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Warum Britannien eine Insel ist

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 18:59

Zwei Riesenflutwellen haben Großbritannien zur achtgrößten Insel der Welt gemacht, und es geschah - geologisch gesehen - vor gar nicht so langer Zeit: Bis vor vielleicht 200.000 Jahren war der Ärmelkanal keine trennende Meerenge, und die britischen Inseln waren "nur" Teil des Kontinents! Die Idee ist nicht neu, sie stammt vielmehr schon aus den 80er Jahren, aber jetzt kann man sie endlich auch nachweisen:

"Bevor es den Kanal gab, war Großbritannien über eine Landbrücke fest mit Frankreich verbunden, wenn Sie so wollen, war es eine Halbinsel Europas", erklärt Sanjeev Gupta vom Imperial College in London. Dieser Gedanke ist eingefleischten Briten grässlich: Keine splendid isolation, dafür Großbritannien als Anhängsel von Frankreich. Gut, dass die Eiszeiten und zwei Flutkatastrophen die Briten vor diesem Schicksal bewahrt haben: Eine Sonarkartierung des Meeresbodens im Ärmelkanal hat Belege dafür erbracht, wie Großbritannien zur Insel wurde. "Wir entdeckten ein gigantisches Tal, das bis zu zehn Kilometern breit und mehr als 50 Meter tief ist. Anscheinend haben es zwei katastrophale Überflutungen aus dem Gestein des Ärmelkanals gewaschen", so Gupta.

Die Kreidefelsen von Dover sind das erste, was heutzutage Besucher Großbritanniens, die mit dem Schiff von Calais übersetzen, zu Gesicht bekommen. Foto: Wikipedia

Diese Megafluten sind allerdings schon etwas länger her, die Zeiten also, als Britannien nurmehr eine Halbinsel im Norden Frankreichs war, ebenfalls schon lange vorbei: Seit 400.000 bis 200.000 Jahren sind die Briten in der geliebten Position dicht vor dem Kontinent, aber trotzdem durch einen Meeresarm von ihm getrennt. "Genauer können wir es nicht sagen, weil wir den Meeresboden nicht datieren können", bedauert Gupta. Vor rund 400.000 Jahren sah Europa jedenfalls vollkommen anders aus als heute. Damals dehnten sich die Gletscher von Skandinavien bis mitten in die Nordsee hinein aus. Der Meeresspiegel lag mehr als 100 Meter tiefer und die eisfreie südliche Nordsee und der Ärmelkanal waren trocken.

Zwischen Frankreich und England ragte an der Engstelle bei Dover eine breite Landbrücke aus Kreidefelsen wie ein Damm auf. Hinter dieser Staumauer sammelte sich zu den Gletschern im Norden hin ein gewaltiger See an. Er wurde gefüllt wie eine Badewanne, denn in ihn mündeten Rhein, Maas und Themse, und auch das sommerliche Schmelzwasser von der Gletscherfront floss hinein. Der Wasserspiegel des Sees lag etwa 30 Meter über dem heutigen Meeresniveau. So groß wie Wales soll dieser See angewachsen sein.

Dann passierte eines Tages die Katastrophe: Vielleicht war ein kleines Erdbeben in der Region Kent schuld, vielleicht war auch einfach nur der Wasserdruck zu hoch geworden: Der Kreidefelsriegel gab nach. Den frühen Menschen, die in der Gegend gewesen sein könnten, muss sich ein schreckliches Schauspiel geboten haben: Monatelang schossen pro Sekunde Millionen von Kubikmetern Wasser durch die schmale Bresche. Das ist fast das Tausendfache dessen, was der Rhein heute ins Meer schafft. Ein Mega-Flusstal entstand: 100 Kilometer lang und von Nordosten nach Südwesten immer breiter werdend. Die gigantischen Wassermassen frästen im Felsen typische Narben in Form von tiefen Canyons aus und schufen stromlinienförmige Inseln. Die Landbrücke zwischen Frankreich und Großbritannien war unrettbar zerstört.

Schmelzwasserseen zerstörten Landverbindung nach Großbritannien

"Durch dieses Ereignis veränderten Rhein, Themse und Maas ihren Lauf. Nun flossen sie durch die Strasse von Dover in den Ärmelkanal hinein", sagt Sanjeev Gupta. Der neue Megastrom nahm dabei auch die südwestlich gelegenen Flüsse wie Somme und Seine auf, ehe er bei der Bretagne in den Atlantik floss. Aber noch war die Straße von Dover schmal. Ihre heutige Breite erreichte sie eine Eiszeit später. Damals hatten die Gletscher einen riesigen Moränendamm aufgeschoben. Als die Eismassen wieder zurückwichen, sammelte sich ihr Schmelzwasser wieder in der Senke der südlichen Nordsee, staute sich diesmal allerdings an dem Moränendamm. Als auch dieser brach, rissen die Wassermassen die Straße von Dover weit auf.

Die beiden Flutkatastrophen hatten Folgen für die frühen Menschen. Damals lebte unsere Art noch nicht, sondern ein früher Verwandter, der homo erectus. Die ältesten Zeugnisse des homo sapiens sind rund 160.000 Jahre alt. Während der Kaltzeiten trennte ein unüberwindlich breiter Fluss Großbritannien von Europa. Und wenn in den Warmzeiten der Meeresspiegel anstieg, war England eine Insel. "Die Spuren der Besiedlung Großbritanniens reicht viele hunderttausend Jahre weit zurück. Solange die Landverbindung existierte, hat es mehrere Besiedlungswellen gegeben. Aber dann scheint es hier zwischen 180.000 und 60.000 Jahren vor heute plötzlich keine Menschen mehr gegeben zu haben. Weder Fossilien noch Werkzeuge sind bislang gefunden worden. Wir glauben deshalb, dass in den Kaltzeiten der Megastrom und in den Warmzeiten das Meer wie Barrieren gewirkt haben. Sie sorgten lange dafür, dass niemand einwandern konnte", so Gupta.

Diese Auffassung vertritt auch Philip Gibbard von der University of Cambridge, der die Forschungen seiner Kollegen für "Nature" eingeschätzt hat: "Es ist sehr wichtig, dass diese katastrophalen Überflutungen erkannt worden sind. Bislang wussten wir nicht genau, wie Großbritannien zur Insel geworden ist. Aber diese Strukturen am Untergrund des Ärmelkanals erzählen eine überzeugende Geschichte." Ohne die Überflutungen könnte man von Großbritannien aus über die Autobahn bis nach China fahren. Aber dann könnten wir Kontinentaleuropäer uns nicht über Cricket wundern, die Hutmode von Ascot und den Baumstammweitwurf in Schottland. Das wäre doch schade.