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Vulkanstaub auf Alten Meistern

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.04.2014 11:19

Landschaftsmalereien sind nicht nur ästhetisch, sie liefern auch Informationen über den Zustand der Atmosphäre zum Zeitpunkt ihres Entstehens. Das geht aus einem Aufsatz hervor, der nun im Magazin „Atmospheric Chemistry and Physics“ veröffentlicht worden ist. Wissenschaftler um den Physiker Christos Zerefos hatten Hunderte Werke analysiert, die seit dem Jahr 1500 entstanden sind. In diesem Zeitraum fanden etwa 50 große Vulkaneruptionen statt, und sie alle spiegeln sich in den Bildern wider.

Damals verbreiteten sich Nachrichten noch langsam: Als im April 1815 der Tambora-Vulkan auf der indonesischen Insel Sumbawa ausbrach, erfuhr die Welt davon erst sieben Monate später, durch eine kleine Meldung in der "Times". Zu dieser Zeit hatten die Folgen des katastrophalen Ausbruchs in Niederländisch-Ostindien London bereits erreicht. Denn der Tambora hatte gewaltige Mengen an Staub und Schwefelaerosolen hoch hinauf in die Atmosphäre geschleudert. Diese feinen Partikel und Tröpfchen legten sich als Dunstschleier um die Erde, ließen so die Temperaturen auf der Nordhalbkugel dramatisch sinken.

So ging 1816 als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein - oder auch als „Achtzehnhundertfriermichtot“. Erst fiel der Frühling aus, dann der Sommer. Rund um die Nordhalbkugel gab es Missernten. Die Preise für die Nahrungsmittel schossen in schwindelnde Höhen. Im dicht besiedelten Europa herrschte Hungersnot. Die Bedingungen in den USA und Kanada waren etwas weniger schwierig, einfach weil dort weniger Menschen lebten. In Indien blieb erst der Regen aus, dann verdarb ein schier unendlicher Dauerregen die Ernte.

Es waren schreckliche Monate. Aber auch Monate, in denen die Sonnenauf- und -untergänge besonders faszinierend waren. Sie beeindruckten Maler wie Caspar David Friedrich oder William Turner zutiefst. Wie genau die Künstler damals in ihren Bildern den Zustand der Atmosphäre wiedergaben, belegen nun die Farbanalysen.

Caspar D. Friedrich, Neubrandenburg 1817: Spuren der Tambora-Aerosolwolke„Wir wollten nach Alternativen suchen, um Informationen über den Zustand der Atmosphäre gewinnen zu können, wenn wir keine Messwerte haben“, erklärt Christos Zerefos von der Athener Akademie. Schon 2007 hatten er und seine Kollegen deshalb einen Aufsatz veröffentlicht, mit dem sie darlegten, dass dabei Gemälde sehr hilfreich sein könnten. Nun haben die Forscher Hunderte von Bildern untersucht, die Ergebnisse mit Eisbohrkernanalysen verglichen und ein Experiment durchführen lassen. „Es geht dabei um das Verhältnis zwischen Rot- und Grüntönen“, beschreibt Christos Zerefos. Deshalb haben er und seine Kollegen anhand von digitalen Kopien der Gemälde mit einem Fotoprogramm die Rot-Grün-Kontraste und den jeweiligen Sonnenstand analysiert. Daraus konnten sie den Grad der atmosphärische Trübung bestimmen, wie stark also das Sonnenlicht an Partikeln in der Luft gestreut wird. Diese Werte verglichen sie mit den Staubanalysen an arktischen Eisbohrkernen. Das Ergebnis: Die Maler haben den Grad der Atmosphärenverschmutzung höchst exakt wiedergegeben. Die jeweils in den drei auf einen großen Vulkanausbruch folgenden Jahren entstandenen Gemälde sind in ihrer Farbgebung sehr kräftig: „Je größer die zeitliche Nähe zwischen Kunstwerk und Vulkanausbruch ist, desto stärker die Verschiebung ins Rote“, beschreibt Christos Zerefos, „denn je mehr Partikel in der Atmosphäre schweben, um so rötlicher erscheint sie.“ 


Außerdem stellte sich heraus, dass sich in den Landschaftsbildern nicht nur die großen Vulkanausbrüche widerspiegeln. Auch die seit dem 18. Jahrhundert zunehmende Luftverschmutzung durch die Industrialisierung lässt sich an winzigen Verschiebungen im Rot-Grün-Anteil ablesen: „Die Bildern zeigen den Anstieg der optischen Dichte von 0,15 in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf 0,20 am Ende des 20. Jahrhunderts“, so Christos Zerefos.

Selbst Saharastaub hinterlässt Spuren. Um das nachzuweisen, setzten die Physiker auf ein Experiment. Sie ließen den griechischen Künstler Panayotis Tetsis an zwei Tagen den Sonnenuntergang auf der Insel Hydra in der Ägäis malen. Was der Maler nicht wusste: An einem Tag trug der Wind Saharastaub nach Norden, an einem anderen war die Luft klar. Das Ergebnis: Während der Saharastaub in der Luft war, malte Panayotis Tetsis einen intensiv rot gefärbten Sonnenuntergang, der andere hingegen war sehr viel blasser.