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Weniger exklusiv als gedacht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 19:29

Eines der Merkmale, die laut Paläoanthropologen-Ansicht den Menschen vom Rest der Welt unterscheiden, ist der aufrechte Gang. Kerzengerade und dauerhaft auf zwei Beinen geht außer dem Menschen keiner seiner nächsten Verwandten, und andere Zweibeiner, wie etwa manche Dinosaurier oder die Vögel, haben ohnehin den "falschen" Gang. Bei einigen Fossilien aus der weiteren Verwandtschaft des Menschen ist die Fähigkeit aufrecht zu gehen sogar das einzige, was sie in der menschlichen Sippe hält. Viel mehr als Beinknochen, die das nahelegen, ist von ihnen nämlich nicht erhalten. Einer neuen Studie zufolge, die in der aktuellen "Science" erscheint, wurde der aufrechte Gang jedoch erfunden, als Menschen und Menschenaffen noch eine Entwicklungslinie bildeten. Als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier taugt er daher nicht mehr.

"Wir haben beobachtet, dass Orang-Utans sich für den zweibeinigen Gang entscheiden, wenn sie sich auf den dünnen Zweigen am Rand der Baumkronen bewegen, um an die Früchte zu kommen", berichtet Robin Crompton, Professor für humane Anatomie an der Universität Liverpool. Crompton und seine Kollegen von der Universität Birmingham verfolgten jahrelang wildlebende Orang-Utans im Gunung Leuser Nationalpark auf Sumatra. Wenn die rothaarigen Menschenaffen eine besonders verlockende Frucht sahen, die dummerweise an einem dünnen Ast weit draußen in der Baumkrone hing, balancierten sie auf den Hinterbeinen über stärkere Äste in ihre Richtung, hielten sich mit einer Hand an anderen Zweigen fest und angelten mit der freien Hand nach dem Obst.

Orang-Utans können auch zweibeinig laufen, wenn es Sinn macht. Foto: Sarah Thorpe/Science

"Orang-Utans sind die Menschenaffen, die am längsten in deren traditioneller Nische der Obst fressenden Baumbewohner verharrt haben", so Crompton. Sie sind auch die Menschenaffen, die genetisch am weitesten von uns Menschen entfernt sind. Ihre Entwicklung hat sich vor rund acht Millionen Jahren von unserer getrennt. Wenn auch Orang-Utans aufrecht gehen können, ist der aufrechte Gang möglicherweise eine sehr alte Erfindung und auf keinen Fall eine exklusive Errungenschaft der engeren menschlichen Sippe. "Wenn das stimmt, müssen wir einige alte Funde neu bewerten, die unserer Entwicklungslinie zugeschrieben werden", meint Paul O'Higgins, Professor für funktionale Morphologie und Evolution an der Universität York. Er hat die Arbeit seiner Kollegen für "Science" bewertet.

Bisher galt die Vorstellung, dass die gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen auf den Bäumen des tropischen Regenwaldes hockten, Früchte fraßen und nicht auf zwei Beinen gehen konnten. Eine Klimaänderung, die vor zwölf Millionen Jahren einsetzte, dünnte den Regenwald immer weiter aus, so dass manche der Affen von den Bäumen stiegen und zunächst den Knöchelgang entwickelten, den Gorillas und Schimpansen heute noch benutzen. Diese stützen sich auf den Knöcheln ihrer Hände auf, wenn sie auf allen vieren über den Waldboden rennen und sind damit wesentlich schneller als der am Boden unbeholfene Orang-Utan. Gleichzeitig können sie aber wegen ihrer langen Arme relativ gut klettern, wenn auch nicht so gut wie ihr rothaariger Verwandter aus Sumatra. Ihre Vorfahren konnten so mit den immer größer werdenden Lücken im Regenwald besser klarkommen als die Vorfahren des Orang-Utans, die sich mit dem Regenwald in immer kleinere Gebiete zurückziehen mussten. Aus dem Knöchelgang hat dann, so die gängige Vorstellung, der Vormensch langsam den aufrechten Gang entwickelt und sich so die Savanne als Lebensraum erschlossen, die sich zu dieser Zeit immer weiter ausdehnte. Mit dem aufrechten Gang konnte der Vormensch über das Gras der Savanne sehen und zum Beispiel Feinde früh genug bemerken.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse von Robin Crompton und seinen Kollegen könnte sich diese Entwicklung jetzt etwas anders abgespielt haben: Offenbar konnten die Vorfahren von Menschen und Menschenaffen schon aufrecht gehen, bevor sie überhaupt daran dachten, den Erdboden aufzusuchen. Sie brauchten den zweibeinigen Gang einfach, um an die begehrten Früchte heranzukommen und von einem Baum zum anderen wechseln zu können, ohne den Umweg über den Waldboden zu machen. Als sich vor rund 12 Millionen Jahren das Klima kühler wurde und die Savanne vorrückte, stiegen manche der damaligen Menschenaffen von den Bäumen herunter, entwickelten den aufrechten Gang weiter und erschlossen sich so die Savanne als Lebensraum. Aus ihnen entwickelten sich später die Menschen. Manche blieben auf den Bäumen und pflegten dort bei Bedarf weiterhin den aufrechten Gang, aus ihnen entwickelten sich Orang-Utans. Und dritte wiederum entwickelten aus dem aufrechten Gang den Knöchelgang, weil sie sich nicht völlig von den Bäumen lösen wollten, sondern nur größere Strecken auf der Erde zurücklegen wollten. Aus ihnen entwickelten sich schließlich Gorillas und Schimpansen.

Ungemach droht dem zweitältesten Vormenschen Orrorin

Für die Paläoanthropologen bedeutet das vor allem, dass das Bild, das sie von der Entwicklung der Menschen und Menschenaffen entworfen haben wieder ein Stück verschwommener wird, und das ausgerechnet dort, wo es ohnehin über eine grobe Skizze nicht hinauskommt: die frühe Entstehungsphase, in der sich die verschiedenen Gattungen voneinander trennen. Ins Kreuzfeuer geraten wird vor allem Orrorin tugenensis, zurzeit mit rund sechs Millionen Jahren zweitältestes Mitglied im Menschenclub. "Er könnte unser Vorfahr sein", so Crompton, "er könnte aber auch ein Vorfahr zum Beispiel der Schimpansen sein, oder von Schimpansen und Menschen gleichermaßen."

Orrorin wurde erst vor sieben Jahren in den Tugenbergen im westlichen Kenia entdeckt und ist etwa so alt, wie die evolutionäre Aufspaltung zwischen den Entwicklungslinien der Menschen und der Schimpansen. Bislang sind nur wenige Fragmente von Armen und Beinen, ein paar Zähne und ein Stück des Unterkiefers bekannt. Die Beinfragmente zeigen deutlich, dass Orrorin aufrecht ging, deshalb wurde er schnell als Vormensch eingestuft. "Zweibeinigkeit wird künftig als Erkennungsmerkmal für Vormenschen nicht mehr genügen", meint Crompton, "erst wenn wir Anzeichen für den typischen aufrechten Gang eines Bodenbewohners finden, können wir das behaupten."