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Wir Zauberlehrlinge

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:01

Mittlerweile ist es weitgehend unumstritten, dass der Mensch tief in das System Erde eingreift. Allein mit unserem Ausstoß an Treibhausgasen bescheren wir der Erde einen Fieberanfall, wie schon seit Hunderttausenden von Jahren nicht mehr. Und weil keineswegs sicher ist, dass der gute Vorsatz aus dem Kyoto-Protokoll, CO2 und Co in geringerer Menge in die Luft zu blasen, umgesetzt wird, ist auch nicht absehbar, wie hoch die Fieberkurve steigen wird. Angesichts dieser Aussichten gewinnt ein Thema an Gewicht, das bisher eher im Bereich von Sciencefiction rangierte: Das Klima absichtlich zu manipulieren, um einige der drastischen Folgen eines Klimawandels abzupuffern.

„Ich weiß nicht, ob man es als einen Traum der Menschheit bezeichnen sollte, vielleicht ist eher ein Alptraum, wenn der Mensch daran geht, das Erdklima zu steuern.“ Aus Ken Caldeira, Erdsystemforscher an der Stanford-Universität, spricht der große Zweifel, der die meisten Geowissenschaftler befällt, wenn die Sprache auf Klima-Engineering kommt. Nicht wenige Experten müssen dabei an den Zauberlehrling denken, etwa Ronald Prinn, Professor am Massachusetts Institute of Technology. „Wir versuchen eine Maschine zu manipulieren, die wir nicht vollständig begreifen. Unser Klima-Engineering könnte mit einiger Wahrscheinlichkeit ungewollte oder sogar gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen“, warnt der Klimaforscher im Gespräch mit Planeterde.

Steinkohlekraftwerk VoerdeDennoch ist das Thema auf dem Tisch, seit der renommierte Klimaforscher Paul Crutzen vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz 2006 in einem Nature-Beitrag forderte, über einen Sonnenschutz in der höheren Atmosphäre nachzudenken. „Dass sich jemand mit Crutzens Ansehen äußerte, hat die Diskussion beflügelt”, resümiert rückblickend Oliver Wingenter vom New Mexico Institute of Technology in Socorro. Dabei reden weder Crutzen noch sonst einer der beteiligten Experten einer hemmungslosen Experimentierlust das Wort. Die Wissenschaftler wollen zunächst nur die Folgen eines Drehens an den Stellschrauben der Klimamaschine ausloten. „Wir sollten mögliche katastrophale Konsequenzen des Klima-Engineering kennen, bevor sich Politiker unter dem Druck der Öffentlichkeit darauf stürzen“, sagt Ken Caldeira.

Dass die Forscher gut daran tun, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen, zeigt der Fall Eisendüngung der Ozeane. Im Grunde ist sie ein Spezialfall des Klima-Engineering, und hier mussten die Wissenschaftler bereits zur Kenntnis nehmen, dass Wirtschaftsunternehmen auf den Plan treten und mit ungewohnter Geschwindigkeit das Heft an sich reißen. Bei den bisher angedachten Manipulationen der Weltklimamaschine liegt der Charme darin, dass sie vergleichsweise einfach und zu relativ geringen Kosten durchzuführen sind. „Wenn man die Emissionen senkt, dauert es Jahrzehnte, bis sich die Resultate zeigen”, weiß Caldeira, “aber Klima-Engineering könnte sich schon innerhalb eines Jahres auswirken. Politiker könnten also schon innerhalb einer Wahlperiode einen Effekt hervorrufen.“ Im Zweifel bliebe den Forschern kaum genug Zeit für eine gründliche Auseinandersetzung.

Ausbruch des PinatuboAllerdings birgt die Erforschung des Themas auch etliche Gefahren, denn das wichtigste Instrument der naturwissenschaftlichen Forschung ist das Experiment. „Wo wäre die Grenze zu ziehen zwischen einem Großexperiment und dem tatsächlichen Einsatz von Klima-Engineering“, fragt sich nicht nur Ronald Prinn. Interessierte Staaten könnten die wissenschaftlichen Ergebnisse benutzen und auf eigene Faust entsprechende Maßnahmen ergreifen. Die Kosten etwa, um Schwefeldioxid in der Stratosphäre zu verteilen, schätzen Experten auf einen drei- bis vierstelligen Millionenbetrag pro Jahr. „Staaten wie die USA, China oder andere könnten sich das leisten, und solche Konzepte schon in einem Monat umsetzen, wenn es in ihrem nationalen Interesse wäre”, meint Ken Caldeira.

Das allerdings dürfte das Zeug zu einer größeren internationalen Krise haben. „Es wäre eine Provokation und würde internationalen Aufruhr hervorrufen“, schätzt Ronald Prinn. Denn selbst die ersten sehr rudimentären Modellierungen, die etwa Alan Roebuck an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey durchführte, haben gezeigt, dass ein Sonnenschutz in der Erdatmosphäre nicht nur Vorteile hat. Roebuck hat berechnet, welche Folgen ein auf die Arktis begrenztes Programm haben könnte. In der Arktis wirkte es positiv, weil der Schwund des Meereises aufgehalten wurde, „allerdings“, so Ken Caldeira, „reichte selbst ein so begrenztes Programm aus, um den Monsun über Indien zu beeinflussen.“ Um bis zu 30 Prozent könnte der Monsunregen zurückgehen. Überdies gibt es auch in einer Klimawandel-Welt Nutznießer, etwa Ägypten oder Saudi-Arabien, bei denen es voraussichtlich feuchter würde. „Die könnten weniger zufrieden sein, wenn das Klima-Engineering ihnen diese Niederschläge wieder wegnähme“, so Caldeira.

Und selbst wenn Klima-Engineering ohne größere Nachteile funktionieren könnte, befürchten die Forscher, dass mit dieser Möglichkeit im Rücken die Anstrengungen erlahmen könnten, die Ursache der ganzen Malaise zu beseitigen. „Das ist keine Lösung für 100 Jahre”, erklärt Oliver Wingenter, “wir wären als Menschheit ziemlich dumm, wenn wir nicht unseren Kohlendioxidausstoß reduzierten.” Klima-Engineering könnte zwar eventuell den Temperaturanstieg in der Atmosphäre dämpfen, doch alle anderen Folgen der Klimagas-Emissionen kann es nicht bekämpfen. Die Versauerung der Ozeane mit all ihren Konsequenzen für Korallen, Einzeller und die auf ihnen basierenden Nahrungsnetze würde fortschreiten und sich sogar beschleunigen, falls die Menschheit sich durch Geo-Engineering einlullen ließe. Bestenfalls, so die derzeitige Einschätzung vieler Geowissenschaftler, könnten wir uns durch solche Maßnahmen Zeit erkaufen für eine drastische CO2-Reduktion. Kenn Caldeira: „Eine CO2-reiche Welt mit Geo-Engineering mag da besser sein als eine ohne solche Maßnahmen.“

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