Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Wandel in der Streusandbüchse

Wandel in der Streusandbüchse

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.11.2012 12:21

Der Klimawandel macht auch vor Deutschland nicht Halt. Um die Veränderungen von Anfang an zu dokumentieren, hat die Helmholtz-Gemeinschaft, der Zusammenschluss von 18 Forschungszentren, in vier sensitiven Regionen Langzeit-Observatorien eingerichtet. Das sogenannte Tereno-Projekt soll über mindestens die nächsten 15 Jahren hinweg Veränderungen protokollieren. Die Seenplatte in Mecklenburg und Brandenburg ist eine dieser sensitiven Regionen, der Große Fürstenseer See wurde als Observatorium ausgewählt.

Der Müritz-See in Mecklenburg-Vorpommern. (Bild: Flickr/Victor's View)"Land der Tausend Seen" wird die Mecklenburgische Seenplatte auch genannt. Sie zieht Jahr für Jahr zahlreiche Touristen in die Region. Ein großer Teil von ihr bildet überdies den Müritz-Nationalpark, den größten Nationalpark auf deutschem Festland, ein Treffpunkt für unzählige Wasservögel. Der Rückzug der Gletscher nach der jüngsten Eiszeit hinterließ in dem welligen Gebiet viele Mulden und Senken, die seither vor allem vom Grundwasser aufgefüllt wurden. "Seen sind, wenn Sie so wollen, Grundwasserpfützen", meint der Geograph Knut Kaiser vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Kaiser betreut den nordostdeutschen Teil des Langzeitobservatoriums Tereno am Großen Fürstenseer See rund 80 Kilometer nördlich von Berlin. "Über etwa 15 Jahre schauen wir uns regional die Auswirkungen des globalen Wandels, Klimawandel, Landnutzungswandel im Detail an", erklärt Kaiser, der schon seine Sommerferien Ende der 70er-Jahre hier verbrachte. Der Raum gehört schon jetzt zu den wärmsten und trockensten Räumen Deutschlands, "kleine Veränderungen in Richtung trocken/warm", sagt Kaiser, "werden relativ große Veränderungen in diesem hydrologischen System zur Folge haben". Eine Tendenz verzeichnen die Experten schon seit Jahren in vielen Seen der Region. Die Grundwasserspiegel sinken und mit ihnen die Seespiegel. "Uns interessiert natürlich", so Kaiser, "wie wird die Entwicklung in den nächsten Jahren sein und wird sich diese Tendenz noch verschärfen?"

 

Seit Jahrhunderten unter menschlichem Einfluss

Das Problem ist nicht nur der Klimawandel. So idyllisch gerade die Nationalparkseen scheinen, so sind sie doch das Resultat starker menschlicher Einflussnahme, und das nicht erst in industrialisierter Zeit. "Der Mensch greift seit einigen Jahrhunderten stark in den Wasserhaushalt ein. Er hat große Landstriche wie die Uckermark versucht trockener zu legen, wir haben Niedermoore entwässert, um Landwirtschaft betreiben zu können, zum Teil auch Forstwirtschaft und Grünland, aber auch Ackerbau", erklärt GFZ-Chef Reinhard Hüttl, selbst Bodenkundler von Haus aus. Mit Landgewinnung auf der einen Seite und Aufstauung der Gewässer etwa für Mühlen auf der anderen hat der Mensch den Wasserhaushalt direkt verändert. An den Seen lässt sich das unmittelbar ablesen. Viele verzeichneten in den vergangenen Jahren sinkende Pegelstände, aber manche blieben auch gleich, bei einigen stieg der Pegel sogar. Knut Kaiser überblickt die Pegel an rund 100 Seen der Region. Etwa die Hälfte zeigt fallende Werte. Bei je einem Viertel bleiben sie konstant oder steigen. "Die zweite Kategorie sind staugeregelte Seen", erklärt er, "und die dritte Kategorie ist in der Regel mit so genannten Revitalisierungsmaßnahmen für den Wasserhaushalt verbunden, in der Regel in Naturschutzgebieten oder Schutzgebieten."

