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Weltumspannende Müllkippe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.06.2009 14:09

70 Prozent der Erdoberfläche ist von Wasser bedeckt, aber so recht zuständig fühlt sich niemand dafür, denn spätestens nach 200 Seemeilen endet jede staatliche Autorität. Eine UN-Konferenz im indonesischen Manado sollte jetzt die gemeinsame Verantwortung der Menschheit für die Ozeane betonen. Die Verschmutzung der Ozeane zeigt, dass abgestimmtes Handeln notwendig ist. Dass die Belastung der Weltmeere durch manche Stoffe, etwa Schwermetalle, nicht mehr wächst, bei manchen, etwa Erdöl, sogar abnimmt, zeigt, dass koordiniertes Handeln Erfolg haben kann.

Quietsche-EntchenDer 10. Januar 1992 war ein verhängnisvoller Tag für 28.800 gelbe Quietsche-Entchen und ihre in allen Farben des Regenbogens gefärbten Kollegen. Sie waren in einem Container unterwegs von Hongkong nach Takoma bei Seattle, wo ein großer Teil der US-Importe aus Fernost ankommt. Mitten im Nordpazifik geriet der Frachter in ein Unwetter und der Container mit den Quietsche-Entchen, den Schildkröten, Fröschen und Bibern rutschte von Bord. Bevor die Stahlkiste unterging, öffnete sich die Tür und die gesamte „Besatzung“ von Plastiktieren kam frei.

Kaum ein halbes Jahr später gingen die ersten an Land: bei Sitka, an Alaskas felsiger Küste, 3500 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Die anderen schwammen weiter und gelangten in die Ringströmung im Pazifik. Ein paar stiegen in Hawaii aus, andere an den Stränden Australiens, Indonesiens oder Kolumbiens. Staunend verfolgen Ozeanographen und Weltöffentlichkeit seitdem die Odyssee der Plantschtier-Armada, denn die Tierchen sind unzerstörbar. Auch nach 17 Jahren treiben sie höchstens etwas ausgebleicht durch die Weltmeere, wurden schon am Äquator, im Eismeer und in Europa gesichtet.

Plastiktüte im RiffDie Quietsche-Entchen sind das niedliche Gesicht eines ernsten Problems. Seit der Mensch Kunststoffe erfunden hat, verteilt er sie auch in seiner Umwelt. Und weil diese Kunststoffe zum größten Teil nicht abgebaut werden können, reichern sie sich immer weiter an. Das gilt gerade für die Weltmeere, wo der Müll durch die Meeresströmungen rund um den Globus getragen wird. „Es geht um gewaltige Mengen, die sowohl von Land kommen, als auch von Schiffen. Der Plastikmüll nimmt nicht nur Tag für Tag zu, vielmehr ist auch alles, was in den vergangenen 50 Jahren in den Ozeanen gelandet ist, immer noch da“, erklärt Kristina Gjerde, Referentin für Hochseefragen bei der internationalen Naturschutzorganisation IUCN. Jahr für Jahr werfen Schiffsbesatzungen allein fünf Millionen Tonnen Plastikmüll über Bord, trotz eines internationalen Verbots. So haben beispielsweise deutsche Meeresforscher am Tiefseeboden vor Spitzbergen eine Chips-Tüte aus Taiwan gefunden. Hinzu kommt, was die Flüsse mit sich schleppen und was Wind und Wellen von den Stränden und offenen Mülldeponien ins Meer wehen. Nach einer Studie des UN-Umweltprogramms Unep schwimmen auf jedem Quadratkilometer Weltmeer im Durchschnitt 18.000 Plastikteile.

