24. Mai. 2017

Hobbit und moderner Mensch, hier Peter Brown, einer der Entdecker, Auge in Auge.

Das jüngst entdeckte Mitglied der menschlichen Gattung sucht noch seinen Platz im Stammbaum. Australische und amerikanische Wissenschaftler haben jetzt im "Journal of Human Evolution" den Homo floresiensis, auch Hobbit genannt, ganz an die Basis der menschlichen Gattung gesetzt. Sie bezeichnen ihn als "Schwesterart" des frühen Homo habilis. Damit käme der Hobbit zum einen auf eine für Menschenarten extrem lange Zeitspanne: Homo habilis ist rund zwei Millionen Jahre alt, die jüngsten Hobbit-Funde etwa 54.000. Er wäre andererseits auch Beleg für eine ganz frühe Migration der Homo-Vertreter aus Afrika in die Welt, die bislang nicht bekannt war.

Das Wandern liegt der Gattung Mensch seit ihren Anfängen vor rund zwei Millionen Jahren offenbar im Blut. Eine Arbeitsgruppe von Paläontologen und Archäologen aus Australien und den USA hat die derzeit verfügbaren Skelettfunde des Homo floresiensis, der meist als Hobbit bezeichnet wird, umfassend bewertet und die zwergenhaften Menschenart von der indonesischen Insel Flores als eine Schwesterspezies des Homo habilis eingestuft. Dieser ist die älteste Menschenart, die bislang identifiziert wurde und lebte vor rund zwei Millionen Jahren in Ostafrika.

Bislang galt der Hobbit als verzwergter Abkömmling einer späteren Menschenart, des Homo erectus, der mit einem Alter von 1,5 bis 0,9 Millionen Jahren auch auf Java nachgewiesen wurde. "All unsere Tests sagen aber, dass diese Theorie nicht haltbar ist", betont Hauptautorin Debbie Argue von der Fakultät für Archäologie und Anthropologie der Australischen Nationaluniversität in Canberra. Stattdessen hat der Hobbit die meisten Gemeinsamkeiten mit eben dem Homo habilis, dessen älteste Vertreter rund 200.000 Jahre vor dem ersten Auftauchen des Homo erectus in Afrika lebten. Von ihnen war bislang nicht bekannt, dass sie sich über die Grenzen des schwarzen Kontinents hinaus ausgebreitet hätten, doch setzt die Neugruppierung des frühen menschlichen Stammbaums durch die australisch-amerikanische Forschergruppe genau solch eine Migration voraus. "Entweder entwickelte sich der Homo floresiensis in Afrika und ging dann auf Wanderschaft", so Argue, "oder sein gemeinsamer Vorfahre mit dem Homo habilis verließ Afrika und entwickelte sich dann irgendwo in den Hobbit."

Die Größenunterschiede zwischen dem Hobbit und dem modernen Menschen sind beachtlich.
Bild: Science/Peter Brown
Rekonstruktion des homo floresiensis.
Bild: Nature/Kinez/Riza

Die Forscher um Debbie Argue werteten insgesamt 133 Merkmale von Schädel, Kiefer, Zähnen, Gliedmaßen und Schultern aus und verglichen den Hobbit mit fünf bekannten Menschenarten, drei Arten der Vormenschengattung Australopithecus und den drei großen noch heute lebenden Menschenaffen Schimpanse, Gorilla und Orang-Utan. In ihren Daten fanden die Forscher keinerlei Hinweis auf eine enge Verwandtschaft zwischen Hobbit und Homo erectus. Insbesondere der Kiefer des Flores-Zwerges ließe sich nicht mit einer Abstammung von Homo erectus vereinbaren, weil er wesentlich primitiver sei. "Es ist schwer verständlich, warum sich der fortgeschrittene Kiefer des Homo erectus wieder zurückentwickeln sollte", so Argue.

Immerhin würde die Neueinstufung des Hobbits, die Argue und ihre Kollegen vorschlagen, das große Rätsel lösen, warum der Flores-Zwerg gegenüber seiner vermeintlichen Ursprungsform so geschrumpft war: Der Homo erectus war in allen seinen bekannten Erscheinungsformen von Südafrika bis Peking zwischen 1,45 und 1,80 Meter groß, was in etwa der Spanne des heutigen modernen Menschen entspricht. Er hatte auch ein etwa vergleichbares Gehirnvolumen. Beim Homo floresiensis schrumpfte die Körpergröße auf unter einen Meter und das Hirnvolumen sank auf rund ein Viertel. Das Argument der Inselverzwergung hatte daher bislang zum Schwächsten in der gesamten Hobbit-Diskussion gezählt.

Interessant wird es jetzt, wenn es gilt Belege für die von Argue und ihren Kollegen postulierte erste Migration einer Homo-Art vor rund zwei Millionen Jahren zu finden. Archäologen suchen derzeit bereits auf Flores und der benachbarten Insel Sulawesi nach weiteren Fundstellen für Fossilien des Hobbit oder seiner Verwandten und sie haben auch schon Artefakte gefunden, die beinahe 200.000 Jahre alt sind. Bislang werden diese allerdings der von Java her bekannten Spielart des Homo erectus zugeschrieben.