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Wende in der Kunstgeschichte

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.10.2014 10:41

Europa gilt unter Urgeschichtlern gemeinhin als Ursprung der menschlichen Kreativität, denn hier wurden die frühesten Höhlenmalereien und Schnitzereien gefunden. Möglicherweise ist das allerdings eine Verzerrung in der Überlieferung. In "Nature" hat ein australisch-indonesisches Archäologenteam eine korrigierte Alterseinschätzung für Höhlenmalereien auf der indonesischen Insel Sulawesi vorgelegt. Danach liegen die in Karsthöhlen gefundenen Zeichnungen in etwa gleich auf mit den europäischen Werken.

Detail einer Handabbildung aus dem Pleistozän in einer Karsthöhle bei Maros, Südsulawesi. (Bild: Nature/Kinez Riza)Einer krassen Fehleinschätzung sitzen Archäologen möglicherweise seit rund 60 Jahren auf. Die Malereien in Karsthöhlen auf der indonesischen Insel Sulawesi wurden seit den 50er Jahren auf ein Alter von höchstens 10.000 Jahren geschätzt und rangierten damit auf wenig prominenten Plätzen in der Kunstgeschichte der Steinzeit. Die beginnt derzeit mit einer Ockerscheibe in der spanischen Höhle von El Castillo, die auf rund 40.000 Jahre datiert wird. Die Altersangabe für die in Südsulawesi an rund 90 Stellen gefundenen Handabbildungen und Tierzeichnungen scheint jedoch um Jahrtausende zu jung zu sein, die Kunstszene der indonesischen Insel wurde entsprechend sträflich unterschätzt. Die radiometrische Datierung von insgesamt 14 Proben aus den Höhlen von Maros in der Nähe der Millionenstadt Makassar in Südwest-Sulawesi ergab nämlich, dass manche diese Malereien auf ein ähnlich hohes Alter kommen wie die Ockerscheibe in El Castillo oder die berühmten Tierfiguren in der französischen Grotte de Chauvet.

Handabbildungen an der Wand einer Karsthöhle in Südsulawesi. (Bild: Nature/Kinez Riza)Insgesamt stammten die untersuchten Felsbilder auf Sulawesi aus einem Zeitraum von 22.000 Jahren, die älteste Handabbildung wurde auf 39.900 Jahre datiert, die älteste Tierdarstellung - ein Wesen unbekannter Art - auf 35.700 Jahre. Die vergleichbaren europäischen Daten lauten: 40.400 für die Ockerscheibe in der spanischen Höhle El Castillo und rund 35.000 Jahre für die Tierdarstellungen in Chauvet. Allerdings wurde nur der Fund von El Castillo mit der Blei-Thorium-Methode datiert wie die Malereien aus Sulawesi. Bei den Darstellungen in Chauvet wurde die Radiokarbonmethode auf Holzkohlereste angewandt, die bei derart alten Proben nicht unbedingt zuverlässig ist.

"Europa wurde oft als Zentrum der frühesten menschlichen Kreativität angesehen, aber unsere Funde zeigen, dass zur gleichen Zeit am anderen Ende der Welt, Menschen gleichermaßen bemerkenswerte Kunst hervorbrachten ", betont der Archäologe Maxime Aubert. Der Frankokanadier arbeitet derzeit als Stipendiat des Australischen Forschungsrates an der Griffith Universität in Queensland und untersucht Höhlen- und Felsmalereien an etlichen Orten auf den indonesischen Inseln und in Australien selbst. In den Karsthöhlen von Maros auf Sulawesi sind vor allem Handzeichnungen, aber auch Darstellungen von Säugetieren zu finden, die auf der Insel heimisch sind. Für die Handzeichnungen haben die Menschen des Pleistozäns rötlichen Ocker über die auf die Höhlenwand gepresste Hand geblasen oder gesprüht, die Tierdarstellungen bestehen aus vorgezeichneten Umrissen, die dann ebenfalls mit rötlichem Ocker ausgemalt wurden.

Hirscheber-Zeichnung aus Südsulawesi. Gut erkennbar: die Kalksinterflecken auf der Höhlenmalerei. (Bild. Nature/Kinez Riza)Das australisch-indonesische Team schnitt für die Datierung winzige Würfel aus Randbereichen der 14 Wandmalereien, die von Kalksinter überzogen waren. Die Würfel reichten von den Kalkablagerungen durch die Ockerschicht der Zeichnungen hindurch in den Felsuntergrund. Die Kalkschicht war zurückgeblieben, als Grundwasser durch die Felswände sickerte und an der Oberfläche verdunstete. Im Kalk eingelagert waren die Uran- und Thoriumatome, die die Wissenschaftler für ihre Datierung nutzten. Das lösliche Uran gelangt mit dem Wasser an die Felsoberfläche in der Höhle und wird dort mit dem Kalk abgelagert. Dann beginnt die Uhr zu ticken, denn das radioaktive Schwermetall zerfällt und wandelt sich im Lauf der Zeit in Thorium um. Thorium seinerseits ist nicht wasserlöslich, gelangt also nicht mit dem kalkhaltigen Wasser von außen in die Höhle, sondern entsteht nur durch den radioaktiven Zerfall des Urans. Mit Hilfe dieser Zerfallsreihe können Proben mit einem Alter von bis zu 500.000 Jahren datiert werden.

Durch die Neudatierung der indonesischen Funde kommt die Hypothese von der europäischen Wiege der Steinzeitkunst gehörig unter Druck, denn bei gleicher Motivik und Entstehungszeit liegt doch eine halbe Welt zwischen den Höhlen in Chauvet und in Maros. "Wir vermuten daher, dass Höhlenmalerei und vergleichbare künstlerische Ausdrucksweisen zu den kulturellen Traditionen gehörten, die die modernen Menschen schon auf ihrem Auszug aus Afrika mitbrachten", erklärt Adam Brumm, neben Maxime Aubert zweiter Leiter der Arbeitsgruppe und ebenfalls an der Griffith Universität tätig. Die Kunst hätte damit einen wesentlich früheren Ursprung, wäre in Europa eben nur wegen der intensiven Ausgrabungen zuerst entdeckt worden. "Vorausgesetzt die Datierung ist korrekt, wäre das eine gute Nachricht", kommentiert der Tübinger Archäologe Nicholas Conard, der sich mit Skulpturenfunden auf der Schwäbischen Alb einen Namen gemacht hat, in der "New York Times". "Das einzig Überraschende ist nur, dass es so schwierig ist, die Eiszeitkunst außerhalb Europas zu finden." Da viele Höhlenmalereien bislang nicht datiert sind, mag sich das jetzt ändern. Möglicherweise hat man das Alter der Kunst nicht nur auf Sulawesi krass falsch eingeschätzt.