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Welle von Norden

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.05.2011 15:00

Europa ist ein von Naturkatastrophen vergleichsweise wenig behelligter Erdteil, doch ganz ohne Risiko lebt auch die Alte Welt nicht. Deutsche und britische Forscher haben jetzt in einer Simulation untersucht, welche Flutwelle die nordeuropäischen Küsten treffen würde, wenn sich vor Spitzbergen ein großer Erdrutsch löste. Vor rund 8000 Jahren hat es bereits ein derartiges Ereignis gegeben, als sich vor Mittelnorwegen ein ganzer untermeerischer Abhang in Bewegung setzte. Ähnliche Bedingungen wie damals nach dem Ende der Eiszeit werden für die kommenden Jahrzehnte im arktischen Spitzbergen erwartet. Gut möglich also, dass auch dort der Kontinentalhang mobilisiert wird.

Tundren-LandschaftVor rund 8000 Jahren löste sich vor Mittelnorwegen in der Höhe des heutigen Trondheim ein gigantischer Erdrutsch und rauschte mit ungeheurer Geschwindigkeit in die Tiefsee. Erst nach 800 Kilometern, also halben Wegs nach Grönland, kamen die Erdmassen zum Stillstand. Für Europa hatte der Erdrutsch gravierende Folgen: Ein gewaltiger Tsunami überflutete die Küsten Nordeuropas, mit Wellen von 15 Metern Höhe auf den Shetland Inseln und in Schottland und mindestens fünf Metern in den norwegischen Fjorden. Auch die Südküste der Nordsee, die sich heute Dänemark, Deutschland, die Niederlande und Belgien teilen, dürfte betroffen gewesen sein.

Heutzutage wären die Folgen einer solchen Flutwelle katastrophal, weil in den Küstengebieten inzwischen Millionen Menschen leben. Zwar hat es in den 8000 Jahren seit dem Storegga-Erdrutsch in Europa keine derartige Flutwelle mehr gegeben, doch ein gewisses Risiko besteht. Der Erdrutsch stand im Zusammenhang mit dem Rückzug der skandinavischen Gletscher am Ende der jüngsten Eiszeit. Damals stieg das von der Gletscherlast befreite skandinavische Festland ziemlich schnell hoch - und diese Aufwärtsbewegung war von heftigen Erdbeben begleitet. Gleichzeitig wurden die im Meeresboden vor der Küste gespeicherten Gashydrate durch die steigenden Wassertemperaturen instabil. "Nach allem was wir bis jetzt wissen, ist diese Rutschung wahrscheinlich durch ein Erdbeben ausgelöst worden", erklärt Christian Berndt, Professor für marine Geophysik am IFM-Geomar in Kiel, "aber Gashydrate haben sie beeinflusst."

GashydrateGashydrate in größeren Mengen gibt es außer am norwegischen Kontinentalschelf auch noch vor der Westküste Spitzbergens. Dort hat sich ein großes Sedimentpaket auf dem Vestnesa-Rücken angesammelt. Das ist ein rund 100 Kilometer langer untermeerischer Höhenzug, der sich 60 Kilometer vor Spitzbergen parallel zur Westküste der Insel hinzieht. Zum offenen Meer hin fällt der Vestnesa-Rücken steil in die Molloy-Tiefe ab, dem mit maximal 5607 Metern tiefsten Teil der Grönlandsee.

In dem dortigen Sedimentpaket hat sich auch viel temperaturempfindliches Gashydrat gebildet. "In diesem Gebiet ist die Temperatur in den letzten 36 Jahren um etwa 1 Grad angestiegen", berichtet Berndt. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden die Bodenwassertemperaturen voraussichtlich weiter ansteigen, die Gashydrate in den höheren Regionen des Sedimentpakets werden dadurch instabil und lösen sich auf. Am Meeresboden zeigen sich bereits Anzeichen dafür, dass sich die Gashydrate in den höher gelegenen Regionen auflösen, und die Geophysiker registrieren auch erhöhte Erdbebentätigkeit. "Seit etwa zehn Jahren kennt man eine neue Klasse von Erdbeben", so Berndt, "die mit dem Abschmelzen des grönländischen Eisschildes zusammenhängt." Die Parallelen zu den Ursachen des Storegga-Erdrutsches sind beunruhigend deutlich, deshalb haben Berndt und seine Kollegen vom Geoforschungszentrum Potsdam und der Royal Holloway Universität in London eine einfache Simulation eines entsprechenden Hangrutsches vor Spitzbergen durchgeführt.

"Wir haben angenommen, dass es eine ähnliche Rutschung geben wird, wie bei Storegga und haben das herunterskaliert auf etwa ein Drittel der Masse", erklärt Berndt. Die Verkleinerung geschah deshalb, weil sich vor Spitzbergen einfach nicht so viel Sedimentmaterial abgelagert hat wie vor Mittelnorwegen, ansonsten haben die Forscher die von Storegga her bekannten Beschleunigungen und Maximalgeschwindigkeiten genommen. Selbst so zeigte die Simulation, dass sich auf dem Nordatlantik eine beeindruckende Welle aufbaute. "Die Größe des Tsunamis hängt sehr stark von der Richtung ab, in die dieser Erdrutsch abgeht", so Christian Berndt, "aber sie beträgt zwischen einem und sechs Metern."

Die Höhenangabe mag beruhigend niedrig klingen, doch das wäre ein Trugschluss. Der Wert bezieht sich nämlich auf die Welle auf offener See. Wenn der Tsunami an Land geht, kann die Welle aufgrund der lokalen Topographie wesentlich höher, allerdings auch niedriger ausfallen. Der jüngste Tsunami vor der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu produzierte zum Beispiel eine Wellenhöhe von sechs Metern auf offener See und 38 Metern in der Stadt Miyako, die an einer fjordähnlichen Bucht in der nördlichen Präfektur Iwate liegt.

Welche Welle ein Erdrutsch vor Spitzbergen an Nordeuropas Küsten senden würde, haben die Forscher nicht berechnet, denn dafür hätten sie für jeden einzelnen Ort eine eigene Simulation mit der jeweiligen Topographie durchführen müssen. Allerdings werden sie die Gashydrate vor Spitzbergen im Blick behalten. Schon in diesem Sommer wird ein Forschungsschiff die Zone besuchen, in der sich die Hydrate offenbar auflösen, und sie seismisch genauer untersuchen. Darüber hinaus haben Berndt und Kollegen Mittel für eine Fahrt beantragt, auf der Sedimentkerne aus dem Vestnesa-Rücken gezogen werden, um die Verhältnisse genauer zu klären.

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