Hinzu kommt, dass der Mensch auch die Vegetation drastisch verändert hat, weg von langlebigen, aber langsam wachsenden Buchen- zu kurzlebigen, aber leider sehr durstigen Kiefernwäldern. "Ein Kiefernwald zieht im Vergleich zur Buche, die dort dominant war, einfach viel mehr Wasser", sagt Hüttl. Von den rund 600 Litern Regen, die durchschnittlich pro Jahr auf einen Quadratmeter fallen, lassen die Kiefern fast nichts durch, ein Buchenwald hingegen füllt die Grundwasserleiter um jährlich 100 bis 200 Liter pro Quadratmeter auf. Südlich Berlins tritt seit dem 19. Jahrhundert noch der Braunkohletagebau hinzu, bei dem der Grundwasserspiegel künstlich um viele Dutzend Meter gesenkt werden muss, damit man die Kohleflöze überhaupt abbauen kann. Alle diese Faktoren treiben die Grundwasserpegel tendenziell nach unten, und von außen macht sich mit dem Klimawandel seit spätestens den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein für geologische Verhältnisse rapider Wandel bemerkbar. "Die große Frage ist natürlich", so Kaiser, "welcher Anteil dominiert und auch vielleicht in welchen Regionen dominiert welcher Anteil?"

 

Verzwicktes Puzzle

Es ist ein verzwicktes Puzzle-Spiel, das die Wissenschaftler betreiben. Zum emsigen Datensammeln in Gegenwart und Zukunft tritt die Rekonstruktion der Vergangenheit. Über sie fehlen häufig langfristige Datenreihen, um Trends über wenige Jahrzehnte hinaus ablesen zu können. Am Großen Fürstenseer See wird der Pegelstand zum Beispiel erst seit 1985 gemessen, Angaben über die Jahre davor erhalten Kaiser und seine Kollegen hauptsächlich in Gesprächen mit Anwohnern. Diese Informationen ergeben eine Schwankung der Pegel um rund 1,20 Meter. Doch ist das die ganze Wahrheit? Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückblicken kann man nur mithilfe von Bohrungen. "Wir versuchen so in entsprechenden Seen oder in anderen Böden paläoklimatische Aufklärung zu bekommen", erzählt GFZ-Chef Hüttl, "die ersten Daten zeigen, dass hier eine große Dynamik eigentlich sozusagen der natürliche Zustand ist." "An diesem See und in seinem Einzugsgebiet lag die Schwankungsamplitude in den letzten 1000 Jahren bei drei Meter", ergänzt Knut Kaiser, "wir versuchen das noch zu verfeinern und für die gesamte Warmzeit, in der wir leben, für die letzten 10.000 Jahre herauszufinden."

Sonnenuntergang am Müritzsee. (Bild: Flickr/Salomon 10)Der Mensch scheint nicht erst in den vergangenen 200 Jahren eine prominente Rolle zu spielen, sondern zum Beispiel auch unmittelbar nach der Kolonisierung der Gegend im Hochmittelalter. "Im 14. Jahrhundert haben wir nicht nur am Fürstenseer See, sondern auch woanders das Signal ansteigender See- und Grundwasserspiegel", erklärt Kaiser, "da spielte zum einen der Mühlenstau eine Rolle." Die Kolonisten installierten an den flachen Seen der Region Wehre und Staudämme, um genug Wasser auf ihren Mühlen zu haben. "Ein zweiter, vielleicht sogar noch wesentlicher Aspekt ist", so Kaiser, "dass das 14. Jahrhundert das waldärmste Jahrhundert seit nunmehr 10.000 Jahren war." Die Einwanderer rodeten die Buchenwälder, die sie vorfanden, zum großen Teil für Ackerland und nutzten den Rest offenbar verschwenderisch, um Bau- und Brennholz zu schlagen. "Und wenn Sie sozusagen im Einzugsgebiet eines Sees den Wald abhacken, steigen die Grundwasserspiegel und kurze Zeit später natürlich auch die Seewasserspiegel an", erklärt der Geograph. Wie schnell Pegelschwankungen in der Region gehen können, zeigt die jüngste Vergangenheit. "Die Grundwasserstände füllen sich wieder, nachdem wir zwei oder drei feuchte Winter mit sehr viel Schnee hatten und den einen oder anderen feuchten Sommer, Frühjahr und Herbst", erklärt Reinhard Hüttl, "wir müssen in einer bestimmten Region sogar wieder pumpen, weil die Keller voll laufen." Mit abrupten Schwankungen wird also auch in Zukunft zu rechnen sein.