02. Nov. 2017

Der neuentdeckte Hohlraum im Inneren der Cheopspyramide liegt oberhalb der Großen Galerie. Ob er geneigt ist, wie auf dieser Darstellung, muss noch geklärt werden.

Die Cheops-Pyramide ist das letzte der sieben Weltwunder, das die Zeiten überstanden hat. Noch heute, 4600 Jahre nach ihrem Bau, gibt die Pyramide der Welt vor allem Rätsel auf. Mit hochmodernen bildgebenden Verfahren haben Ingenieure jetzt den oberen Teil der Pyramide durchleuchtet und dabei einen bislang unbekannten Hohlraum von gewaltigen Ausmaßen entdeckt. In der aktuellen "Nature" stellen sie den Fund vor.

In der Cheops-Pyramide im ägyptischen Gizeh haben Wissenschaftler einen gewaltigen Hohlraum entdeckt. "In seinen Dimensionen ist er vergleichbar mit der "Großen Galerie"", erklärte Mehdi Tayoubi, Vizepräsident für Strategie und Innovation beim französischen Softwarehersteller Dassault Systèmes, auf einer Pressekonferenz des Wissenschaftsmagazins "Nature" in London.

Die "Große Galerie" ist einer der im 19. Jahrhundert entdeckten und vermessenen Innenräume der größten ägyptischen Pyramide. Sie ist rund 47 Meter lang und mehr als acht Meter hoch und führt steil aufwärts zur sogenannten Königskammer im Inneren der Pyramide. Der neu entdeckte Hohlraum befindet sich oberhalb dieser Galerie, "doch wir wissen noch nicht exakt", so Professor Hany Helal, "wie die Neigung, die Länge und die Höhe ist". Auch nicht klar ist, ob es sich um einen großen oder mehrere kleinere Hohlräume handelt.

Die Unsicherheit rührt von der Untersuchungsmethode her. Der Hohlraum wurde mit Hilfe der Myonen-Tomographie entdeckt. Myonen sind Elementarteilchen, die in ihren Eigenschaften den Elektronen sehr ähnlich sind. Sie haben allerdings eine 200 Mal größere Masse und entstehen in den obersten Schichten der Erdatmosphäre, wo deren Moleküle von energiereicher kosmischer Strahlung bombardiert werden.

Die Große Galerie in der Cheops-Pyramide von Gizeh.
Bild: Nature/ScanPyramids Mission
Myonen-Filmdetektoren wurden auch in einem Tunnel an der Basis der Cheops-Pyramide eingesetzt.
Bild: Nature/ScanPyramids Mission
Der Myonen-Szintillograph des japanischen Forschungszentrums KEK in der Kammer der Königinnen.
Bild: Nature/ScanPyramids Mission
Das Myonen-Teleskop der französischen CEA wird außerhalb der Pyramide eingesetzt.
Bild: Nature/ScanPyramids Mission
Die drei Pyramiden von Gizeh: Cheops (vorn), Chephren (Mitte) und Mykerinos (hinten).
Bild: Nature/ScanPyramids Mission
Mit Augmented Reality (AR) visualisierte das Scan-Pyramid-Team die Daten der Myonentomographie.
Bild: Nature/ScanPyramids Mission

Der so entstehende Myonenregen prasselt gleichmäßig auf die Erde herab, deshalb können ihn Geowissenschaftler nutzen, um große Objekte zu durchleuchten. Die Elementarteilchen durchdringen zwar Materie, doch je nach Dichte des Materials werden sie mehr oder weniger stark abgebremst und umgelenkt. Um den Myonen-Fluss zu messen, müssen die Detektoren allerdings unterhalb des Objektes angebracht werden.

Eine der weltweit führenden Myonentomographie-Gruppen von der japanischen Universität Nagoya hat in der Königinnen-Kammer, die im unteren Bereich der Pyramide liegt, ihre Myonen-Filmdetektoren installiert und darauf den Hohlraum über der Großen Galerie gefunden. Zwei weitere Verfahren vom japanischen Hochenergieforschungslabor KEK und vom französischen Atomforschungszentrum CEA bestätigten den Fund mit unabhängigen Messungen.

Welchen Zweck dieser neue Hohlraum in der Pyramide erfüllt, konnten die von "Nature" versammelten Ingenieure nicht sagen. "Er ist von keiner Theorie, die mir bekannt ist, vorhergesagt worden", berichtete Tayoubi, "wir brauchen jetzt die Hilfe von Ägyptologen und Architekten, um den Fund zu erklären." Die Myonentomographie wurde im Rahmen des Scan-Pyramid-Projektes eingesetzt, das Tayoubi und Helal, ein ehemaliger Wissenschaftsminister Ägyptens, gemeinsam vor rund vier Jahren ins Leben gerufen haben und leiten.

"Unser Ziel war es, die Pyramiden des Alten Reiches besser zu verstehen und dafür nichtinvasive und nichtzerstörende Methoden einzusetzen", so Tayoubi in London. Als erste Technologie wurden dafür Infrarotscanner eingesetzt, die die vier Seiten der heute 138 Meter hohen Pyramide untersuchten und dabei zahlreiche Hohlräume direkt hinter der Fassade fanden. Auch deren Zweck und genauer Aufbau ist noch unbekannt, ebenso ob sie in irgendeinem Kontakt zu dem seit Jahrzehnten bekannten Kammer- und Schachtsystem im Inneren der Cheops-Pyramide stehen. In der nächsten Zeit will das Scan-Pyramid-Projekt weitere Ergebnisse veröffentlichen, die allerdings erst noch mehrfach überprüft werden müssen. In einem weiteren Schritt wollen die Ingenieure ihr Projekt jetzt auch für Ägyptologen, Archäologen und Architekten öffnen, damit diese sich Gedanken über den Sinn der gefundenen Hohlräume machen können.

Denn darüber wollen Tayoubi und Helal ausdrücklich nicht spekulieren. "Wir sind Ingenieure", so Tayoubi, "wir haben dieses Projekt konzipiert, um vollkommen unbeeindruckt von Hypothesen und Theorien unsere neuen bildgebenden Technologien einzusetzen und Daten zu gewinnen." Hany Helal kündigte auf der Pressekonferenz eine groß angelegte Tagung in Kairo an, auf der die Technikexperten ihre Daten den Fachleuten anderer relevanter Disziplinen vorlegen wollen.