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Zahlenmäßig unterlegen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 15.08.2011 09:35

Das Ende der Neandertaler ist eines der am heißesten diskutierten Themen der Paläoanthropologie. Britische Prähistoriker präsentieren jetzt in "Science" Berechnungen, die eine schon sehr alte Erklärung für die Verdrängung der Neandertaler durch unsere Vorfahren stützen: Die Alteingesessenen waren einfach zu wenige, um den Neuankömmlingen standzuhalten.

Rothaariger NeandertalerVor rund 35.000 Jahren verschwanden die Neandertaler aus Europa, das sie rund 300.000 Jahre bewohnt hatte. Die kälteangepassten Eiszeitmenschen sind von den modernen Menschen geradezu überrannt worden und deswegen sang- und klanglos untergegangen. Das glaubt zumindest der renommierte Prähistoriker Paul Mellars, Emeritus der Universität Cambridge, und er liefert zusammen mit Jennifer French in "Science" Belege für diese These. Sie untersuchten die Fundstellen in der südwestfranzösischen Dordogne, wo es besonders viele von beiden Menschenarten gibt. Die Funde lassen sich in der Regel gut einer von beiden Populationen zuordnen, schwierig wird es aber, wenn man diese qualitative Information mit Zahlen unterfüttern will.

Mellars und French haben genau das versucht: Sie verglichen die Zahl der Fundstellen und ihre Ausdehnung und schätzten die Bevölkerungsdichte am jeweiligen Ort ab, indem sie die Zahl der gefundenen Werkzeuge und der Tierknochen maßen. Aus all diesen Daten leiten sie ab, dass die Bevölkerungszahl der modernen Menschen in der Dordogne am Ende des Übergangs um das Neun- bis Zehnfache höher lag als die der Neandertaler zu Beginn der Einwanderung. "Das legt nahe, dass schon die numerische Überlegenheit ein Faktor mit großer, wenn nicht ausschlaggebender Bedeutung im Konkurrenzkampf der beiden Arten war", schreiben die Autoren in "Science".

Neandertaler HolotypIn der Zeit von vor 45.000 bis vor 35.000 Jahren verschwanden die robusten und an das kalte Klima des Pleistozän in Europa gut angepassten Neandertaler, während die aus dem Süden einwandernden modernen Menschen ihren Platz einnahmen und bis heute behaupten. Die Ursachen für diesen Wechsel sind unbekannt, daher gehört die Diskussion über das Ende der Neandertaler zu den heftigsten der Paläoanthropologie, seit vor über 150 Jahren das erste Skelett in der Nähe von Düsseldorf entdeckt wurde. Dass eventuell neue Infektionskrankheiten oder die technischen Überlegenheit der Neuankömmlinge den Ausschlag gaben, wurde dabei ebenso vorgebracht, wie das Argument der schieren Überzahl. Bislang konnte jedoch keines der Szenarien erhärtet werden.

Klar ist, dass das Europa jener Zeit ein ziemlich karger Kontinent war. Auf der Suche nach Nahrung nutzten beide Menschenarten dieselben Korridore, in der Regel Flusstäler, und kamen dabei sicher in Kontakt, häufig gerieten sie vermutlich auch in Konkurrenz zueinander. "Angesichts dieser Konkurrenz scheinen die Neandertaler sich zunächst in die weniger attraktiven Randgebiete zurückgezogen zu haben", erklärt Mellars, "wo sie dann schließlich ausstarben."

NeandertalerhütteBei den Kollegen stoßen Mellars und French mit ihren Kalkulationen auf gemischte Reaktionen. "Ich glaube nicht, dass jemand so etwas schon einmal versucht hat", erklärt etwa Richard Klein, Paläoanthropologe an der kalifornischen Universität Stanford durchaus beeindruckt gegenüber der "Los Angeles Times". Dagegen kritisiert der Neandertaler-Spezialist Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis, dass es zu viele Unbekannte gäbe, um solche Berechnungen zu machen.

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