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Umstrittene Route

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:57

Wie wurde Amerika besiedelt? Diese Frage wird seit Jahrzehnten heftig diskutiert. Wir wissen nur, dass sich diese Wanderung irgendwann vor 20.000 bis 10.000 Jahren abgespielt haben muss. Um wirklich Licht in die Geschichte der Anfänge zu bringen, sind von den Urahnen der amerikanischen Indianer zu wenig Zeugnisse überliefert. Und wo der Archäologie das Material fehlt, versuchen sich Sprachwissenschaftler und Genetiker an Erklärungen. Doch auch sie kommen nicht auf ein einheitliches Bild, zumindest bislang nicht. Vielleicht aber hat man nur nicht genau genug hingeschaut. Das meinen zumindest italienische Genetiker.

TundraKeine 100 Kilometer trennen heutzutage die Westspitze Alaskas von der Ostspitze Sibiriens. Hier, in der Beringstraße, ist der Ozean nur 30 bis 50 Meter tief, und die Meerenge fiel in der Vergangenheit regelmäßig trocken, nämlich immer dann, wenn in Eiszeiten viel Wasser in den Gletschern gespeichert wurde und der Meeresspiegel um bis zu 100 Meter fiel. Mehrfach in den vergangenen zwei Millionen Jahren ist so Beringia aufgetaucht, ein flacher, maximal 1600 Kilometer breiter Landstreifen, der Sibirien und Alaska miteinander verbindet. Dieses Flachland war nach der gängigen Forschungsmeinung die Brücke, über die die Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner zogen.

Archäologische Funde zu beiden Seiten der heutigen Meerenge legen nahe, dass Beringia nicht nur eine Durchgangsstation war, um von einem Kontinent zum anderen zu gelangen, sondern dass das Flachland über lange Zeit auch besiedelt war. Wann aber kamen die ersten Ureinwohner in Amerika an, auf welchen Wegen erschlossen sie sich das menschenleere Land, und wie oft machten sich Einwanderer von Beringia oder gar von Sibirien aus auf den Weg? Diese Fragen sind seit Jahrzehnten umstritten, denn es gibt vergleichsweise wenig Informationen.

Xingu Ausgrabung 2Auf drei Feldern sammeln Wissenschaftler Indizien, um das Problem zu lösen: Archäologen suchen nach materiellen Überresten, doch die Funde sind ziemlich spärlich. Inzwischen gibt es unumstrittene archäologische Belege, dass der Doppelkontinent seit 14.000 Jahren besiedelt war, doch das setzt nicht mehr als eine obere Grenze für die Einwanderung. Linguisten analysieren die Sprachen der Ureinwohner und versuchen dadurch einen linguistischen Stammbaum zu rekonstruieren. Man schätzt, dass  vor der Ankunft der Europäer auf dem Doppelkontinent 1500 Sprachen zwischen Feuerland und Alaska gesprochen wurden. Rund 650 kennt man heute noch gut genug, um sie analysieren zu können. Als drittes Feld ist vor einigen Jahren die Genetik hinzugekommen, denn mit ihr lassen sich auch Stammbäume aufstellen. So wird das Erbgut der Mitochondrien, der Zellkraftwerke, zum Beispiel nur über die Mütter weitergegeben. Die normale Vermischung der Chromosomen findet hier nicht statt, deshalb konstruieren Wissenschaftler mit seiner Hilfe eine genetische Uhr.

Genau das hat die Forschergruppe um Ugo Perego von der Universität Pavia gemacht und zwei eher seltene Erbgut-Versionen besonders detailliert und damit sozusagen unter dem Vergrößerungsglas untersucht. So etwas hat bislang noch niemand gemacht. In „Current Biology“ berichtet das Team aus Italien, den USA, China, Spanien und Deutschland über Analysen, denen zufolge sich zwei Einwanderungsgruppen aus der Beringia-Bevölkerung zu nahezu derselben Zeit aufgemacht haben, das gewaltige Land zu erkunden.

Die Gruppen betraten vor rund 16.000 Jahren den Doppelkontinent. Die eine zog innerhalb kurzer Zeit die gesamte Pazifikküste hinunter bis nach Feuerland, die andere nahm den langsameren Weg über einen Korridor zwischen den beiden gewaltigen, schmelzenden Eiszeitgletschern hindurch, die im Westen die Rocky Mountains und im Osten die Großen Seen bedeckten, und erreichte die Prärien im heutigen Mittleren Westen der USA. Das können die Forscher deshalb sagen, weil sich die eine DNA-Variante hauptsächlich bei südamerikanischen Indianern auf der Westseite des Kontinents findet, während die zweite Variante nur bei nordamerikanischen Indianern aus den Prärien vorkommt. Besonders interessant ist, dass das Wanderungsmuster dieser beiden DNA-Gruppen der linguistischen Zweiteilung der amerikanischen Urbevölkerung entspricht.

Die Linguisten teilen die Idiome der amerikanischen Ureinwohner in die große Gruppe der amerindischen Sprachen und die kleinere der Na-Dene, Inuit und Alëuten ein. Letztere leben ausschließlich auf dem nordamerikanischen Kontinent. Für diese Zweiteilung fanden bislang die meisten genetischen Untersuchungen keine Entsprechung im Erbgut. Sie wiesen vielmehr darauf hin, dass alle Ureinwohner von einer gemeinsamen Ursprungspopulation abstammen. Ob sich mit der Untersuchung der Arbeitsgruppe jetzt eine Änderung anbahnt, hängt davon ab, ob sich das Modell der italienischen Genetiker mit weiteren detaillierten Studien bestätigen lässt.

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