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Wenn die Welt stirbt - Massenaussterben als Chance für den Neuanfang

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.09.2007 20:01

Was haben Trilobiten und Dinosaurier gemeinsam? Sie fanden bei einem Massenaussterben ihr Ende. Nicht bei ein- und demselben, da lagen schon 185 Millionen Jahre dazwischen, aber weder die einen, noch die anderen konnten den großen Katastrophen entkommen, die über die Erde hereinbrachen. Massenaussterben sind globale Desaster. Mehr als die Hälfte aller bekannten Tier- und Pflanzenarten werden dabei ausgelöscht. Fünfmal ist das im Lauf der vergangenen rund 540 Millionen Jahre passiert. Einmal, vor 250 Millionen Jahren, kam es sogar so schlimm, dass die Erde fast wieder in das Stadium der Mikroben zurückgeworfen worden wäre. Über die Ursachen dieser großen Sterbewellen debattieren die Geologen, gigantische Vulkanausbrüche werden da genannt oder Asteroideneinschläge, um nur die beiden bekanntesten Theorien anzuführen. Immer scheint das Klima eine Rolle zu spielen, oder besser: Klimaveränderungen. Angesichts der derzeitigen Klimaveränderung fürchten Wissenschaftler daher, dass der Mensch selbst gerade das sechste Massenaussterben auslöst.

Arten sterben aus. Ihr Tod ist ebenso unvermeidlich wie der eines Individuums. Mehr als 99 Prozent aller Arten, die jemals existiert haben, sind schon seit langem wieder ausgestorben. Das ist ganz normal, beim Aussterben gibt es so eine Art "Hintergrundrauschen". Aber hin und wieder stand in der Erdgeschichte plötzlich alles auf des Messers Schneide, und das Leben schlitterte in tiefe Krisen. Ein Massenaussterben nahm seinen Lauf, bei dem ganz viele Arten auf einmal verschwanden. Das sind Epochen der Brüche und Umwälzungen, in denen das Buch des Lebens neu geschrieben wird. Massenaussterben sind entscheidende Einschnitte in der Entwicklung des Lebens - und das nicht nur im negativen Sinne. Sie können dominierende Organismen auslöschen und die Evolution in eine neue Richtung schicken.

Massive Vulkanausbrüche, unendlich stärker als der des Mount St. Helens, werden für Massenaussterben verantwortlich gemacht. Bild: USGS

Der Grund: Bei einem Massenaussterben verschwinden innerhalb kurzer Zeit viele Arten, und darunter sind durchaus auch die Gruppen, die die Ökosysteme dominieren und verhindern, dass andere hochkommen. So eröffnen sich für die Überlebenden neue Chancen. Allerdings müssen die Unterschiede zwischen Vorher und Nachher nicht immer gravierend sein. Weder das Desaster am Ende des Ordovizium noch die im Devon oder am Ende der Trias brachten eine neue Ära. Es gab neue Entwicklungen, aber keine Revolution. Die Einschnitte waren mehr so etwas wie eine Fleischwunde, die schnell wieder heilt. Erst vor etwa 30, 40 Jahren setzte sich in der Geologie die Idee vom Massenaussterben durch. Schließlich widersprachen die Indizien niemand geringerem als Charles Darwin. Ihm zufolge sollte die Evolution kontinuierlich voranschreiten, als Ergebnis eines Kampfes um knappe Ressourcen. Es war ein steter Wandel, ohne Brüche. Doch Darwin irrte: Die Evolution kennt tiefe Verwerfungen. Dahinter steckt dann nicht der langsam ablaufende Konkurrenzkampf zwischen den Arten. Vielmehr scheint sich bei diesen Massenaussterben die Umwelt so schnell zu verändern, dass sich viele Lebewesen nicht anpassen können und aussterben. Doch was kann solche Umwälzungen auslösen? Wie gewaltig müssen die Verheerungen sein, um das Leben so in die Enge zu treiben? Die ältesten Krise, die wir in den Steinen finden, ereignete sich vor vielleicht 600 Millionen Jahren, als die Mikrobenmatten und Bakterienriffe durch das Auftauchen der grabenden Tiere schwere Einbrüche erlitten, von denen sie sich nie wieder erholten. Weil wir aber zu wenig über die Welt von damals wissen, lassen sich die Folgen nicht abschätzen, und dieser "Zwischenfall" bleibt bei der Zählung der Massenaussterben außen vor.

