische Verwerfung durch das Marmara-Meer, eine der aktivsten Erdbebenzonen der Erde. Schon mehrfach hat die Metropole das in ihrer vielhundertjährigen Geschichte zu spüren bekommen. Experten rechnen für den Ballungsraum am Bosporus in näherer Zukunft wieder mit einem schweren Erdbeben. Wann sich aber die im Untergrund aufgestaute Energie in einem Beben Bahn bricht, kann niemand vorhersehen. Daher untersuchen Wissenschaftler aus aller Welt die erdbebenträchtige Störung mit größter Akribie, vielleicht entdeckt man ja Anzeichen, aus denen sich am Bosporus ablesen läßt, dass sich etwas zusammenbraut.

Bosporus und Marmara-MeerEin französisch-türkisches Gemeinschaftsprojekt untersucht den Zusammenhang zwischen schweren Schadenbeben und den Mikrobeben, winzigen Erschütterungen, die sich beinahe ständig im Untergrund ereignen. "Es wurde kürzlich gezeigt, dass schwere Beben, besonders das von 1999 in Izmit in einem Gebiet begannen, in dem zuvor viele Mikrobeben festgestellt wurden. Dieses Zusammentreffen zwischen Mikroseismizität und schweren Ereignissen in der Region scheint uns sehr wichtig zu sein", erklärt Jean Schmittbuhl von der Universität Straßburg, einer der Projektleiter.

Anatolien ist zwischen der Eurasischen und der Afrikanischen Platte eingezwängt wie in einen Schraubstock und wird durch die beiden Riesen unwiderstehlich nach Westen gedrängt. "Der zentrale Bereich der Türkei wandert mit zwei bis drei Zentimetern pro Jahr nach Westen", erklärt der Geophysiker Jochen Zschau vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam, "aber ein Teil des oberen Rands hängt fest an Asien und verhakt dort an der nordanatolischen Verwerfung." Eine Zeitlang halten die Gesteine die wachsende Spannung aus, aber irgendwann einmal reißt es - ein Erdbeben setzt die aufgestaute Energie schlagartig frei. Das Beben von Izmit war das jüngste einer Serie von Beben, die sich seit 1939 die Nordanatolische Verwerfung entlang von Osten her auf Istanbul zubewegt. Nur im Bosporus ist die Störung noch nicht gerissen. Wegen der Nähe zum potentiellen Erdbebenherd wären die Schockwellen innerhalb weniger Sekunden in der Stadt, ein Frühwarnsystem würde nur Zeit für die allernötigsten Vorkehrungen lassen.

IstanbulDas Beben von Izmit ist außerordentlich gut dokumentiert, das türkische Seismometernetzwerk lieferte ein genaues Protokoll der Erschütterungen vor, während und nach der Katastrophe. "Wir haben uns diese Aufzeichnungen sehr genau angesehen und werten sie immer noch aus", erklärt Schmittbuhl, "dabei haben wir neue, bislang noch nicht beobachtete Charakteristika entdeckt. Stunden und Minuten bevor das große Erdbeben ausgelöst wurde, kamen die Mikrobeben rings um die Herdregion aus sehr tiefen Erdschichten und auch ihre Mechanik unterschied sich stark von der der üblichen Mikrobeben. Derzeit rekonstruieren wir diese Vorgänge in ihrem zeitlichen und räumlichen Ablauf." Die Hoffnung ist, dass sich ähnliches auch in der Marmara-Region ereignen wird und so Aufschluss über die sich anbahnenden Entwicklungen im Untergrund vor Istanbul geben kann.

Dabei müssen die Geowissenschaftler fein zwischen den verschiedenen Arten der Mikrobeben unterscheiden. "Die Verwerfung ist wie ein zweischichtiges System: Der obere Teil reagiert sehr spröde, das Gestein wird gedehnt. Hier finden die meisten Mikrobeben statt", erläutert der französische Erdbebenexperte. Diese Beben geben allerdings keinen Aufschluss über die Ankunft des großen Bebens. Wenn die Analogie zu Izmit hält, was sich die Geologen von ihr versprechen, dann wird es ernst, wenn die Mikrobeben in eine tiefere Schicht hinabwandern. "Dort haben wir eine Schicht, in der die Bewegungen der Kontinentalplatten aneinander vorbei das Erdbebengeschehen bestimmen", so Schmittbuhl, "in Izmit war es so, dass dem großen Beben ein Schwarm von Mikrobeben in diesem unteren Teil vorausging."

IstanbulUm einen entsprechend detaillierten Einblick ins Erdinnere zu erhalten, kombinieren die Wissenschaftler das Seismometer-Netzwerks ihres Projektes, das am Ostufer des Meeres aufgebaut ist, mit dem nationalen türkischen Netzwerk. Zusammengenommen erlauben die Netze eine Auflösung von knapp einem Kilometer und damit ein ziemlich genaues Bild vom Geschehen in der Region. Der Untergrund unter dem Marmara-Meer ist ungeheuer komplex, denn die nordanatolische Verwerfung fächert sich hier in mehrere Zweige auf. Schmittbuhl: "Momentan ist die Aktivität auf verschiedene Unterstrukturen verteilt. Sie präzise zu lokalisieren ist schwierig, weil das Gros unter Wasser liegt." Allerdings konnten die Wissenschaftler kürzlich Mikrobeben mit Gasausbrüchen am Meeresboden korrelieren, die von einem Schiff aus beobachtet wurden. "Die Gasausbrüche könnten eine Folge der Mikrobeben sein", meint der Straßburger Wissenschaftler.

Derzeit beobachte seine Gruppe lokale Aktivierungen an verschiedenen Stellen des Marmara-Meers, die wohl noch nicht durch das Geschehen an der Störung selbst kontrolliert werden, sondern durch die allgemeine plattentektonische Bewegung. Darauf wiesen auch GPS-Daten hin, so Jean Schmittbuhl. "Wir sehen, dass sich die Mikroseismizität in einem südlichen Segment der Nordanatolischen Verwerfung, das durch das Izmit-Beben von 1999 aktiviert wurde, westwärts bewegt. Das ist unerwartet, denn die Hauptstörung im Marmara-Meer verläuft weiter nördlich, bei den Prinzeninseln direkt vor Istanbul: Sie wird als Kandidat für das große Beben gehandelt. Auch da sahen wir wenige Stunden nach dem Izmit-Beben eine Aktivierung, die dann jedoch abklang. Dafür gibt es östlich der Inseln ein weiteres Cluster, das zu unserer Überraschung seitdem aktiv blieb." Keiner dieser Mikrobeben-Cluster zeigt derzeit aber Anstalten, sich in tiefere Schichten zu verlagern. Wenn also die Analogie zum Izmit-Beben stimmt, steigt die Bebengefahr im Bosporus-Raum derzeit nicht.

Verweise
Bild(er)