Albatross-AutopsieDer Plastikmüll verteilt sich allerdings nicht gleichmäßig, vielmehr gibt es auf hoher See eine Reihe von Brennpunkten, in denen die Ozeanströmungen den Müll geradezu zusammenspülen, etwa im Großen Nordpazifischen Müllstrudel. Dort sollen pro Quadratkilometer, so schätzen die Experten, fast 3,5 Millionen Plastikteile, die größer als ein DIN-A5-Blatt sind, im Wasser treiben. Im Wasser wie am Strand ist das Plastik aber nicht nur ein ästhetisches Problem. Für viele Tiere bedeuten die unverdaulichen Teile einen qualvollen Tod. Für die Schildkröte, die eine Plastiktüte mit einer Qualle verwechselt, ebenso wie für das Albatros-Küken, das mit Einwegfeuerzeugen gefüttert wurde. 80 Prozent des in den Niederlanden angespülten Kunststoffmülls zeigen Schnabelspuren, Vögel haben versucht, ihn zu fressen.

MageninhaltAber das ist nur eine Seite des Problems. Denn so unzerstörbar Kunststoff ist, es verhindert nicht, dass größere Teile durch die Brandung zu Staub zerrieben werden. „Wenn Plastik erst einmal puderfein zermahlen ist, wird die Oberfläche der Körnchen insgesamt ungeheuer groß. So groß, dass Meerwasser oder Magensäure die Additive wie Flammschutzmittel, Weichmacher oder antimikrobielle Substanzen, die bei der Produktion zugefügt worden sind, freisetzen können“, erklärt Richard Thompson von der Universität Plymouth. Gleichzeitig setzt sich auf den winzigen Plastikteilchen viel von dem fest, was im Meerwasser übel und giftig ist: das im Westen verbotene, im Rest der Welt gleichwohl immer noch eingesetzte Insektizid DDT etwa, Dioxine und PCB. An den Oberflächen der Plastikkörnchen ist ihre Konzentration Tausend Mal höher als im Wasser. Die Körnchen aber werden von Muscheln, Quallen oder Würmern begierig geschluckt, denn sie wirken wie Plankton. Damit hat das Plastik den Einstieg in die Nahrungskette geschafft, und hier geht es ihm wie jedem anderen Schadstoff auch: Er reichert sich mit jeder Stufe der Nahrungspyramide weiter an.

In den Küstengewässern kommen noch die flüssigen Belastungen durch den Menschen hinzu. Das sind vor allem die altbekannten Düngemittel. Judith Weis, Biologin an der Rutgers-Universität in New Jersey, berichtete auf der UN-Konferenz in Indonesien über die Umweltprobleme im Meer: „Für mich ist die Überdüngung eines der gravierendsten. Durch die Intensivlandwirtschaft gelangen überreichlich Nährstoffe ins Meer, die die Algen blühen lassen. Sterben sie ab, sinken sie zu Boden und verbrauchen bei ihrer Zersetzung den Sauerstoff. Inzwischen gibt es immer mehr und immer größere sauerstofflose Zonen, in denen nichts lebt. Der Mississippi schleppt aus halb Nordamerika so viel Dünger in den Golf von Mexiko, dass Jahr für Jahr Todeszonen entstehen, die Tausende von Quadratkilometern groß werden. Und so etwas passiert rund um die Welt.“

Hinzu treten immer mehr Medikamente. Sie werden in Klärwerken nicht mehr herausgefiltert und gelangen in Flüsse und Meere. Judith Weis: „Das Problem ist in den Küstengewässern Europas und Nordamerikas am größten, also dort, wo es entsteht. Medikamente sind so entwickelt worden, dass sie bereits in geringsten Konzentrationen wirksam werden und deshalb richten sie in den Küstengewässern großen Schaden an - aber genau von dort bekommen wir unsere Muscheln und Krebse, und genau dort leben die meisten Meerestiere.“ Fische, die durch die Anti-Baby-Pille beiderlei Geschlecht haben, sind nur die Spitze des Eisbergs. Selbst Beruhigungsmittel oder Antidepressiva wie Prozac sind in Fischen nachgewiesen worden. Der ökologische Schaden wird gerade erst erforscht.

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