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Wassertürme der Menschheit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:30

Die Gebirge spielen eine entscheidende Rolle bei der Wasserversorgung der Erde. Weltweit hängt die Hälfte der Menschen mehr oder weniger stark vom Wasser aus den Bergen ab. Nur in den ohnehin sehr feuchten Tropen fließt es ohne Hilfe der Berge in ausreichendem Maß. Anderorts herrschte dagegen ohne Hilfe von Alpen, Anden oder Himalaya Wasserknappheit oder sogar –mangel – und das sogar in Mitteleuropa. Die Rolle der Gebirge bei der Wasserversorgung der Menschheit beschäftigte daher auch die Geowissenschaftler auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien.

Teton National Park„Wenn man sich anschaut, welche Wasserressourcen in den Niederlanden rein aufgrund des Niederschlags, der über die Landesfläche fällt, zur Verfügung stehen würden, dann müsste man eigentlich sagen, dass die Niederlande in einem Zustand von extremer Wasserknappheit leben“, erklärt Daniel Viviroli, Hydrologe an der Universität Bern. Dass die Niederländer nicht auf dem Trockenen sitzen, verdanken sie natürlich dem Rhein, und der entspringt wie viele seiner Nebenflüsse am Oberlauf in den Alpen. Der Fluss liefert auch in den Sommermonaten, wenn es nur wenig oder gar nicht regnet, ausreichend Wasser, um Rheintal und Rheinische Tiefebene grün zu erhalten.

Furtwängler-GletscherUnd was im regenverwöhnten Mitteleuropa gilt, gilt umso mehr in den trockeneren Gebieten der Erde. Ob der Po oder der Ebro in Europa, der Nil in Afrika, der Colorado in den USA oder der Indus auf dem Indischen Subkontinent, diese Flüsse sind die Lebensadern für ein riesiges Einzugsgebiet, das ohne sie nicht existieren könnte. Viviroli: „Die Berge liefern insbesondere in trockenen Zonen sehr zuverlässigen Abfluss, insbesondere in den Sommermonaten, wenn er für die Tiefländer wichtig ist.“ Im späteren Frühjahr, wenn im Tiefland die Regen abklingen, schmilzt in den Bergen der Schnee und das Schmelzwasser landet über Bäche und Flüsse im Tiefland. Im Hochsommer springen dann die Gletscher als Wasserspeicher ein.

„Weniger als drei Prozent des Wassers auf der Erde ist Süßwasser“, erklärt Bruce Molnia vom Geologischen Dienst der USA USGS, „und von diesen genau 2,8 Prozent ist 75 Prozent in Gletschern gebunden“. Der größte Teil davon liegt als Eiskappen an den Polen und steht daher für Pflanzen, Tiere und Menschen nicht zur Verfügung. Umso wichtiger sind die restlichen Vorkommen in den Gebirgen. Der Schweizer Viviroli hat untersucht, wie groß diese Bedeutung tatsächlich ist, und wie sie sich in der Zukunft verändern wird: Sieben Prozent der Gebirgsregionen der Welt spielen bereits heute eine unverzichtbare Rolle in der Versorgung der sie umgebenden Gebiete, doch in den kommenden Jahrzehnten werden weitere 37 Prozent der Gebirge in diese Rolle gedrängt, weil Niederschläge und Grundwasserreserven in den umgebenden Gebieten nicht mehr ausreichen den Bedarf zu decken.

Trockenrisse im afrikanischen BodenSchon jetzt erwarten Wissenschaftler, dass sich in diesem Jahrhundert Konflikte und Kriege vor allem am Wasser entzünden werden, zumal sich bald 70 Prozent der Weltbevölkerung in dem Band zwischen den 30. Graden nördlicher und südlicher Breite leben werden, also etwa von Houston, Alexandria oder Shanghai im Norden bis Porto Alegre, Durban oder Brisbane im Süden. „Die derzeitigen Schätzungen prognostizieren in 50 Jahren eine Bevölkerungszahl von über 10 Milliarden“, warnt Philip Mote von der Universität von Washington in Seattle, „die Gebiete, in denen das größte Bevölkerungswachstum zu verzeichnen sein wird, leiden bereits jetzt unter Wasserknappheit. Es gibt dort schlicht nicht genug Süßwasser.“ Der größte Konsument ist die Landwirtschaft, und ihr Bedarf wird voraussichtlich drastisch steigen, da die Menschheit einen ebenfalls drastisch steigenden Nahrungsbedarf an den Tag legen wird. „Es sind etwa 70 Prozent des Abflusses global, die in die Landwirtschaft gehen“, so Viviroli, „das heißt, wir müssen schauen, wo wollen wir dieses Wasser brauchen, können wir dieses Wasser besser bewirtschaften.“

Die Ansätze dazu sind bislang sträflich unterentwickelt, selbst in Europa. Weder gibt es ausreichend Informationen über die Wasserspeicher Gebirge, noch gibt es Managementpläne, wie man mit dem kostbaren Nass so effizient wie möglich umgeht. “Als Wissenschaftler haben wir das Grundproblem, und das gleiche trifft auf alle Hochgebirge zu, dass wir einfach nicht genug Messdaten haben“, unterstreicht Carmen de Jong, Professorin am Hochgebirgsinstitut der Universität von Savoyen in Chambéry. Gleichzeitig mehren sich selbst in den Alpen die Fälle von Wasserknappheit. Da es sich allerdings noch um lokale Phänomene handelt, ist die Gefahr noch nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Allerdings berichtet die Wissenschaftlerin von wachsendem Interesse bei Behörden, Gemeinden und Betroffenen im Alpenraum, als sie mit 17 Partnern aus fünf Alpenländern das internationale Projekt Alpwaterscarce vorstellte, das sich mit der Wasserknappheit in diesem europäischen Hochgebirge beschäftigen wird.

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