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Willkommene Entlastung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 21.07.2009 13:20

Chinas Vegetation hat zwischen 1980 und 2000 ungefähr ein Drittel des Kohlendioxids absorbiert, das das Reich der Mitte in der ersten Phase seiner Aufholjagd in die Luft blies. Ein Team aus europäischen und chinesischen Forschern hat jetzt zum ersten Mal mit unterschiedlichen Methoden die Kohlenstoffsenke ausgemessen, die die Pflanzen auf dem chinesischen Boden darstellen. 50 Prozent der Senke geht auf das Konto von Wäldern, weitere 30 Prozent auf das von Buschland, landwirtschaftliche Flächen spielten dagegen eine vernachlässigbare Rolle.

Wald„Der Schwerpunkt der Senke liegt mit 65 Prozent im Süden des Landes“, erklärt Stephen Sitch von der Universität Leeds, eines der europäischen Mitglieder im Wissenschaftler-Team um Shilong Piao von der Universität Peking. Das liegt einerseits an der klimatischen Entwicklung, die Chinas Süden in den vergangenen Jahren mitgemacht hat. Es wurde wärmer und feuchter, so dass die Vegetation besonders gut spross. Das liegt aber auch an den gewaltigen Aufforstungsprogrammen, mit denen China die dramatische Bodenerosion zu bekämpfen suchte. „Bislang hat noch niemand deren Auswirkungen auf den Kohlenstoffhaushalt untersucht“, so Sitch, „aber glücklicherweise sind die sehr positiv.“ Damit spielt die natürliche Vegetation in China eine ähnlich große Rolle wie in den USA. Dort schluckten die Ökosysteme zwischen 20 und 40 Prozent des emittierten Kohlenstoffs. Zum Vergleich: In Europa sind es nur zwölf Prozent, was an der intensiven Bewirtschaftung unseres Kontinents liegen kann.

Mit der positiven Botschaft der Wissenschaftler werden die chinesischen Unterhändler auf den anstehenden Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen gewiss zu punkten versuchen. Allerdings hat die Nachricht auch eine nicht ganz so glänzende Kehrseite. „Der Einfluss des Ökosystems auf die Kohlendioxidbilanz hat in den Jahren nach der Jahrtausendwende merklich nachgelassen“, erklärt Stephen Sitch. Der Grund ist sehr einfach: Der chinesische Kohlendioxidausstoß hat sich drastisch erhöht, und er wird sich nach einer Studie der Internationalen Energieagentur bis 2030 noch einmal verdoppeln. „Zwischen 2001 und 2006 kompensierte die Biosphäre daher nur noch 16 bis 22 Prozent des menschgemachten Kohlenstoffausstoßes“, so Sitch. Bis 2030 werde dieser Effekt auf sechs bis acht Prozent gesunken sein, sekundiert der Atmosphärenchemiker Kevin Robert Gurney, Professor an der amerikanischen Purdue-Universität, in einem Kommentar für „Nature“. „Und selbst das nur dann“, so fügt er hinzu, „wenn die Biosphäre ihre Absorptionsleistung aufrechterhalten kann.“ Gurney bezeichnet diese Annahme als fragwürdige Projektion.

Leifeng Pagode in HangzhouBestandsaufnahmen wie die von Sitch und Kollegen sind extrem wichtig, denn sie schließen die klaffenden Lücken in unserer Vorstellung vom Stoffkreislauf im Erdsystem. Diese Lücken machen sich insbesondere dann bemerkbar, wenn man Studien,  Modellrechnungen und Messungen auf unterschiedlichen Skalen unter einen Hut bekommen will. Genau das haben die Forscher um Piao und Sitch für China gemacht. Sie trugen zum einen alle verfügbaren Daten aus lokalen oder regionalen Studien über den Kohlenstoffhaushalt in China zusammen, sie zogen weiterhin Satellitendaten über die Kohlenstoffaufnahme in China heran, und sie modellierten zum dritten die Kohlenstoffaufnahme mit einschlägigen Computermodellen. „Alle drei Methoden weisen in dieselbe Richtung“, betont Stephen Sitch.

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