Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Vorboten eines Umbruchs

Vorboten eines Umbruchs

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.08.2009 10:02

Innerhalb kürzester Zeit lief vor rund 200 Millionen Jahren eines der fünf großen Massensterben ab, die die Geschichte des Lebens auf der Erde prägen. Die Welt der Trias mit ihren großen Amphibien versank und die Zeit der Dinosaurier brach an. Rund eine Million Jahre lang stiegen die Kohlendioxid-Werte der Atmosphäre drastisch an - ausgelöst vermutlich durch die Vulkanausbrüche, die das Aufreißen des Atlantiks begleiteten. Mitten in dieser Phase kam es damals zum Showdown für die Pflanzenwelt, die innerhalb von - geologisch gesehen - wenigen Jahren komplett umgekrempelt wurde. Der Umbruch zeichnete sich schon vorher in der Zusammensetzung der Ökosysteme ab.

LepidopterysEs ist ein seltsam bekanntes Klima-Szenario, das sich vor rund 200 Millionen Jahren abspielte: Damals sprang der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre auf ein Mehrfaches des Üblichen, von rund 400 Teilen pro Million auf 1500 Teile pro Million. Und mitten in diesem gigantischen Treibhauseffekt kam es zu einem Massenaussterben, das auf der Liste der größten Massenaussterben der Erdgeschichte auf Rang drei oder vier liegt. „Das Klima erwärmte sich über einen Zeitraum von etwa einer Million Jahre, für geologische Begriffe eine kurze Spanne“, berichtet Jennifer McElwain, Paläobotanikerin am University College in Dublin und Kuratorin am renommierten Field Museum in Chicago. Der Mensch hat es bislang zu einer guten Verdoppelung des Kohlendioxidwerts in der Atmosphäre gebracht, und das auf bedeutend niedrigerem Niveau. Allerdings hat er dafür auch nur knapp 200 Jahre gebraucht. Und deshalb sollten uns die Ereignisse vor 200 Millionen Jahren interessieren.

Denn es brauchte vor 200 Millionen Jahren anscheinend nur wenige Jahrtausende um rund die Hälfte der damals lebenden Tier- und Pflanzenarten auszulöschen. „Es gab einen sehr abrupten Verlust an Biodiversität“, berichtet McElwain von ihrer Expedition 2002 nach Ostgrönland. Dort sammelte die Irin mit ihrem Team rund zwei Tonnen Fossilien aus der Zeit vor, während und nach dem Massensterben. „Es waren dann 4500 verschiedene Fossilien“, so McElwain, die die Wissenschaftler erst einmal einzeln identifizieren mussten. „Wir beschränkten uns darauf, die Gattung zu bestimmen, bei einer Klassifizierung bis hinab zur Art hätten wir noch viel mehr Zeit gebraucht.“ Die 4500 verschiedenen Fossilien stellten die Forscher dann zu sechs Pflanzengemeinschaften zusammen, die zu sechs verschiedenen Zeiten das Gebiet besiedelten, das heutzutage der Hurry Fjord im Jameson-Land ist, einer Halbinsel im östlichen Mittelgrönland. In diesen sechs Intervallen maßen die Forscher, wie sich die Zusammensetzung der Pflanzengemeinschaften veränderte. Am robustesten und gesündesten ist ein System, wenn es viele verschiedene Mitglieder hat. Beginnt ein Teilnehmer immer stärker zu dominieren, ist das ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Überdies macht eine solche Entwicklung das System anfällig.

Herrscher einer sterbenden Welt„In unseren frühesten Intervallen haben wir sehr gesunde Gemeinschaften, aber je näher wir dem Ereignis kommen, desto schneller verringert sich die Biodiversität, bis wir am Ende einen Gattungsverlust von 80 Prozent haben“, erklärt die Botanikerin. Was heute unwirtlich wirkt und von maximal kniehohen Pflanzen besiedelt ist, war vor 200 Millionen Jahren ein zwischen tropischen und subtropischen Bedingungen schwankender üppiger Wald aus Koniferen und Gingkos mit einem Unterholz von Palmfarnen und Farnen. „Für heutige Begriffe wäre es eine Mischung aus den Everglades von Florida und den Nadelwäldern von Australien und Neuseeland“, so Jenny McElwain. Durch den ganzen Umbruch zwischen Trias und Jura hindurch blieb der Wald üppig und grün, dennoch hinterließ das Drama tiefe Spuren. 

Cycaden und KoniferenMit ansteigenden Kohlendioxidwerten starben immer mehr Pflanzen aus und machten denjenigen Platz, die mit den veränderten Bedingungen besser zurecht kamen. „Am stärksten wurden die seltenen und spezialisierten Gattungen getroffen“, so McElwain, „zum Beispiel all diejenigen, die an irgendeiner Stelle ihres Lebenszyklus auf andere Lebewesen angewiesen waren.“ Ein Beispiel wären Pflanzen, die Insekten für die Bestäubung brauchen. Die Gewinner waren Generalisten und solche, die mit der Geschwindigkeit der Veränderung mithalten konnten. Und da schließt sich für Jennifer McElwain der Kreis zur Gegenwart: „Wir sind bei der Analyse dieser Gemeinschaften auf ökologische Frühwarnzeichen gestoßen, die darauf hinwiesen, dass die gesamte Gemeinschaft vor dem Kollaps stand, und wir glauben, dass der Motor dieser Entwicklung die Zunahme des Treibhausgases in der Atmosphäre war.“ Die Botanikerin glaubt, dass wir zurzeit ebenfalls mitten in so einem Prozess sind, der in einem Massenaussterben enden kann, denn sowohl das Ausmaß als auch die Geschwindigkeit des CO2-Anstiegs in der Atmosphäre dürfte viele Pflanzen auf eine harte Probe stellen. Nur dass damals gigantische Vulkanausbrüche die Übeltäter waren, heute jedoch eines der anpassungsfähigsten und dominantesten Lebewesen, die die Erde bislang gesehen hat.

Verweise
Bild(er)