Das erste "reguläre" Massenaussterben ist rund 440 Millionen Jahren her. Im Ordovizium verschwanden zwischen 60 und 80 Prozent aller uns bekannten Arten aus dem Meer. Das zweite Massenaussterben lief vor 367 Millionen Jahren ab, im Devon. Damals raffte ein Massenaussterben die Meeresbewohner anscheinend in mehreren Attacken dahin. Die bislang schlimmste Katastrophe ereignete sich vor etwa 251 Millionen Jahren am Ende des Perm. Damals starben weit mehr als 90 Prozent aller uns bekannten Arten von Meeresbewohnern, bei den landbewohnenden Arten waren es mehr als 70 Prozent. Die Welt, wie sie bis dahin bestanden hatte, ging unter. Die nächste Krise begann vor rund 210 Millionen Jahren, und sie traf das Leben sowohl im Meer als auch an Land schwer. Damals übernahmen die Saurier die Herrschaft über die Erde - bis vor 65 Millionen Jahren ein weiteres Massenaussterben ihre Welt, die des Erdmittelalters, beendete und der Letzte von ihnen abtreten musste. Sie verschwanden alle, bis auf diejenigen, die sich zu Vögeln weiter entwickelt hatten.

Der einzige Brachiopode, der bis heute überlebte: Lingula, ein lebendes Fossil. Foto: Wikipedia

"Unsere früheren Vorstellungen von diesen Ereignissen gingen vom "Neufüllen" der verlassenen Nischen aus. Es war wie ein Schachbrett, von dem das Massenaussterben einfach Figuren weggewischt hat, und danach wird das das Brett durch das Aufstellen von neuen Figuren gefüllt", erklärt Doug Erwin vom Smithsonian Museum of Natural History in Washington D.C., "aber die Räume auf dem Schachbrett blieben erhalten, sie waren sozusagen das Erbe des alten Ökosystems vor dem Massenaussterben. Das ist falsch, denn dann müssten ja die Nischen das Aussterben überleben, während sie doch in Wirklichkeit mit den Arten verschwinden, die in ihnen gelebt hatten."

Nach einem Massenaussterben sind die Ökosysteme "minimalistisch". Wenn die Katastrophe Fahrt aufnimmt, zerreißen die Nahrungsketten und die Lebensräume verschwinden. Wer trotzdem gerade noch überlebt, hat urplötzlich keine Konkurrenz mehr. Arten, die zuvor bescheiden am Rand existierten, vermehren sich explosionsartig. Die Opportunisten übernehmen das Ruder. Aber diese Lebewesen sind genetisch oft festgefahren. Sie sind perfekt an schlechte Bedingungen angepasst, haben aber nicht das Potential, sich weiterzuentwickeln. Sie bilden das System für den Übergang. Irgendwann normalisieren sich die Verhältnisse wieder, das Leben kehrt wieder zurück. Die Evolution nimmt im Verborgenen Fahrt auf, so Doug Erwin: "Plötzlich erscheinen viele neue Arten, andere tauchen wieder auf, deren verschwunden zu sein scheinen. Sie haben wohl das Aussterben und die Zeit danach versteckt in einer Nische überstanden. Wir nennen sie die Lazarus-Taxa, weil es so aussieht, als ob sie von den Toten auferstehen würden, wenn sie nach Jahrmillionen wieder erscheinen." Das Leben fasst wieder Tritt.

Aber bei einem Aussterben zählt nicht nur die bloße Zahl der Opfer. Vielmehr ist auch wichtig, wer aus dem Spiel verschwindet. Je tiefer die Art in der Nahrungskette steht und je wichtiger sie darin ist, desto verheerender wird ihr Verschwinden. Ein Beispiel: Träfe es heute das Plankton, oder die Krebstierchen namens Krill, wäre das höchst fatal. Die Nahrungskette im Meer risse ganz tief unten, und eine ganze Reihe von Tieren, die darin höher angesiedelt sind, würde verschwinden, nämlich all jene, die direkt oder indirekt vom Krill abhängen. Schießt heute hingegen ein Wilderer das letzte Nashorn, wäre das sehr traurig - aber die Welt ginge davon ebenso wenig unter wie vom Verschwinden des Dodo. Dem gilt die zweifelhafte Ehre, das Symbol für die vom Menschen ausgerotteten Arten zu sein. Aber wenn es die Menschheit schafft, die Nahrungskette an der Basis zu durchtrennen, dann wird es gefährlich.