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Winter mit Vorankündigung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.04.2014 10:13

Die Winter im nordatlantischen Sektor sind unberechenbar. In dieser Saison fiel die kalte Jahreszeit in Europa praktisch aus, traktierte dafür den Osten Nordamerikas mit drastischen Schneestürmen. Im Jahr zuvor gab es erst spät im ersten Quartal 2013 Schnee und in der Saison davor erlebte Mitteleuropa einen der strengsten Winter der jüngsten Zeit. Gleichzeitig wird vor dem langfristigen Trend zu steigenden Temperaturen auf der Erde und speziell im Bereich der Arktis gewarnt. Klimaforscher suchen daher händeringend nach Mechanismen, die das Geschehen auf der Nordhalbkugel erklären könnten.

Im Winter bieten die Alpen einen traumhaften Anblick.Schon seit längerer Zeit ist ein Zusammenhang mit der Fläche des arktischen Meereises im Gespräch. Kurz gesagt, wird der Winter streng, wenn das Meereis im Herbst zuvor stark abgeschmolzen ist. Doch das Bild ist offenbar wesentlich komplizierter. Zwei Forscher von der Universität von Kalifornien in Irvine südlich von Los Angeles bringen in den "Environmental Research Letters" einen weiteren Faktor ins Spiel, der auch das arktische Meereis beeinflusst: die Atlantische Multidekadische Oszillation (AMO). Das ist eine Schwankung der Oberflächenwassertemperatur im nordatlantischen Becken zwischen Neufundland und Schottland, die um 1,5 Grad zwischen einem unteren und oberen Grenzwert oszilliert. Ein kompletter Zyklus von positiv zu negativ und wieder zurück dauert zwischen sechs und sieben Jahrzehnten. 

Im Winter scheint diese Temperaturschwankung die Nordatlantische Oszillation (NAO) zu beeinflussen, die steuert, ob sich eine starke Kombination von Azorenhoch und Islandtief ausbildet. Das starke Duo sorgt für wärmere und feuchtere Atlantikluft in Europa und an der amerikanischen Ostküste, während es im kanadischen Norden und in Grönland kalt und trocken bleibt. Ein Blick in die Temperaturaufzeichnungen der vergangenen 150 Jahre zeigt, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen AMO und NAO gibt: Ist die eine stark, wird die andere mit einer Verzögerung von zehn bis 15 Jahren schwach und lässt kalte Polarluft nach Europa und an die amerikanische Ostküste durch. Das unterstrichen nach Angaben von Yannick Peings und Gudrun Magnusdottir auch Simulationen mit dem Klimamodell CAM5 des US-Zentrums für Atmosphärenforschung in Boulder, Colorado.

Im September 2012 wurde ein Rekordminimum des arktischen Meereises von 3,42 Millionen Quadratkilometer gemeldet. (Bild: NSIDC)Noch handelt es sich nur um eine statistische Korrelation, keine eindeutige Kausalkette. Das zeigen schon winterliche Ausreißer wie der gerade beendete, der in Europa mehr als mild, an der amerikanischen Ostküste dagegen sehr wechselhaft mit durchaus starkem Schneefall war. Auch über die physikalischen Mechanismen, die beide Atmosphärenphänomene zusammenbinden, könne man derzeit nur spekulieren, schreiben die beiden Forscher in den "Environmental Research Letters". Allerdings sei der Zusammenhang ziemlich plausibel - und damit sei für Europa und Amerikas Ostküste weiterhin eher mit kalten und sogar schneereichen Wintern zu rechnen. Die derzeit positive AMO-Phase läuft seit Beginn des Jahrtausends, sollte also noch weitere 15 Jahre  andauern, bevor die Oberflächenwassertemperaturen wieder in Richtung Minimalwert sinken.

Der Zusammenhang ist robust genug, dass Peings und Magnusdottir sogar eine Art langfristiger Wintervorhersage daran knüpfen mögen, vorausgesetzt das Klima bewegte sich weiterhin halbwegs in den bekannten Bahnen. Der menschgemachte Treibhauseffekt könnte nämlich durchaus den neu entdeckten Mechanismus über den Haufen werfen.